Gottes mächtige Dienerin: ARD-Zweiteiler mit haarsträubenden Ungenauigkeiten

26 Apr
Christine Neubauer als Schwester Pascalina im ARD-Drama "Gottes mächtige Dienerin".

Christine Neubauer als Schwester Pascalina im ARD-Drama "Gottes mächtige Dienerin".

Schwester Pascalina Lehnert (1894-1983) hat Pius XII. (1939-58) über vierzig Jahre im Haushalt gedient. Der Papst, dessen Pontifikat im Schicksalsjahr 1939 beginnt, zählt bis heute zu einem der umstrittensten Persönlichkeiten der Kirchengeschichte. Denn er hat im Holocaust geschwiegen – dieses Verhalten wird kontrovers diskutiert. Noch sind die Quellen über die Zeit des Zweiten Weltkrieges in den Vatikanischen Archiven nicht zugänglich – so stützen sich die Informationen über die Haltung des Papstes hauptsächlich auf die Aufzeichnungen der deutschen Nonne, die dem Papst als Haushälterin und Sekretärin besonders nahe stand. Ihr Buch „Ich durfte ihm dienen“ wurde 1983 veröffentlicht.

Mit Spannung habe ich den ARD-Zweiteiler über Schwester Pascalina „Gottes mächtige Dienerin“ erwartet (gespielt von Christine Neubauer). Gleich vorweg – das TV-Drama wurde meinen Erwartungen nicht gerecht. Ich will einmal absehen von den historischen Ungenauigkeiten.

Wird die „kirchliche Fachberatung“ überhaupt befragt?

Was ich auch bei anderen Produktionen der Öffentlich-Rechtlichen nicht verstehen kann ist, dass kirchliche Sachverhalte falsch dargestellt werden. Z. B. bei „Pfarrer Braun“, den Ottfried Fischer verkörpert, habe ich es des Öfteren schon beobachtet, dass der Bischof mit „Eminenz“ angesprochen wird. Die korrekte Anrede für einen Bischof ist jedoch „Exzellenz“, nur ein Kardinal wird mit „Eminenz“ angesprochen.

Warum gibt es dann eine kirchliche Fachberatung? Werden die Kirchen-„Experten“, die die Produktion angeblich berät, überhaupt befragt? Nur so kann ich mir solche „Kardinals-Fehler“ erklären…

Aber zurück zum Film über Schwester Pascalina: Beim Tode Pius‘ XI. (1922-39) war Pacelli nicht nur Kardinalstaatssekretär, sondern auch Camerlengo. D. h. Kardinal Pacelli musste traditionell z. B. das verstorbene Kirchenoberhaupt mit seinem bürgerlichen Namen drei Mal fragen, ob er schläft: „Achille Ratti schläfst du?“. Zudem nimmt der Camerlengo dem toten Papst seinen Fischerring ab. Dies zeigt auch der Film „Gottes mächtige Dienerin“.

Dieser Amtsring, der bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Siegel genutzt wurde, wird übrigens vom Camerlengo vor den Augen der Kardinäle mit einem silbernen Hämmerchen zerstört – eigentlich sollte der Ring in so viele Teile zerschlagen werden, wie es Kardinäle sind. So soll symbolisiert werden, dass die Macht des Papstes für die Zeit der Sedisvakanz auf das Kardinalskollegium übergeht.

Schwester Pascalina fungiert im Film als Camerlengo

Festzuhalten gilt, dass der Tod des Papstes nach einem festgelegten Ritus festgestellt wird. Ich habe mich sehr geärgert, dass in dem Film „Gottes mächtige Dienerin“ Schwester Pascalina beim Tode des Pacelli-Papstes quasi die Aufgabe des Camerlengos übernommen hat. So etwas darf nicht sein! Solche Ungenauigkeiten, im Prinzip falsche Tatsachen zu vermitteln, erwarte ich eher in einer Produktion privater Sender – auf keinen Fall darf so etwas jedoch bei den Öffentlich-Rechtlichen geschehen. Durch die Rundfunkgesetze ist es schließlich geregelt, dass das Programm der Bildung dienen soll (neben Information, Beratung und Unterhaltung). Ich finde es mehr als bedenklich, dass eine ARD-Produktion – auch wenn es ein Spielfilm ist – falsches „Wissen“ vermittelt. Es wird sicher einige Zuseher gegeben haben, die von dem Dienst eines Camerlengos noch nie gehört haben werden und deswegen einen falschen Eindruck gewinnen.

Falsche Fakten statt Bildungsauftrag in Öffentlich-Rechtlichen

Auch wenn es für die Dramaturgie des Filmes wohl besser gewesen ist, dass Schwester Pascalina den Papst fragt, ob er schläft und ihm den Fischerring abnimmt – es ist und bleibt falsch! Falsch ist auch, dass die Vertraute Pius‘ XII. allein im Sterbezimmer gewesen ist. Denn der Tod des Pacelli-Papstes in Castel Gandolfo war mehr als bizarr: Radio Vatikan soll direkt vom Nebenzimmer aus den Tod des Papstes gemeldet haben. Auch Bilder des Sterbenden wurden gemacht und in Zeitungen veröffentlicht.

Meiner Meinung nach sollten die Öffentlich-Rechtlichen nicht gezielt falsche Fakten darstellen, gerade wenn es sich um solch eine umstrittene Persönlichkeit wie Pius XII. handelt. Es ist (für den Historiker) schon befremdlich, nur auf autobiografische Schriften, in dem Fall das Buch der Haushälterin, zurückgreifen zu müssen. Ich würde mir dann aber gerade bei feststehenden Fakten mehr Genauigkeit und nicht diverse Ungenauigkeiten wünschen! Schade um diese verpasste Chance, Schwester Pascalina den Deutschen authentisch nahe zu bringen.

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5 Antworten to “Gottes mächtige Dienerin: ARD-Zweiteiler mit haarsträubenden Ungenauigkeiten”

  1. Basilisk April 26, 2011 um 11:42 am #

    Es handelt sich hier um einen gut gemachten Film, mit aller künstlerischen und dramaturgischen Freiheit (wie bei jedem anderen Spielfilm auch), an dem sich zu erfreuen auch die zahlreichen Zuschauer ein Recht haben, die mit der katholischen Kirche und ihrer Dogmenlehre nichts anfangen können, sie für eine Anmaßung gegegenüber Gott und dem Menschen halten, oder sogar ein grundsätzlich anderes Gottesverständnis haben. Wer diesbezügliche Beschwerden hat und eine solche Toleranz in einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht aufbringen kann, sollte dies hinter Kirchenmauern ausdiskutieren oder für einen katholischen Privatsender eintreten. Die Zeiten der Inquisition einschließlich die unumschänkte Macht der Glaubenskongregation sollten wie auch andere Erscheinungsformen religiöser Unduldsamkeit in diesem Kontext (!) für immer vorbei sein. Auch die meisten Katholiken dürften dem kaum nachtrauern.

    • teresaohneh April 26, 2011 um 1:52 pm #

      Geschmäcker sind eben verschieden – gerade in der Kunst.
      Als angehende Historikerin, die um die historischen Fakten weiß, fand ich diesen Film schlecht gemacht. Von künstlerischer Freiheit möchte ich ohnehin absehen – aber wenn ein Spielfilm auf historischen Fakten beruht, wünsche ich mir eine richtige Darstellung dieser. Meiner Meinung nach gibt es nämlich nichts Schlimmeres als Halbwissen! Noch dazu, wenn es sich um eine so strittige Persönlichkeit wie Pius XII. handelt, kann so etwas einen falschen Eindruck von einer historischen Person entstehen lassen.
      Ich begrüße es sehr, wenn (auch schwierige) Epochen der Kirchengeschichte für ein breites Publikum aufbereitet werden. Z. B. in der Sendereihe „2000 Jahre Christentum“ wurde dies meiner Meinung nach sehr gut und sachlich umgesetzt. Von Dogmen war in „Gottes mächtige Dienerin“ aber nicht die Rede – auch wenn Pius XII. 1950 bis dato das letzte in der langen Geschichte der Kirche erlassen hat…

  2. Basilisk April 26, 2011 um 2:31 pm #

    Da haben wir ganz offensichtlich nicht etwa unterschiedliche Geschmäcker (das kann ich nicht beurteilen), aber grundsätzlich unterschiedliche Blickwinkel und Ansprüche an einen reinen Spiel- und somit Unterhaltungsfilm. Wenn ich mich über konkrete historische oder sonstige einigermaßen nachvollziehbare Ereignisse informieren möchte, dann nutze ich (oder besser die Mehrheit der Bevölkerung) dafür im Notfall vielleicht eine Sendung mit dokumentarischem Gepräge, aber bestimmt keinen Spielfilm, und auch kein belletristisches Werk, die per se nicht den Anspruch erheben, die jetzige oder vergangene Realität 1:1 widerzuspiegeln. Wobei noch fraglich ist, ob das denn überhaupt die Aufgabe der Geschichtsschreibung ist, vor allem in Bezug auf Ereignisse mit unmittelbarem Bezug auf die Gegenwart. Dass „angehende“ Historikerinnen dazu sicherlich einige idealisierende Vorstellungen haben, ist verständlich – es wäre wie in jedem Beruf sogar schlimm, wenn es nicht so wäre. Dennoch bleibe ich bei meiner Ansicht, dass dichterischer, filmischer und sonstige künstlerischer Ausdruck nicht durch Dogmen irgendeiner Art (womit ich also linguistisch nicht ausschließlich solche meine, deren Ursprung auch per definitionem die Kurie ist). Anders wäre es, wenn hier ein grundsätzlich entgegengesetztes Bild von historisch wichtigen Gestalten gezeichnet werden würde. Diesen Eindruck habe ich allerdings nicht. Gerade deswegen sollte die Funktion solcher Filme zuallererst Unterhaltung und Bekanntmachung solcher Gestalten, deren Kenntnis Sie beim breiten Publikum nicht voraussetzen können, sein und bleiben. Und zwar ohne allzu viel der Unterhaltung abträglichen intellektuellen Ballast und Belehrung. In dem Wissen, dass eine tiefergehende Beschäftigung mit diesen Gestalten und Ereignissen anderer Quellen bedarf. Das geht am besten, wenn man versucht, sich in den durchschnittlichen Konsumenten solcher Art von Film und dessen Interessen und Ansprüche hineinzuversetzen, ohne dabei allzu sehr die Bildungselite herauszukehren.

  3. Christian Mai 18, 2011 um 8:41 am #

    Da schließt sich zum interessanten Artikel ja gleich noch eine lebhafte Diskussion mit an!

    Ich muss in dieser Diskussion klar die Position Teresas beziehen – und der Grund dafür wird in der Überschrift des letzten Absatzes sogar explizit genannt.

    Sicherlich ist richtig und nicht zu bestreiten, dass es sich bei einem Spielfilm um Unterhaltung handelt und als solcher Fakten unter Umständen anders darstellt oder, der interessanten Geschichte willen, ergänzt und „ausschmückt“. Da es sich bei diesem Film jedoch um eine Produktion eines öffentlich-rechtlichen Senders handelt, dessen primärer Auftrag eben _nicht_ die Unterhaltung der Zuschauer ist, sondern seinen Bildungsauftrag wahrzunehmen, sollten derartige Fakten durchaus richtig dargestellt sein.

    Natürlich kann man nicht verlangen, dass der Film ein einziges Fakten-Feuerwerk und keine kreative Gestaltung mehr zulässt – in diesem Fall wären wir ohnehin bei einer Dokumentation angelangt; Die Dialoge etwa, um es etwas überspitzt zu formulieren, basieren wohl kaum auf Transkriptionen aus jener Zeit 😉 Allerdings erwarte ich von einem Sender, der eben nicht – anders als die privaten Sender – zuerst der Unterhaltung der Zuschauer verschrieben ist, die zentralen Fakten nicht der Dramaturgie willen zu verändern.

  4. Klaus-Dieter August 8, 2011 um 9:29 am #

    Ich habe diesen Film mit Interesse verfolgt. Mit der Liturgie der katholischen Kirche und den Kirchenstrukturen bin ich wenig vertraut. Den Kommentar von Christian schließe ich mich an, da der Kernpunkt der Kritik ja den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender betrifft. Ob nun die Anrede des Kardinals mit Eminenz oder Exellenz erfolgte ist für den Spielfilm zweitrangig und haben sicherlich viele Laien nicht mitbekommen. Es müssen wohl für die Dramartugie des Films bestimmte Einzeilheiten ausgelassen, vereinfacht und andere wiederum zugespitzt werden. Der Film war einerseits bewegend und anderseits teilweise an der Grenze des Kitsch. Wer sich kundig machen will über die Rituale und historische Fakten u.s.w. kann es ja in der einschlägigen Fachliteratur nachlesen. So ein Film dient ja wohl in erster Linie immer als Auftakt, soll Neugierig machen und kann Wachrütteln.

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