Archive | September, 2013

Sterben 2.0: Darf ich Bilder „live“ von einer Beerdigung posten?

25 Sep

Da das Sterben bekanntlich zum Leben gehört, hat es auch in das Web 2.0 Einzug gehalten.

Wie sehr Altbischof Eder von seinen Diözesanen geschätzt wurde, zeigten u. a. die Einträge im Kondolzenzbuch, das im Passauer Stephansdom aufgelegt war.

Wie sehr Altbischof Eder von seinen Diözesanen geschätzt wurde, zeigten u. a. die Einträge im Kondolzenzbuch, das im Passauer Stephansdom aufgelegt war.

Ich gehöre nicht unbedingt zu den Personen, die gerade wenig in sozialen Netzwerken posten. Aber ich habe meine Grenzen! Dieser Rubikon wurde bei mir ganz deutlich überschritten, als ich Bilder von der Beerdigung des von mir hoch geschätzten Altbischof von Passau, Franz-Xaver Eder, auf Facebook (FB) entdeckte.

Und dabei meine ich nicht Bilder, die die bischöfliche Pressestelle angefertigt hat und die ich dann über Accounts befreundeter Priester in meiner Timeline entdeckte.

Nein, es geht mir konkret um das Foto einer Passauer Geschäftsfrau (Näheres möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, weil ich niemanden bloß stellen will), die während(!) des Requiems ein Foto von ihrem Sitzplatz aus auf FB postete: Zu sehen ist dabei deutlich der Sarg, wie er vorm Volksaltar aufgestellt war.

Social Media raubt jegliches Gefühl für den Augenblick

Bitte, versteht mich nicht falsch: Es geht mir nicht um das Bild von einem Sarg. Es geht mir vielmehr darum, wie uns soziale Medien jegliche Sakralität, das Gefühl für den Augenblick rauben. Wo bleibt die persönliche Einkehr, das Gebet für den Verstorbenen?

Warum gehe ich auf eine Beerdigung/ ein Requiem? Nur um sehen und gesehen zu werden? Wohl kaum. Aber genau das drückt dieser Post für mich aus.

Wenn ich eine Beerdigung besuche, erweise ich dem Verstorbenen die letzte Ehre. Wenigstens für diese wenige Minuten des Gottesdienstes verzichte ich auf den Gebrauch meines Smartphones. Ich möchte mich einlassen auf die Liturgie und durch Gebet und Gesang an ihr teilhaben. Und selbst wenn ich nicht der jeweiligen Religion angehöre, kann ich die Trauerfeierlichkeit mit positiven Gedanken an den Verstorbenen begleiten.

Wenn ich ein Bild mit meinen „Freunden“ von diesem wichtigen Ereignis teilen möchte, kann ich sicher auch warten, bis ich zu Hause am PC sitze und die Presse ihre Artikel ins Web gestellt hat.

Medienkompetenz bedeutet manchmal nur Menschenverstand gebrauchen

Wie gesagt, ich bin bestimmt kein Kind von bescheidener Selbstdarstellung im Web 2.0. Aber wann ich auf Twitter, Facebook und Co zu schweigen habe, das weiß ich. Das Beispiel zeigt für mich, dass Medienkompetenz auch manchmal nur einen normalen Menschenverstand bedingt. Schon als kleine Kinder lernen wir, wie wir uns bei einer Beerdigung/ im Gotteshaus zu verhalten haben. Auch wenn uns unsere Eltern damals noch nicht das Posten mit Smartphones verboten haben, weil es das eben noch nicht gab!

FAZIT Vor dem Posten einfach einmal Köpfchen einschalten!

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In meiner Blog-Serie „Sterben 2.0“ bisher veröffentlicht:

Fluthilfe revidiert meine Meinung über soziale Medien

21 Sep

Rund 100 Tage ist die „Flut“ her. Zeit, einmal Bilanz zu ziehen – vornehmlich über die Engagment für und um die Fluthilfe in sozialen Medien.

