Deine Armut kotzt mich an: Wenn Posting zum Posing und kriminell wird

17 Apr

Vor Gericht musste sich der 21-jährige Manuel E. verantworten. Eigentlich ist er Hauptschulabsolvent aus Neu-Perlach, doch im Netz gab er sich als Jura-Student aus Grünwald aus. Für alle „Unwissenden“: Krasser könnte der Unterschied nicht sein; Grünwald ist das Nobel-Viertel im Münchner Süden, Neuperlach sozialer Brennpunkt. Ein Einzelfall? Ich möchte behaupten: Jeder hat (mindestens) einen Manuel in seiner Freundesliste!

Seien wir doch mal ehrlich: Das Social Web ist für Angebereien auch geeigneter als kein anderes Medium: Auf der Shopping-Tour bei H&M einloggen? Gott, bewahre… Lieber schon bei Louis Vuitton an der Maximiliansstraße! Ob man dort wirklich einkauft ist eine ganz andere Frage: Aber man kann ja so tun. „Habt ihr denn was gefunden“ – der Antwort-Kommentar kommt wie aus der Pistole geschossen: „Wir finden da leider immer was!“ Ja – „leider“ – wirklich ein hartes Leben, dieses öffentliche Schein-Leben für andere zu führen!

„Hast du keinen Vater, keine Mutter, die was kann?“

Wir lassen uns gerne täuschen – drücken voller Ehrfurcht auf’s „Like-Knöpfchen“. Derweil könnten wir es uns eigentlich denken: Denn wenn die Eltern von Studis nicht gerade Großindustrielle oder Maffiosi sind, nicht jeden Monat eine Designertäschchen drin ist.

Jetzt sind natürlich nicht alle Menschen so schlau wie wir 😉 Und es gibt eben einige, die kaufen den Manuels dieser Welt den Berufsstatus „Sohn“ ab. Vielleicht wären sie auch gerne so, aber die Eltern sind eben „nur“ Arbeitnehmer und das eigene Bafög reicht auch nur bis zur Monatsmitte.

Früher sind diese Leute dann motiviert arbeiten gegangen, dass sie sich später vielleicht mal etwas mehr leisten können als ihre Eltern. Heute denken die meisten nicht mehr im Traum daran:
Das schicke Auto lässt sich schließlich auch leasen.

Die Marken-Klamotten bequem in Raten abstottern. Viele Online-Händler machen sogar gezielt damit Werbung (z. B. Zalando: „Erst in 100Tagen bezahlen“).

Mir doch egal wie mein Konto aussieht – Hauptsache die Like-Zahlen auf meinem Facebook-Profil stimmen!

„Hey kleiner Mann, deine Armut kotzt mich an!“

Diese Welt muss eigentlich zugrunde gehen, angesichts der selbstverliebten Angeber wie sie sich uns so stark in sozialen Netzwerken präsentieren. Und ich behaupte es nicht nur, ich weiß: Manuel ist kein trauriger Einzelfall!

An dieser Stelle muss ich etwas vorsichtig werden, sonst könnte ich schnell eine Klage am Hals haben. Aber ja, ich kann schreiben, dass ich schon mit Leuten im Club war, die sich mit der leeren Magnum-Flasche Champagner fotografieren ließen, aber dafür nicht wussten, wie sie ihren Studienkredit jemals zurückzahlen sollten. Auf den Bildern posierten sie mit gebrauchten Designer-Klamotten aus dem Internet – die Kreditkartenabrechnung ist ja erst in ein paar Wochen fällig. In der Gastro glaubten sie, schnelles Geld verdienen zu können – aber dass man dort auch hart arbeiten muss, das wussten sie nicht. Und so leben sie heute wieder bei Mama & Papa, die keinen Chauffeur haben und nie hatten. Aber das Image vom Berufssohn machte sich ihrer Meinung nach gut.

„Wohnst du nicht im Münchner Süden wie die Schönen und die Reichen?“

Sicher, Angeber gibt es schon immer: Aber noch nie war es so leicht, sich als „Hochstapler“ der Öffentlichkeit zu präsentieren. So wird der zweite Vorname mit „V“ beginnend, z. B. „Viktoria“ im Profilnamen gerne mal als V. abgekürzt. Zufällig kürzen auch viele Adelige ihr „von“ so ab. Zufall oder bewusste Vortäuschung falscher Tatsachen?
Ich jedenfalls kann nur noch lachen, wenn sich wieder so ein „Opfer“ seiner Scheinwelt in meiner Timeline präsentiert: Z. B. an Heiligabend -kurz vor dem Posting, dass man danach die Christmette besucht- das Armgelenk zu fotografieren. Am Uhrenverschluss ist äußerst dezent die Aufschrift „Rolex“ zu lesen. Ich muss schon sagen, da hat jemand die Wa(h)re Weihnacht verstanden!

Wir können diese Entwicklung wahrscheinlich nicht aufhalten: Aber unsere eigene Einstellung können wir ändern – bspw. andere Prioritäten im Leben setzen, damit das Leben nicht nur online stattfindet und Betrüger wie Manuel keine Chance haben, uns zu imponieren!

Die Zwischenüberschriften sollten bewusst die Aufmerksamkeit auf sich lenken und stammen aus dem Song „Eure Armut kotzt mich an“ von der Münchner Rap-Gruppe „Aggro Grünwald“.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: