Archiv | Januar, 2011

Phänomen der Selbstreferntialität: Guttenberg als Opfer

30 Jan

Ist ein Mensch stark oder gar nur auf sich selbst bezogen, wird ihn seine Umwelt als nicht besonders positiv wahrnehmen. Vielmehr wird er zwar als selbstsicher, aber egoistisch eingestuft werden, der für seine fehlerhaften Seiten nur einen verklärten Blick haben wird.

Ähnlich problematisch kann es sein, wenn sich die Medien nur auf sich selbst beziehen, also in ihrer Berichterstattung nicht auf die medienexterne Umwelt zurückgreifen. Dies wird als Phänomen der Selbstreferentialit beschrieben.

Da die Öffentlichkeit in der (Medien)gesellschaft über Medien hergestellt wird, kommt den Medien bzw. Journalisten dabei eine gewisse Verantwortung zu. Der bekannte Systemtheoretiker Luhmann formulierte es treffend folgendermaßen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann, Niklas (2009): Die Realität der Massenmedien. 4. Auflage. Wiesbaden, S. 9.)

Die Dystopie, die der Spruch, „was nicht in den Massenmedien vermittelt wird, hat nicht stattgefunden“ (zitiert nach Strohmeier, Gerd (2004): Politik und Massenmedien. Eine Einführung. Baden-Baden, S. 72.) ist gerade im Film oftmals bereits Realität geworden. Das Problem ist, dass vergleichbar mit einer Autobiografie, nicht genau geklärt werden kann, was in den Medien realistisch oder verklärt dargestellt wird. Sind sie doch oftmals der einzige Realitätsbeweis.

Kein direkter Zugang zu Primärereignissen in der Mediengesellschaft

Die Herstellung von Öffentlichkeit ist die Primärfunktion der politischen Funktion von Massenmedien, „[d]a dem Individuum der direkte Zugang zu Primärereignissen aus räumlichen und zeitlichen Gründen oft verwehrt ist, kann hier durchaus von einem Abhängigkeitsverhältnis gesprochen werden, denn für viele Sachverhalte bleiben die Massenmedien die einzige Informationsquelle, die dem Einzelnen zur Verfügung steht.“ (Strohmeier (2004), S. 72.)

Beziehen sich die Medien also immer stärker auf sich selbst und recherchieren die Journalisten nicht an diesen oben erwähnten Primärereignissen, werden sie ihrer eigentlichen Funktion nicht mehr gerecht und das mediale Phänomen der Selbstreferentialität wird zum Problem.

Derzeit gibt es viele mediale Phänomene, die von der Selbstreferentialität profitieren, was besonders deutlich im Umfeld des Fernsehens aufgezeigt werden kann.

TV Total als selbstbezügliche Fernsehsendung

So gibt es Sendungen, die davon leben, sich auf andere Sendungen zu beziehen. Als bestes Beispiel des deutschen Fernsehens für eine selbstbezügliche Fernsehsendung kann Stefan Raab’s TV Total angesehen werden – die Sendung lebt davon, dass Raab Filmausschnitte anderer Fernsehproduktionen zeigt.

Guttenbergs falscher Vorname

„Der neue Wirtschaftsminister: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Müssen wir uns diesen Namen merken?“ Mit dieser Schlagzeile (vom 10. Februar 2009) machte die Bildzeitung einen Tag nach der Ernennung von Guttenberg zum Bundeswirtschaftsminister durch seinen Parteichef, Horst Seehofer, auf.

Aber all diese Namen mussten sich die Bürger tatsächlich nicht merken, denn ein anonymer Wikipedia-Autor hatte den falschen Vornamen „Wilhelm“ bewusst dem Guttenberg-Artikel der Online-Enzyklopädie hinzugefügt.

Hier kommt das Problem der Selbstreferenz zum Tragen. Binnen 24 Stunden hatten nämlich die Medien den falschen elften Vorname quer durch die Republik verbreitet. Egal ob es sich um eine Qualitätszeitung, wie die Süddeutsche Zeitung oder eine Boulevardzeitung, wie die Bild handelt – alle haben offensichtlich von Wikipedia abgeschrieben.

Skeptische Wikipedia-Autoren hatten zwar zwischenzeitlich Verdacht geschöpft, doch der Einzelnachweis bei den Vornamen lag mittlerweile bei Spiegel-Online.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass viele Medien ihre Informationen nicht mehr an der ursprünglichen Quelle recherchieren, sondern aus anderen Medien übernehmen, was als „Zirkelbezug“ zu bezeichnen ist.

Richtig wäre es gewesen, an der primären Quelle, in diesem Fall „das Genealogische Handbuch des Adels“ zu recherchieren.

Handelsblatt.com rechtfertigt sich nach Bekannt werden der Manipulation folgendermaßen: „Gerade wenn es schnell gehen muss, dann greifen Journalisten mittlerweile gerne auf Wikipedia zurück.“

Stellung nimmt der anonyme Wikipedia-Autor auf dem Bild-Blog: „Zugegeben, der Scherz war anfangs nicht gerade originell. Innerhalb weniger Stunden bekam er aber eine höchst interessante Eigendynamik, die mich an den Recherche-Methoden vieler Journalisten erheblich zweifeln ließ. […] Niemand merkte es – und etliche Online-Medien, Zeitungen und Fernsehsender schrieben meine Erfindung ungeprüft ab.“

Das handelsblatt.com steht an dieser Stelle nur exemplarisch für alle Medien, die ungeprüft von Wikipedia abgeschrieben hatten. Die Redaktion formuliert in der Richtigstellung, dass sie Lehren aus diesem Vorfall ziehen wolle.

Medienjournalismus als Lösungsansatz in Zeiten von Spiegel-Online?

Arbeiten die Journalisten nicht sorgfältig, wie es eigentlich ihrer Berufspflicht entspricht und recherchieren bspw. nicht an Primärquellen, kann für das Publikum ein enormer Schaden entstehen, wie oben thematisiert wurde.

„Die Massenmedien erfüllen eine Kontrollfunktion, indem sie politisch Akteure kontrollieren und gegebenenfalls kritisieren. Oftmals ist von einer Kontroll- und Kritikfunktion die Rede.“( Strohmeier (2004), S. 73.) Die Medien kontrollieren also die Politik – aber können sich die Medien auch selbst kontrollieren?

Watchblogs als neue Form der Medienkritik

Eine neue Veröffentlichungsmöglichkeit für Medienkritik sind „Watch-Blogs“. Einer der bekanntesten deutschsprachigen Watchblogs ist der Bildblog, der ursprünglich nur Bildpublikationen, nun aber auch andere Publikationen beobachtet. Auch der anonyme Wikipedia-Autor hat in diesem Blog erläutert, wie er Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte.

Der Medienjournalismus würde also eine Möglichkeit darstellen, das Problem der Selbstreferentialität zu lösen oder zumindest zu kontrollieren. Doch wiederum problematisch ist, dass der Medienjournalist „im Glashaus sitzt“, weil seine gesellschaftlich notwendige Kritik- und Kontrollfunktion von kollegialen und ökonomischen Interessenskonflikten überschattet wird.

In einer Zeit, in der sich Journalisten nach Leitmedien wie Spiegel Online richten, wird es schwer sein, das Problem der Selbstreferentialität in den Griff zu bekommen. Wenn Medien Leitmedien als dogmatische ansehen und ungeprüft übernehmen.

Autonomes Mediensystem für Demokratie wichtig

Doch ist das Phänomen der Selbstreferentialität nicht nur als Problem zu stilisieren:

Nicht nur Luhmann hält den Eingriff in ein autopoietisches System für problematisch. Den Garant für eine gesunde, pluralistische Demokratie stellt ein selbstständiges, autonomes und autopoietisches Mediensystem dar. In Artikel 5 des Grundgesetzes ist daher gemeinsam mit der Meinungsfreiheit, die Rundfunkfreiheit und Informationsfreiheit verankert: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Ein geschlossenes System erhält sich durch Selbstbeobachtung. Es ist daher nicht erstaunlich, dass es gerade Filmemacher sind, die das Problem der Selbstreferentialität aufzeigen. Schließlich bewegen auch diese sich in diesem autopoietischen System. So leistet der Spielfilm durch seine Selbstbeobachtung einen wichtigen Beitrag und trägt zur Optimierung des Systems bei. So plädiert bspw. „Good Night and Good Luck“ für den Einfluss, den die Zuseher durch ihr Fernsehverhalten haben.