1. Über den Wahrheitsgehalt von Informationen in sozialen Medien

Die Schleuse Kachlet während der "Jahrtausendflut".Meinem Post muss ich vorwegschicken, dass ich von Natur aus ein gutgläubiger Mensch bin. Da die Stadt Passau bis dato keinen richtig guten Auftritt in sozialen Medien hat, waren wir auf Postings von Privatleuten angewiesen. Dies geschah bei mir vornehmlich über die Gruppen „Infoseite – Hochwasser 2013 Bayern“ und „Fluthelfer Passau“.

Wann und wo werden Leitungswasser und Strom abgestellt? Der Aufruf zum Wassersparen, Postings von Wasserausgabeorten – das alles geschah über Facebook (FB). Twitter ist bei den Passauern wohl noch nicht so angekommen 😉

Nun gut, ich bin schon an normalen Tagen äußerst Social-Media-affin… Aber in den Hochwasser-Tagen war mein Konsum extrem.

Katastrophale Rechtschreibung mit dem Klassiker der das-und-dass-Schwäche ist ja noch harmlos. Ich bedanke mich an dieser Stelle auch bei der niederbayerischen Jugend, die mich, in diesen Tage gelehrt hat, dass Sätze ohne der, die, das gebildet werden: „Was geht Kachlet?“

Panikmache via FB

Ja, was geht Kachlet… (Für alle OrtsUNkundigen, das Kachlet ist ein Schleusenkraftwerk im Passauer Westen, wo ich wohne.) Das Kachlet ist hochwassererprobt. Die Wehre müssen geöffnet werden, egal wie viel Wasser dann Richtung Altstadt fließt. Dass diese Fluten bei dieser Jahrtausendflut enorm waren, ist logisch.

Urplötzlich tauchte in FB das Gerücht auf, das Kachlet könnte den Fluten nicht mehr Stand halten. Ich, als gutgläubiger Mensch dachte, an der Sache könnte was dran sein. Denn welcher Mensch würde in einer solchen Katastrophen-Situation so grausam sein und seine Mitmenschen auch noch mit falschen Gerüchten quälen?

Falsch gedacht: Krönung war für mich folgender Post:

Leider verbreiteten sich auch "Horror-Falschmeldungen" über soziale Medien.

Leider verbreiteten sich auch „Horror-Falschmeldungen“ über soziale Medien.

Spätestens jetzt war mir klar: An dem Gerücht ist nichts dran. Welcher Experte würde davon sprechen, dass eine Staustufe „bricht“ und dann auch noch genau „ab 20h“.

Vielen Dank an dieser Stelle an all diese Menschen da draußen, die uns Passauern noch zusätzlich Angst gemacht bzw. versucht haben!

FAZIT Krisenkommunikation via Social Media funktioniert nur bedingt!

2. Fluthilfe als Hilfe zur Selbstdarstellung?

Die Selbstdarstellung im Social Web ist ja auch sonst nicht ohne. Aber ich für meinen Teil konnte bei den eigentlichen Hochwasser-Einsätzen nicht auch noch darauf achten, das „passende“ Bild für Facebook und Co zu machen. Deswegen fehlen auch bei meiner Fluthelfer- Reportage einige Bilder, wie ich anmerkte.

Umso trauriger finde ich persönlich, dass es politische (Jugend)gruppierungen geschafft haben, genau solche Fotos hochzuladen. Ich habe sehr genau hingesehen und festgestellt, dass so ein Einsatz z. B. nur an einem Tag stattfand. Imposante Fotos davon ins Netz zu stellen, finde ich umso beschämender, wenn Studenten zum Teil mehrere Tag hintereinander bis zur gänzlichen Erschöpfung als Fluthelfer im Einsatz waren. Ist doch Passau „nur“ ihre Universitätsstadt, für die anderen aber ihre Heimat…

Sicherlich geht es jetzt nicht darum, hochzurechnen, wer wie viele Stunden aktiv Fluthilfe geleistet hat – aber nachdenklich macht es mich schon. Helfen machen nur, um dokumentieren zu können, dass sie geholfen habe?

