Archive | Juni, 2016

Snapchat-Interview mit dem König von Deutschland: Kai Diekmann

21 Jun

Die BILD-Zeitung snapchatet vorbildlich. Das war Anlass für uns, Giulia und mich, den Herausgeber der BILD, Kai Diekmann, ein paar Fragen mit Hilfe dieser App zu stellen.

Wie sich herausstellte, ist Diekmann selbst kein begeisterter Snapchater – er wollte von uns wissen, ob wir nicht selbst etwas zu alt für diese App wären. Tja, der Mann kennt sich aus! Denn wir liegen beide über dem Durchschnittsalter des typischen Snapchat-Users. Das nötige „Feeling“ für die neuesten Entwicklungen der Medienbranche hat Diekmann im Silicon Valley entwickelt.

Wer Snapchat noch nicht kennt – dort kann man sich bspw. lustige Gesichtsfilter aufsetzen und einen sog. Snap absetzen, der nur für 24 Stunden auf der App zu sehen ist. (Hier habe ich darüber schon etwas ausführlicher gebloggt.)

Meine Kollegin Giulia liebt den Hundefilter, aber ob Kai Diekmann wirklich auf Doggy-Style abfährt? Ihr könnt es nachsehen, denn natürlich haben wir das Snapchat-Interview mit einem der führenden Herausgeber Deutschlands nicht einfach nach 24 Stunden in den unendlichen Weiten des World Wide Webs begraben, sondern für euch ein kleines Video angefertigt:

Gelegenheit für das kurze Interview hatten wir im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu Qualität in den Medien an der Universität der Bundeswehr München.

Qualität und BILD – wie das zusammen passe, wurde ich via Twitter gefragt. Diekmann stellt dazu in Neubiberg klar, dass die BILD keinen volkspädagogischen Auftrag haben. Den besitzen wir Blogger auch nicht und haben uns deswegen für dieses witzige Interview-Format entschieden und all unsere Fragen mit einem großen Augenzwinkern gestellt.  Wie man sich als König von Deutschland fühlt, wollte ich wissen. Schließlich schreibt die BILD was Deutschland denkt – oder umgekehrt. Der Herausgeber der BILD ist also irgendwie der König von Deutschland und bei uns mit dem passenden Filter zu sehen.

Und wie sich an diesem Vortragsabend herausstellte, war der Veranstaltungsort extrem passend gewählt: Schließlich brachte die Bundeswehr Kai Diekmann in die Medien.

Ein Medien-Mann, der polarisiert, aber durchwegs sympathisch mit uns Nachwuchsjournalistinnen umgegangen ist und das unter Zeitdruck; schließlich spielte an diesem Abend die deutsche Nationalelf.

Hochwasser-Katastrophe in Niederbayern: Bitte lasst die Hinterbliebenen in Ruhe

3 Jun
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Die Facebook-Funktion „an diesem Tag“ erinnert nicht nur an schöne Ereignisse. Zur Zeit zum Beispiel an meine Erinnerungen an das Hochwasser in Passau von 2013 (Fotoquelle: Screenshot).

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist her, dass ich mich in diesem Blogpost über das Verhalten mancher Social-Media-Nutzer in der Hochwasser-Katastrophe (in Passau) aufgeregt habe. Horrormeldungen wurden verbreitet. Fluch und Segen der sozialen Netzwerke: Koordiniert wurde, hauptsächlich über Facebook, auch zum Beispiel das vorbildliche Hilfs-Projekt „Passau räumt auf“.
Exakt drei Jahre danach hat das Hochwasser meine Heimat Niederbayern wieder heimgesucht – nicht direkt meine Heimatstadt Passau, aber die benachbarten Landkreise Rottal-Inn und Passau sind dieses Mal betroffen. Facebook erinnert gerade viele Nutzer aus meiner Heimatregion daran: „Es ist schön, Erinnerungen wach zu halten. Wir könnten uns vorstellen, dass du gern an diesen Beitrag von vor 3 Jahren zurückdenkst.“

Vater via Facebook gesucht

Fluch und Segen: Ich erinnere mich, ich saß am Mittwoch in der Bibliothek in München als mich die Meldungen und vor allem Bilder der schlammigen Massen über soziale Medien erreichten, wie sie sich durch Simbach am Inn, Tann etc. wälzten.
„Lebt ihr noch?“, schrieb ich in die familieneigene whatsapp-Gruppe. Angesichts der Horrorszenarien, wie sie die Medien wieder propagierten, hatte ich Angst bekommen.
Vielleicht erging es meiner ehemaligen Studienkollegin ähnlich, nur hat sie das Pech, dass ihr Elternhaus direkt im Zentrum der Katastrophe, in Simbach am Inn steht. Wenig später erreichte mich in meiner Timeline der verzweifelte Aufruf, den ihr Bruder verfasst hat:

„Hochwasser Simbach am Inn.

Unser Vater Walter (…) wird vermisst. Zuletzt gesehen (…)Straße.

