Archiv | März, 2013

ebook-Reader verändern „Public Reading“

25 Mrz

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als „Harry Potter“ der Bestseller des Jahres war. Damals wurde diskutiert, ob Erwachsene dieses Buch in der Öffentlichkeit lesen könnten oder sich damit blamierten. Den erwachsenen Potter-Fans wurde damals von den Medien geraten, sie sollten einfach einen anderen Einband um das Buch geben.

Das waren noch „Probleme“! Solche gibt es heute nicht mehr. Auf den ebook-Readern erkennt das Gegenüber ja nicht mehr, was die Person gerade liest. Irgendwie gut und traurig zugleich, wie ich finde:

Schlussfolgerungen aus der Lektüre des Gegenüber ziehen

eBook vs.Buch. eBook-Reader verändern das Leseverhalten in der Öffentlichkeit - z. B. auch im Zug.

eBook vs.Buch. eBook-Reader verändern das Leseverhalten in der Öffentlichkeit – z. B. auch im Zug.

Gerade in den öffentlichen Verkehrsmitteln wird das „öffentliche Lesen“ praktiziert. Packt die Dame mittleren Alters mir gegenüber den Ildyko-von-Kürthy-Roman aus, weiß ich sie gleich einzuordnen: Typ frustrierte Hausfrau, denke ich. Ob ich mit meinen (Vor)urteilen da auch immer so richtig liege? Ich jedenfalls habe für mich aus Erfahrungen geschlossen, dass sich – sollte sich zufällig ein Gespräch ergeben – hervorragend Haushaltsthemen für den small-talk mit dieser Dame eignen.

Aber wer war nicht schon einmal von seinem Gegenüber beeindruckt, wenn es hochgeistige Literatur las, insbesondere wenn es so vermeintlich gar nicht zu ihm zu passen schien. Ich erinnere mich da z. B. an das pubertierende Mädchen, das ich kürzlich im Zug Nietzsche lesen sah.

Da ich von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, interessiert mich die Lektüre meines Gegenübers. Manchmal google ich mir unbekannte Titel sogar, wenn ich glaube, der „Public Reader“ könnte meinen Geschmack haben. Das alles geht mit den ebook-Readern nicht mehr! Ob das Gegenüber Rita Falk, Stefanie Zweig oder Thomas Mann liest, das bleibt mir verborgen. Den belesenen Vielleser unterscheidet auf den ersten Blick nichts mehr vom sporadischen Bestseller-Leser.

Auch ich greife mittlerweile ab und an auf ein ebook zurück, das ich auf der Kindle-App meines iPads lese. Aber hochklassige Literatur oder liebgewordene Autoren würde ich nie nur auf mein iPad verbannen: Sie möchte ich auch nach der Lektüre in meinem Bücherregal vor mir sehen – vielleicht als eine Art Trophäe.

Die Entwicklung hin zum ebook-Reader erinnert mich an eine Art modernen Kommunismus: Die Gesellschaft wird ein Stück klassenloser, alles wird gleich. Der Akademiker benutzt dasselbe Gerät wie der Arbeiter, um Weltliteratur oder eben „Groschen-Romane“ zu lesen. Individualismus kann wenn überhaupt nur noch über das Design der Tasche bzw. Hülle für den eReader gezeigt werden.

Öffentliche Lektüre ohne Scheue

Das ist schön werden einige sagen. Ich sehe die Entwicklung kritisch, aber finde: Hauptsache es wird noch gelesen! Das Medium ist (fast) egal. Wer auf den Schmuck von Büchern in seinem Wohnraum künftig verzichten möchte, soll das tun. Irgendwie macht uns die Erfindung in jedem Fall ein Stück weit freier: Denn wo wird heute noch diskutiert, ob wir gewisse Bücher in der Öffentlichkeit lesen „dürfen“, wie noch zu Bestsellerzeiten von „Harry Potter“!? Wer es möchte, kann z. B. auch den Erotik-Bestseller „Shades of Grey“ sozusagen heimlich in der Öffentlichkeit auf seinem ebook-Reader lesen – rot werden dann zumindest nicht mehr die Anderen…

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Papstwahl 2013: Habemus… Brüderlichkeit

13 Mrz

Ich dachte, kein“ Habemus Papam“ könnte mich jemals mehr so bewegen als das von 2005. Aber 2013 war es ähnlich und doch ganz anders:
Zuerst dachte ich, der ist ja schon wieder 76 und auch noch Jesuit… Sonderlich reformfreudig wird er nicht sein. „Immerhin“ ist er aus Südamerika.
Und dann trat der erste nicht-europäische Papst hinaus auf den Balkon – endlich! Fast wirkte er fremd und verloren dort, aber dann: „Buona sera!“ Ein freundliches Lächeln dazu, so menschlich. Auch war dieser erste Auftritt für mich voller Botschaften und ich hoffe, ich interpretiere nicht über, sondern es tritt so oder so ähnlich auch ein:

1. Sein Papstname trägt die Nominalzahl 1, d. h. er möchte nicht das Programm einer seiner Vorgänger fortführen, sondern gänzlich neue Akzente setzen. Und das muss er auch: Den Vatikan reformieren, sozusagen „mit straffer Hand zurück zu den Wurzeln“. Und dennoch die eigentliche Botschaft, das Evangelium, nicht aus den Augen verlieren. Das Kommunikationsmittel hierfür: Das Gebet. Demütig betet er für den Papa emeritus und lässt auch für sich beten.

2. Der Papstname enthält von sich aus eine Botschaft. Der hl. Franziskus, der Freund der Armen und Tiere… Vielleicht veräußert Franziskus I. Kunstwerke, die im Vatikan einfach nur „herumhängen“ und schenkt den Erlös den Armen. In jedem Fall wird er die Brüderlichkeit der Menschen untereinander fördern wollen und Demut üben.

3. Franziskus I. hat bei seinem Auftritt „nur“ davon gesprochen, Bischof von Rom zu sein. Nicht explizit betont, Papst zu sein (es sei denn, ich habe etwas überhört…) Mich hat das an Johannes XXIII. erinnert, der „Bischof unter Bischöfen“ sein wollte. Er berief das Zweite Vatikanum ein – ein großartiges Zeichen, die Roncalli-Geste im Konzils-Jubiläumsjahr aufzugreifen! Dringender als alles andere brauchen wir echte Kommunikation in der Kirche – ein „wir“ und eben echte Brüderlichkeit!