Ähnlich kritisch sehe ich im Übrigen auch die jetzt aufkommenden Ehrungen durch Stadt und Staat. Ganz bewusst habe ich z. B. NICHT am Helferfest der Stadt Passau teilgenommen. Ich war gern als Fluthelfer im Einsatz und bemühe mich nach meinen Kräften auch noch heute, Betroffenen zu helfen.

Statt einer Maß auf der Dult hätte ich z. B. lieber Unterstützung für meine Spendenaktion gehabt!

3. Keine Unterstützung für meine Ebay-Auktion

Wie man hier nachlesen kann, habe ich einen selbstgefertigten Passau-Scherenschnitt auf Ebay für die Fluthilfe der Passauer Neuen Presse (PNP) versteigert. Gut, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber ich möchte behaupten, dass das schlicht-klassische Design wohl in viele Einrichtungsstile passt. Mit der Endsumme der Versteigerung war ich nicht wirklich zufrieden. (An dieser Stelle jedoch ein großes Dankeschön an den Berliner Käufer, der mich lediglich über Twitter „kennt“ und noch einen Extra-Betrag gespendet hat.)

Diesen von mir selbstgefertigten Scherenschnitt von der Passauer Skyline versteigerte ich auf ebay für die Hochwasseropfer - leider ohne jegliche Unterstützung im Social Web

Diesen von mir selbstgefertigten Scherenschnitt von der Passauer Skyline versteigerte ich auf ebay für die Hochwasseropfer – leider ohne jegliche Unterstützung im Social Web

Er war auch einer von wenigen, der die Aktion im Netz überhaupt verbreitet – sie retweetet hat. Von den Politikern in meiner Timeline oder in meiner Freundesliste hat sich niemand bemüßigt gefühlt, meine Aktion zumindest zu teilen – das hat mich persönlich sehr enttäuscht. Gut, jetzt könnte das Argument kommen, die haben die Sache vielleicht nicht mitbekommen… Aber ich habe meine Auktion zumindest an die Facebook-Pinnwand von „City Marketing Passau“ (CMP) und diversen Seiten der PNP gepostet (und den offizillen Twitter-Account der Stadt Passau angetwittert). Auch von dieser Seite keine Unterstützung in der Form, dass mein Post geteilt worden wäre.

FAZIT Da der Wille bekanntlich für’s Werk zählt, habe ich zwar nur 30€ an die PNP-Fluthilfe überweisen können – aber für mich als Promotionsstudentin ist im Moment einfach nicht mehr drin. Nachdenklich macht mich die Nicht-Unterstützung von PNP und CMP, da diese Institutionen sich die Hochwasser-Hilfe groß auf ihrer Fahnen geschrieben haben.

Und so ist insgesamt mein Fazit zu „Social Media und Hochwasser“ ernüchternd: JA, durch Social Media gab es Informationen – aber vielleicht auch zu viele!? Die Zeit für über soziale Medien vermarktete Spendenaktionen scheint noch nicht reif zu sein – ob das zum Teil an mangelnder Medienkompetenz liegt, möchte ich nicht bewerten.

Gastbeitrag: Was unsere Grünen mit der FPÖ gemein haben

20 Sep

Ich freue mich, dass ich passend zur Bundestagswahl am kommenden Sonntag meinen ersten Gastbeitrag politischen Inhalts veröffentlichten kann. Es sind interessante Überlegungen, die mein Kollege Korbinian Erdmann hier anstellt:

 

„‚Die Partei, die Partei, die hat immer recht‘ – Die deutschen Grünen und die österreichischen Freiheitlichen haben in ihren Parolen mehr gemein, als ihnen lieb sein kann.

Die Grünen in Deutschland plakatieren vor der Bundestagswahl „Mensch vor Bank“, die rechtspopulistischen Freiheitlichen in Österreich vor der Nationalratswahl „Wir helfen zuerst im eigenen Land // Rot-Schwarz hilft Bank und Spekulant“. Hie wie dort läuft die Sprachwahl darauf hinaus, eine bestimmte Gruppe außerhalb der positiv definierten Gesellschaft zu stellen: die rechte FPÖ spricht den Bankern das Ehrenrecht ab, zum ‚eigenen Land‘ zugehörtig zu sein, die linken Grünen bedienen sich der Dichotomie ‚Mensch – Unmensch‘, denn wenn der Mensch der Bank vorzuziehen ist, setzt das notwendigerweise die Unmenschlichkeit der Bank und der Banker voraus – als ob Banken keine ‚menschlichen‘ beziehungsweise menschengemachten Institutionen sind.