In Zeiten des Web 2.0, das vom „user generated content“ lebt, sind die Möglichkeiten z. B. durch Watchblogs noch viel größer, die Medien direkt zu beobachten.

Macht der User durch Medienkontrolle 2.0

Es wäre wünschenswert, wenn die Bürger von ihrer „neuen Mündigkeit“ verstärkt Gebrauch machen würden. Denn das Web 2.0 kann, bei richtigem Gebrauch eine ähnlich große aufklärerische Leistung wie einst die Erfindung des Buchdrucks haben. Die Bürger könnten von den Journalisten ebenso weniger abhängig werden, wie einst im Gutenberg-Zeitalter von den Dogmen der Kirche.

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Social Media: Freundschaft 2.0

28 Jan

„Neue Freunde finden auf http://www.lokalisten.de“, so wirbt ein soziales Onlinenetzwerk am Nachmittag auf dem Jugendsender Pro Sieben. Inflationär wird in unserer Zeit der einst, v. a. in der Antike, so wertvolle Begriff der Freundschaft gebraucht. Doch off- wie online nehmen zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften eine große Rolle im Leben der Menschen ein.

Vernetzt und doch @llein?

Im Internet richten sich heute vor allem die Jugendlichen häuslich ein – soziale Onlinenetzwerke boomen. Facebook, studiVZ und Co werden zu einer Art zweitem zu Hause. Manche User haben online mehrere hundert „Freunde“.  (Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 130 Freunde.) Gleichzeitig hat jedoch die Facebook-Gruppe „Nur weil wir Facebook-Freunde sind, heißt das nicht, dass ich dich mag“ über 50.000 Mitglieder (Stand: September 2010).

Seit wann mögen sich „Freunde“ nicht mehr?

Noch in Friedrich Schillers „Bürgschaft“ liefert sich der Freund dem antiken tyrannischen König aus – Freundschaft reicht hier über den Tod hinaus. Doch das gilt sicher nicht mehr für Freunde in sozialen Onlinenetzwerken. Nicht von ungefähr titelte auch der „Spiegel“ im März 2009: „Fremde Freunde. Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen.“

Besteht also ein Unterschied zwischen Online- und sog. Real-Life-Freundschaften? Sind also die Online-Netzwerker vernetzt und doch @llein?

Nur wenn die Menschen erkennen, dass Freundschaft nicht nur virtuell gelebt werden kann und darf, können sie für sich auch die Frage klären: Wann ist ein Freund ein Freund?

Erst bei entsprechender Differenzierung zwischen Bekannt- und Freundschaften, können die sozialen Onlinenetzwerke gewinnbringend genutzt werden. Denn Freundschaften zu schließen, insbesondere im Jugendalter, hat eine wichtige sozialisatorische Bedeutung.

Als neue Errungenschaft unserer Zeit sollten Social Communities nicht über- aber auch nicht unterbewertet werden.

Zauberwort „Medienkompetenz“

„Jugendliche müssen heute mehr Informationen verarbeiten und mehr Entscheidungen treffen als jede Generation vor ihnen. Um diese Wahlfreiheit nutzen zu können, benötigen Jugendliche heute vielfältige Kompetenzen (…).“ (Shell-Studie 2010, S. 41) Um die Medieninhalte, insbesondere der Neuen Medien, für sich prüfen und nutzen zu können, ist daher eine sog. Medienkompetenz erforderlich. Denn diese hat sich als vierte Basiskompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der heutigen Mediengesellschaft etabliert.

Der damalige Vorsitzende der DBK, Karl Kardinal Lehmann, bezeichnet daher in einer Ansprache im Jahr 2006 die Medienkompetenz als Lebenskompetenz. Auch für den Erwachsenen impliziere diese Forderung die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, wie es der ständige Wandel der Medienkultur erforderlich mache. Denn auch den digitalen Einwanderern, den Erwachsenen, die sich in den sozialen Onlinenetzwerken aufhalten, muss klar werden, dass wahre Freundschaft offensichtlich nur offline stattfindet.

Insbesondere für Jugendliche stellen Freundschaften ein wichtiges Moment dar, das psychosoziale Moratorium Jugend positiv zu durchlaufen. Hierbei sollten sie in einem Medienunterricht auch dazu angeleitet bzw. ermuntert werden, dass eine face-to-face Kommunikation wesentlich andere Aspekte beinhaltet als eine medienvermittelte.

Eine wichtige Rolle beim Aufbau von Freundschaften spielen nämlich auch Merkmale, wie Geruch, Mimik oder Gestik, die bei der Kommunikation im Internet von vornherein (noch?) gänzlich ausgeschlossen sind. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Ich kann dich nicht riechen“. Diese Aspekte spielen also ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Aufbau „echter“, wechselseitiger Freundschaft.

Es gilt also, die Medienkompetenz in schulischer und außerschulischer Medienarbeit zu fördern. Denn wer heute nicht im Web 2.0 präsent ist, existiert quasi nicht. So startete Bayern vorbildlich an 30 Grundschulen zum Schuljahr 2009/10 die Pilotphase zu einem Medienführerschein, der die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fördern soll.

Angeleitet zum richtigen Gebrauch, erfüllen soziale Onlinenetzwerke viele praktische Funktionen: Über diese können Kontakte aufgebaut, intensiviert oder gehalten werden und das über große Entfernungen hinweg, was insbesondere in unserer globalisierten Welt sinnvoll wäre.

Doch erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass bereits Aristoteles Freundschaft relativiert, auch hier eine Relativierung, sprich eine Umbenennung des Begriffs „Freund“ in sozialen Onlinenetzwerken sinnvoll.

„Kontakte“ statt „Freunde“

Das Businessnetzwerk XING macht es vor: In ihm werden die eigenen Netzwerkpartner neutral als „Kontakte“ bezeichnet. Denn Nutzfreundschaften, wie Aristoteles sie beschreibt, werden heute etwa im studiVZ gepflegt. So negativ bewertet, wie von dem Griechen einst, werden diese nützlichen Verbindungen heute schon lange nicht mehr. Vielmehr erscheint es sinnvoll, sich zusammenzuschließen, um sich z. B. über gemeinsame Lehrveranstaltungen an der Uni auszutauschen. Und bereits Cicero gestand den Menschen zu, dass Freundschaften nicht ein Leben langhalten müssen, weil sich die Grundsätze ändern können. Das alles trifft also z. B. auf die „Freunde“ in studiVZ, etwa nach Ende des Studiums, zu. Aber warum werden dann darin die Netzwerkpartner als „Freunde“ bezeichnet?

In Anbetracht der Bachelorarbeit der Autorin erscheint eine Umbenennung in die neutralere Bezeichnung wie z. B. „Kommilitonen“ sinnvoll. 67,1% der Teilnehmer haben sich in der Umfrage im Rahmen der Bachelorarbeit für eine Umbenennung ausgesprochen. Aber wie wäre dies zu erreichen?

Ähnlich wie bei der Änderung der Datenschutzbestimmungen könnten sie sich in Gruppen zusammenschließen und so die Betreiber dazu bringen, diese Umbenennung vorzunehmen. Doch diese Initiative hätte wohl nur wenig Aussicht auf Erfolg, müssten hierfür wohl erst Millionen User mobilisiert werden, bis die Betreiber überhaupt davon Kenntnis nähmen.

Trennung zwichen beruflichorientierten und privaten Netzwerken

Eine andere Möglichkeit wäre, persönlich stärker als jetzt zwischen beruflichorientierten und privaten Netzwerken zu trennen. Denn sind etwa in Xing „weakties“ für die Erhöhung des briding social capitals erforderlich, dass „strukturelle[…] Löcher“ (Ebersbach, Anja/ Glaser, Markus/ Heigl, Richard (2008): Social Web. Konstanz., S. 82) überbrückt werden können, sollte die Intensität der Kontakte, das bonding social capital, privat und somit auf Facebook eine wichtigere Rolle spielen. Jedoch wird dies in der Praxis kaum umzusetzen sein, da nicht jeder in allen Netzwerken angemeldet ist und man keinen Kontakt verlieren möchte, da jeder potentielle Ressourcen bereithält.

Was bleibt, ist also die Erziehung der Digital Natives, aber auch der Digital Immigrants zum eigenverantwortlichen Umgang – allen muss klar gemacht werden:

Nicht jeder, den wir im Internet als Freund bezeichnen, ist ein wahrer Freund – denn sonst bleiben wir vernetzt und doch @llein!