Social Media: Freundschaft 2.0

28 Jan

„Neue Freunde finden auf http://www.lokalisten.de“, so wirbt ein soziales Onlinenetzwerk am Nachmittag auf dem Jugendsender Pro Sieben. Inflationär wird in unserer Zeit der einst, v. a. in der Antike, so wertvolle Begriff der Freundschaft gebraucht. Doch off- wie online nehmen zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften eine große Rolle im Leben der Menschen ein.

Vernetzt und doch @llein?

Im Internet richten sich heute vor allem die Jugendlichen häuslich ein – soziale Onlinenetzwerke boomen. Facebook, studiVZ und Co werden zu einer Art zweitem zu Hause. Manche User haben online mehrere hundert „Freunde“.  (Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 130 Freunde.) Gleichzeitig hat jedoch die Facebook-Gruppe „Nur weil wir Facebook-Freunde sind, heißt das nicht, dass ich dich mag“ über 50.000 Mitglieder (Stand: September 2010).

Seit wann mögen sich „Freunde“ nicht mehr?

Noch in Friedrich Schillers „Bürgschaft“ liefert sich der Freund dem antiken tyrannischen König aus – Freundschaft reicht hier über den Tod hinaus. Doch das gilt sicher nicht mehr für Freunde in sozialen Onlinenetzwerken. Nicht von ungefähr titelte auch der „Spiegel“ im März 2009: „Fremde Freunde. Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen.“

Besteht also ein Unterschied zwischen Online- und sog. Real-Life-Freundschaften? Sind also die Online-Netzwerker vernetzt und doch @llein?

Nur wenn die Menschen erkennen, dass Freundschaft nicht nur virtuell gelebt werden kann und darf, können sie für sich auch die Frage klären: Wann ist ein Freund ein Freund?

Erst bei entsprechender Differenzierung zwischen Bekannt- und Freundschaften, können die sozialen Onlinenetzwerke gewinnbringend genutzt werden. Denn Freundschaften zu schließen, insbesondere im Jugendalter, hat eine wichtige sozialisatorische Bedeutung.

Als neue Errungenschaft unserer Zeit sollten Social Communities nicht über- aber auch nicht unterbewertet werden.

Zauberwort „Medienkompetenz“

„Jugendliche müssen heute mehr Informationen verarbeiten und mehr Entscheidungen treffen als jede Generation vor ihnen. Um diese Wahlfreiheit nutzen zu können, benötigen Jugendliche heute vielfältige Kompetenzen (…).“ (Shell-Studie 2010, S. 41) Um die Medieninhalte, insbesondere der Neuen Medien, für sich prüfen und nutzen zu können, ist daher eine sog. Medienkompetenz erforderlich. Denn diese hat sich als vierte Basiskompetenz neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der heutigen Mediengesellschaft etabliert.

Der damalige Vorsitzende der DBK, Karl Kardinal Lehmann, bezeichnet daher in einer Ansprache im Jahr 2006 die Medienkompetenz als Lebenskompetenz. Auch für den Erwachsenen impliziere diese Forderung die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen, wie es der ständige Wandel der Medienkultur erforderlich mache. Denn auch den digitalen Einwanderern, den Erwachsenen, die sich in den sozialen Onlinenetzwerken aufhalten, muss klar werden, dass wahre Freundschaft offensichtlich nur offline stattfindet.

Insbesondere für Jugendliche stellen Freundschaften ein wichtiges Moment dar, das psychosoziale Moratorium Jugend positiv zu durchlaufen. Hierbei sollten sie in einem Medienunterricht auch dazu angeleitet bzw. ermuntert werden, dass eine face-to-face Kommunikation wesentlich andere Aspekte beinhaltet als eine medienvermittelte.

Eine wichtige Rolle beim Aufbau von Freundschaften spielen nämlich auch Merkmale, wie Geruch, Mimik oder Gestik, die bei der Kommunikation im Internet von vornherein (noch?) gänzlich ausgeschlossen sind. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Ich kann dich nicht riechen“. Diese Aspekte spielen also ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Aufbau „echter“, wechselseitiger Freundschaft.

Es gilt also, die Medienkompetenz in schulischer und außerschulischer Medienarbeit zu fördern. Denn wer heute nicht im Web 2.0 präsent ist, existiert quasi nicht. So startete Bayern vorbildlich an 30 Grundschulen zum Schuljahr 2009/10 die Pilotphase zu einem Medienführerschein, der die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fördern soll.

Angeleitet zum richtigen Gebrauch, erfüllen soziale Onlinenetzwerke viele praktische Funktionen: Über diese können Kontakte aufgebaut, intensiviert oder gehalten werden und das über große Entfernungen hinweg, was insbesondere in unserer globalisierten Welt sinnvoll wäre.

Doch erscheint in Anbetracht der Tatsache, dass bereits Aristoteles Freundschaft relativiert, auch hier eine Relativierung, sprich eine Umbenennung des Begriffs „Freund“ in sozialen Onlinenetzwerken sinnvoll.

„Kontakte“ statt „Freunde“

Das Businessnetzwerk XING macht es vor: In ihm werden die eigenen Netzwerkpartner neutral als „Kontakte“ bezeichnet. Denn Nutzfreundschaften, wie Aristoteles sie beschreibt, werden heute etwa im studiVZ gepflegt. So negativ bewertet, wie von dem Griechen einst, werden diese nützlichen Verbindungen heute schon lange nicht mehr. Vielmehr erscheint es sinnvoll, sich zusammenzuschließen, um sich z. B. über gemeinsame Lehrveranstaltungen an der Uni auszutauschen. Und bereits Cicero gestand den Menschen zu, dass Freundschaften nicht ein Leben langhalten müssen, weil sich die Grundsätze ändern können. Das alles trifft also z. B. auf die „Freunde“ in studiVZ, etwa nach Ende des Studiums, zu. Aber warum werden dann darin die Netzwerkpartner als „Freunde“ bezeichnet?

In Anbetracht der Bachelorarbeit der Autorin erscheint eine Umbenennung in die neutralere Bezeichnung wie z. B. „Kommilitonen“ sinnvoll. 67,1% der Teilnehmer haben sich in der Umfrage im Rahmen der Bachelorarbeit für eine Umbenennung ausgesprochen. Aber wie wäre dies zu erreichen?

Ähnlich wie bei der Änderung der Datenschutzbestimmungen könnten sie sich in Gruppen zusammenschließen und so die Betreiber dazu bringen, diese Umbenennung vorzunehmen. Doch diese Initiative hätte wohl nur wenig Aussicht auf Erfolg, müssten hierfür wohl erst Millionen User mobilisiert werden, bis die Betreiber überhaupt davon Kenntnis nähmen.

Trennung zwichen beruflichorientierten und privaten Netzwerken

Eine andere Möglichkeit wäre, persönlich stärker als jetzt zwischen beruflichorientierten und privaten Netzwerken zu trennen. Denn sind etwa in Xing „weakties“ für die Erhöhung des briding social capitals erforderlich, dass „strukturelle[…] Löcher“ (Ebersbach, Anja/ Glaser, Markus/ Heigl, Richard (2008): Social Web. Konstanz., S. 82) überbrückt werden können, sollte die Intensität der Kontakte, das bonding social capital, privat und somit auf Facebook eine wichtigere Rolle spielen. Jedoch wird dies in der Praxis kaum umzusetzen sein, da nicht jeder in allen Netzwerken angemeldet ist und man keinen Kontakt verlieren möchte, da jeder potentielle Ressourcen bereithält.

Was bleibt, ist also die Erziehung der Digital Natives, aber auch der Digital Immigrants zum eigenverantwortlichen Umgang – allen muss klar gemacht werden:

Nicht jeder, den wir im Internet als Freund bezeichnen, ist ein wahrer Freund – denn sonst bleiben wir vernetzt und doch @llein!

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2 Antworten to “Social Media: Freundschaft 2.0”

  1. Prof. Dr. Dirk Heckmann Januar 28, 2011 um 2:44 pm #

    Herzlichen Glückwunsch! Tolles Thema, schöne Arbeit, interessante Thesen. Bin gespannt auf die Langfassung!

    • teresaohneh Januar 28, 2011 um 3:33 pm #

      Vielen Dank, Ihr Kommentar hat mich sehr gefreut! Gerne würde ich Ihnen meine Ausarbeitungen zuschicken. Wäre auch ein gutes Thema für ein interdisziplinäres Projekt…

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