„Asymmetrische Gegenbegriffe“ und ihre Bedeutung in der Geschichte

Solche Gegensatzpaare haben eine lange Tradition, der Historiker Reinhart Koselleck nannte sie ‚asymmetrische Gegenbegriffe‘. Asymmetrisch deswegen, weil sie die Menschheit in einen positiven und eine negativen Teil gliedern, bei dem die Definitionshoheit nicht bei den als negativ bezeichneten liegt – man denke an „Arbeiter und Ausbeuter“, „Zivilisierter und Wilder“ oder eben auch „Mensch und Untermensch“. Das Problem: der Bezeichnete kann sich gegen diese Titulierung nicht wehren, sie wird ihm zugewiesen, darin besteht die Asymmetrie dieser Gegensatzpaare. Unheilvolle Realität wurde das ‚Herausdefinieren‘ bestimmter Gruppen aus dem Rest der Menschheit als der Nationalsozialismus politischer Rhetorik Taten folgen ließ.

Auch die Sandinisten Nicaraguas verwiesen in ihrer Hymne auf den „Yankee, den Feind der Menschheit“ nach dessen Niederlage ein neuer Morgen anbrechen würde für eine „Erde auf der Milch und Honig fließen“. Und in der DDR war es üblich, den Kampf gegen das Kapital als Verteidigungskampf der Menschheit zu stilisieren: „wer das Leben beleidigt ist dumm oder schlecht // wer die Menschheit verteidigt hat immer recht.“ Wer sich immer im recht sieht, der kann damit freilich jede Maßnahme rechtfertigen, sofern sie nur der Verteidigung der Menschheit dient. Was haben nun die Banken, mithin die Banker, von Grünen und Freiheitlichen zu erwarten?

V. a. die Grünen setzen auf Schwarz-Weiß-Malerei

Wo man den Anderen wegdefiniert ist kein Platz für Kompromisse mehr – das wäre Kollaboration mit dem Feind. Genauso ist auch jeder, der mit diesem Feind kollaboriert entweder dumm oder schlecht. Und es ist auffallend, dass die anderen großen Parteien in Deutschland und Österreich auf derartige Schwarz-Weiß Gegensätze verzichten. Sicher, CDU und FDP beschwören ‚Deutschland‘, so wie die SPD das ‚Wir‘ betont, genauso berufen sich ÖVP und SPÖ auf Österreich. Und auch die österreichischen Grünen kommen ohne asymmetrische Gegenbegriffe aus.

Sicher, nicht immer müssen solche Sprachmuster zum Schlimmsten führen und vermutlich führen weder Grüne noch Freiheitliche das Schlimmste im Schilde. Ihre Parolen beweisen aber zumindest eins: die Selbstgerechtigkeit derer, die sich ihrer bedienen und das Unvermögen, die eventuelle Richtigkeit des Standpunktes des Gegners anzuerkennen. Der ‚Andere‘  ist dann entweder zu dumm die reine Wahrheit anzuerkennen, oder schlichtweg übelwollend, gerade zu böse an sich.

Undemokratische Sprachwahl

Genauso ist es bei den Wahlparolen von Grünen und Freiheitlichen. Die Banken stehen uneingeschränkt auf der ‚falschen‘ Seite. Die Möglichkeit, dass es auch eine ‚gute‘ Bank und ‚gute‘ Banker geben könnte wird nicht anerkannt, hier wird sprachlich kein Pardon gegeben. Eine solche Ausschließlichkeit macht eine Verständigung unmöglich, denn, um Gadamer zu bemühen: Verständigung heißt vor allem: den anderen zu verstehen. Einen rhetorischen Graben aufzureißen, sei es zwischen Bank und Menschheit oder Bank und Vaterland schließt das nachgerade aus. Es ist damit auch die Negation der Konsensdemokratie. Somit ist die Sprachwahl sowohl der Bundesgrünen als auch der FPÖ bestenfalls unüberlegt, im letzter Konsequenz aber auch undemokratisch.“

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Der Gastautor, Korbinian Erdmann, studierte an den Universitäten Passau und St. Andrews. Er promoviert derzeit im Fach Geschichte an der Universität zu Köln.

Mein Wochenende als Burgsanierer auf Falkenstein i. M.

10 Sep

„Nicht nur drüber reden, sondern selbst anpacken“, das ist Gregors Motivation, am Sanierungswochenende auf Burg Falkenstein teilzunehmen. Der Oberösterreicher hat vor wenigen Wochen sein Magister-Studium in Geschichte an der Uni Wien abgeschlossen und ist seit zwei Jahren regelmäßig auf Falkenstein, um die Burgruine zu renovieren.

Sein Studien-Schwerpunkt war mittelalterliche Geschichte – klar, dass er die Baugeschichte von Falkenstein im Mühlkreis kennt: „Ursprünglich war Falkenstein eine bayerische Gründung aus dem 12. Jahrhundert.“ Schön also, dass sich heute Oberösterreicher und Bayern gemeinsam für den Erhalt der Burgruine einsetzen!

Passauer „Stadtfuchs“ Koopmann engagiert sich für Falkenstein

Historiker Gregor ist schon seit rund zwei Jahren regelmäßig bei Sanierungswochenenden auf Burg Falkenstein.

Historiker Gregor ist schon seit rund zwei Jahren regelmäßig bei Sanierungswochenenden auf Burg Falkenstein.

Treibende Kraft ist Matthias Koopmann, der den Passauern als „Stadtfuchs“ und Stadtrat bekannt ist. Der Praehistoriker hat den Burgerhaltungsverein in Oberösterreich gegründet. Seit es diesen Verein gibt, kommen regelmäßig Freiwillige wie Gregor nach Falkenstein, um unentgeltlich die Burgruine zu renovieren. Viele sind „Wiederholungstäter“ – wie etwa der zigarillorauchende Wulf, der jedes Mal extra aus Wien anreist.

Am vergangenen Wochenende war auch ich dabei. Der Verein übernimmt für die freiwilligen Helfer lediglich Kost und Logis. Doch an diesem Wochenende habe ich noch so viel mehr bekommen: Einblick in die Restaurierung mittelalterlichen Bauwerks und Arbeiten in einer tollen Gemeinschaft.

Freiwillige Helfer aller Altersschichten

Mit Schutzhelm und Arbeitshandschuhen reinige ich die historischen Fugen der Burgruine, bevor sie neu verfugt werden können.

Mit Schutzhelm und Arbeitshandschuhen reinige ich die historischen Fugen der Burgruine, bevor sie neu verfugt werden können.

„Diese Mauer habe ich beim vergangenen Renovierungswochenende verfugt“, erzählt mir Ingrid und zeigt stolz auf „ihre“ Mauer. Dort soll ich heute weitermachen: Das Mauerwerk zunächst vom Moosbewuchs befreien und Fugen ausreinigen; erst dann kann neu verfugt werden.

Ingrid ist 70 Jahre alt, aber ihr Arbeitseifer ungebrochen: „Wenn du dich nicht auf die Leiter traust, mache ich das!“ Ich überlege kurz, möchte mich dann jedoch nicht blamieren und klettere auf die Leiter. „Immer langsam“, sagt Ingrid „du musst auf hier auf jeden Schritt achten.“ Denn in der Ruine liegen unzählige Steine, die ursprünglich Teile des Mauerwerks waren. Jeder Schritt auf diesen Steinen will wohl überlegt sein, nicht dass sich plötzlich etwas löst. Am Besten bewegt man sich nur mit Helm an den Überresten, denn es könnten Steine aus dem noch nicht gesicherten Mauerwerk herausbrechen.

Ich bin froh um meine Arbeitshandschuhe, denn die Jahrhunderte haben den Fugen ganz schön zugesetzt: Erdreich, das zum Teil von dicken Wurzeln umschlossen ist. Dazwischen läuft auch das ein oder andere Getier herum. Seit rund 100 Jahren haben dort nur Spinnen, Asseln und Co gelebt und das sieht man leider auch deutlich!

