Archiv | Mai, 2015

70 Jahre Kriegsende: Der letzte runde Jahrestag mit Zeitzeugen? Wie wichtig die mediale Dokumentation jetzt wird

8 Mai

„Es wird die letzte Gelegenheit sein, ein rundes Jubiläum mitzufeiern“ resümierte Max Mannheimer im Vorfeld zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Der heute 95-Jährige wird den 80. Jahrestag wohl kaum mehr erleben: „Dann bleibt nur mehr die Erinnerung“, sagt er.

Ich meine, das ist zum Glück nicht alles ist, was uns bleibt. Denn durch die wunderbare Dokumentationsarbeit von Zeitzeugen-Interviews können auch die Nachgeborenen von diesen wertvollen Zeugnissen, wie Max Mannheimer sie abgelegt hat, profitieren.

Ja, ich sage bewusst „profitieren“, weil diese Zentrenarien, die Geschichte ins Interesse der Öffentlichkeit treten lassen, mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin:

Ich kann mich noch gut an den 50. Jahrestag zum Kriegsende erinnern – die TV-Berichterstattung hat meine Begeisterung für Geschichte geweckt. Ich wollte mehr erfahren über das Dritte Reich, den Holocaust und wie es dazu kommen konnte. Deswegen musste ich immer weiter in der Geschichte zurückblättern. Lasen meine Klassenkameraden gerne Pferdebücher – ich hingegen Kinder- und zum Großteil schon Jugendbücher zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, weil es solche Literatur für meine Altersklasse noch gar nicht gab.

Guido Knopp wird von Historikern belächelt – doch er ist und bleibt mein großes Idol

Später schaute ich gefühlt jede Dokumentation von Guido Knopp. Erst an der Uni lernte ich, dass das keine angemessene Arbeit eines Historikers sein soll. War das nur die Arroganz der Katheder-Historiker? Sicher, heute verstehe ich die Probleme, die sich aus der Aufarbeitung von Geschichte, rein aus der Zeitzeugen-Perspektive, ergeben können.

Aber ich meine, dass wir dank dieser Pionier-Arbeit von Guido Knopp beim 80. Jahrestag und all den darauffolgenden, mehr als „nur“ die „Erinnerung“ haben werden.

Ohne die mediale Aufarbeitung von Jahrestagen wäre vielleicht mein Interesse für Geschichte nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß erwacht. Guido Knopp ist bis heute ein großes Vorbild von mir – meine Medien-Affinität trat ebenfalls schon ganz früh zu Tage.

Chance noch nutzen, Zeitzeugen persönlich zu treffen

Und trotz all dieser aufgezeichneten Zeitzeugen-Dokumente kann ich jedem nur ans Herz legen: Besucht nach Möglichkeit noch Vorträge von Zeitzeugen!

Trotz seiner 92 Jahre noch zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich.

Trotz seines hohen Alters und seiner Geschichte zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich im Jahr 2012 im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs bei der Hanns-Seidel-Stiftung.

Ich habe einige Holocaust-Überlebende persönlich gehört, aber niemand hat mich so tief beeindruckt wie Max Mannheimer. Über meine Begegnung mit ihm habe ich hier gebloggt. 70 Jahre nach Kriegsende ist es meiner Meinung nach wichtig zu betonen, dass nicht „wir (heutigen) Deutschen“ schuld am Holocaust sind. Aber dass so etwas nicht wieder geschieht, dafür sind wir verantwortlich und dafür geht Max Mannheimer in seinem hohen Alter bis heute an Schulen, um das zu vermitteln.

Auch Eva Mozes Kor, die kürzlich bei Günther Jauch das Publikum beeindruckte, weil sie KZ-Aufseher Oskar Gröning öffentlich die Hand zur Versöhnung reichte, betont, wie wichtig es ist, dass die letzten Zeitzeugen Zeugnis ablegen: Die Nazis über ihre Verbrechen und die Überlebenden (Mozes legt wert darauf, nicht als „Opfer“ betitelt zu werden) über ihre Erlebnisse im Holocaust.

Jeder Einzelne kann heute zu “Guido Knopp” werden

Nutzen wir 70 Jahre nach Kriegsende noch diese vielleicht kurze Zeit, die noch bleibt, den letzten Zeitzeugen ein Podium zu bieten – in Form von Vorträgen, Diskussionsrunden etc. Und dokumentieren wir dies doch einfach für die Nachwelt selbst – jedes Smartphone kann heute filmen… So kann jeder Einzelne zu einer Art Guido Knopp werden und dafür sorgen, dass mehr als die Erinnerung von den Holocaust-Überlebenden bleibt!

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