Konservierung nicht Wiederaufbau als Ziel

Rekonstruktion von Burg Falkenstein - heute ist nur mehr eine Ruine übrig.

Rekonstruktion von Burg Falkenstein – heute ist nur mehr eine Ruine übrig.

Naiv-unwissend frage ich Gregor: „Und das wollt ihr alles wieder aufbauen?“ „Nein“, erklärt er mir: „Das wäre mit unseren bescheidenen Mittel auch gar nicht möglich. Ziel ist die Absicherung und Konservierung der Ruine.“

Falkenstein ist noch heute in Besitz der Grafen von Salburg-Falkenstein, die die Burg zunächst als Pfleger bewohnten und sie Ende des 16. Jahrhunderts schließlich übernehmen konnten. „Dann wurden Burgen unmodern und die Grafen Salburg wollten ein Schloss,“ weiß Gregor. Dort auf Schloss Altenhof wohnen Graf und Gräfin noch heute – nur einige hundert Meter von der Burg entfernt. Bis etwa gegen Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Falkenstein sogar noch ein Dach, doch dann verfiel die Burg immer mehr.

Möglichst genaue historische Rekonstruktion des Mauerwerks

Stadtfuchs Matthias Koopmann leitet die Sanierungsarbeiten fachmännisch an.

Stadtfuchs Matthias Koopmann leitet die Sanierungsarbeiten fachmännisch an.

Matthias Koopmann tat dieses Kleinod, das rund 40km östlich von Passau liegt, leid und so initiierte er nicht nur den Verein, sondern leitet heute die freiwilligen Helfer während der Sanierungswochenenden fachmännisch an. „Es geht nicht darum, ein paar Quadratmeter Mauerwerk auf einmal auszufugen, sondern dies möglichst originalgetreu zu tun“, so Koopmann. Selbst der Mörtel wird nach alter „Originalrezeptur“ angerührt. Um die alten Fugen zu schließen, müssen zunächst passende sog. „Zwicklsteine“ gesucht werden. Genug Steine liegen in der Ruine herum – aber genau den passenden zu finden, das kann etwas länger dauern…

Geschichte wird auf Falkenstein erfahrbar

Überhaupt empfinde ich die Arbeit auf der Burgruine als entspannend und perfekte Alternative zur Uni: Mit eigenen Händen das schützen und bewahren, was unsere Vorfahren geschaffen haben und wir sonst nur aus Büchern kennen. Auf Falkenstein wird Geschichte erfahrbar – im wahrsten Sinne des Wortes. Das fasziniert nicht nur Historiker wie Gregor und mich, sondern auch die anderen Helfer mit den unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen. So ist Stimmung gut, als wir am Abend beim Essen zusammensitzen. Als Wulf sich die letzte Zigarillo des Tages anzündet, sind wir alle stolz auf unser „Tagwerk“, das wir gemeinsam geschafft haben. Perfekter könnte mein Wochenende nicht gewesen sein: Sich engagiert und neue, nette Menschen kennengelernt zu haben!

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Selbst am Sanierungswochenende teilnehmen

Wer selbst einmal diese tolle Erfahrung machen und an einem Sanierungswochenende teilnehmen möchte, meldet sich am Besten bei Matthias Koopmann.

Werden Sie auch Fan von Burgruine Falkenstein i. M. auf Facebook – dort werden alle aktuellen Termine veröffentlicht. Natürlich können Sie den Verein auch unterstützen, indem Sie Mitglied werden. Alle Infos finden Sie hier.

Besuchen Sie Falkenstein am 29.09.!

Wer sich dafür interessiert, was der Erhaltungsverein gemeinsam mit den freiwilligen Helfern schon geschafft hat, kann sich davon am Sonntag, 29. September ein Bild machen. Ab 9h ist die Burgruine am „Tag des offenen Denkmals“ zugänglich. Geboten ist Einiges – u. a. kann Alt und Jung sich bei Gregor im Bogenschießen versuchen.