Informationen an: (Handynummern der Geschwister)

Bitte teilen!!!“

Natürlich habe ich sofort auf teilen geklickt. 8 400 Personen haben das ebenfalls getan. Und da ich auf Twitter bin, habe ich einen Screenshot auch dort verbreitet – über 200 Retweets waren es hier.
Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt tun sollte. Denn bekanntlich sind die sozialen Netzwerke „Fluch und Segen“… Man könnte sich nun ausrechnen, wie viele Menschen, darunter auch Medienvertreter, die Handynummern und die Adresse eines potentiellen Flutopfers hatten.

Screenshot des Suchaufrufs in der BILD

Gestern Abend hatten die Angehörigen dann traurige Gewissheit – nach Stunden des Hoffens und Bangens, unvorstellbar quälender Ungewissheit: Der Vater hat es nicht mehr raus aus dem Keller geschafft. Er ist das sechste Opfer der Hochwasser-Katastrophe von 2016. Zu diesem Zeitpunkt werden jedoch noch Personen vermisst.
Als wäre das alles für die Familie noch nicht genug! Den „verzweifelten“ Suchaufruf der Geschwister hat die BILD heute als Screenshot veröffentlicht – mit den Handynummern und der Adresse. Da wurde nichts geschwärzt. Auch die Kommentare der Facebook-Freunde des Sohnes sind zu lesen. Mit Namen versteht sich.
Gleich wäre man wieder da mit dem Urteil: BILD halt. Aber selbst in den Öffentlich-Rechtlichen ist man nicht pietätvoller. Dort verkündete eine Rettungskraft heute im Morgenmagazin vollmundig: „Den (Familiennamen) hat man da hinten rausgezogen.“ Sorry, liebes Moma-Magazin, aber muss man den O-Ton, in dem der Name eines Hochwasser-Opfers genannt wird, wirklich senden?
Handynummer kann man wechseln, aber die Erinnerungen bleiben. Auch Facebook wird sie zum Jahrestag der Familientragödie an diesen Beitrag erinnern. (Hier wird beschrieben, wie man die Funktion „An diesem Tag“ ausschalten kann.)

Der Familie habe ich bereits persönlich mein Beileid ausgesprochen. Sie brauchen jetzt Hilfe*. Auch wenn das im Moment vielleicht hinten ansteht, aber es geht dabei auch um finanzielle Unterstützung der Opfer und Hinterbliebenen. Hier sind die sozialen Netzwerke wieder Fluch und Segen: Wie nah sollen die Medien das Schicksal der Hochwasseropfer beleuchten (und über die sozialen Netzwerke verbreiten), damit der Spendenrubel rollt?

Wir entscheiden über die Art der Berichterstattung

Wir alle können mit unserem persönlichen Medienkonsum und insbesondere Klick-Verhalten über das WIE der Berichterstattung entscheiden. Ich persönlich würde mir mehr Fingerspitzengefühl wünschen. Oder nennen wir es ethisches, pietätvolles Verhalten. Die Berichterstattung auf Basis eines Screenshots des Hilfeaufrufs der Geschwister mit den persönlichen Daten halte ich für verwerflich – es ist für mich ein trauriges Beispiel wie Journalismus nicht funktionieren sollte!

Anmerkung: Aufgrund des Tenors meines Blogposts bitte ich um Verständnis, dass ich auf einen Screenshot des Hilfeaufrufs verzichtet habe. Ich habe schon daran zu knapperen, dass ich selbst die Daten verbreitet habe, in der Hoffnung, dass alles gut wird… Derweil lag der Vater vermutlich bereits tot im Keller.

* So können Sie helfen:
Spendenaktion der PNP für Hochwasser-Opfer
Spendenkonto des Landkreis Rottal-Inn –> Helfer können im Übrigen gratis mit der Südostbayernbahn anreisen

Aus dem Leben einer Doktorandin: Warum das mit der Doktorarbeit wirklich so „schwer“ ist – der Kampf mit den Großformaten

1 Jun

Ok, niemand hat gesagt, dass eine Promotion einfach werden würde – aber dass es gleich so schwer sein würde eine Doktorarbeit zu schreiben und zwar im Sinne körperlich schwerer Arbeit, das hätte ich nicht gedacht.
Ich meine: Ganz ehrlich – was hat man für Vorurteile gegenüber Doktoranden? Dass sie mit einer fetten Lesebrille auf der Nase lieber auf der heimischen Couch rumlümmeln als in Muckibuden zu gehen. Und genau so einer bin ich! (Nur dass ich (noch) nicht weit-, sondern kurzsichtig bin). Aber sobald ihr in einer Bibliothek ein Buch bestellt, das großformatig ist – wie das eben bei Zeitungsbänden der Fall ist, wird’s sportlich. Also etwas trainiert solltet ihr schon sein, sonst ergeht es euch wie mir heute:
In der Stabi in München findet ihr ein Großformat nämlich nicht mehr in der normalen Ablage für die Lesesaal-Bestellungen, sondern in der Abteilung für Sonderformat. Diese Info wird dir auf einem gelben Zettel mitgeteilt, der sich in der normalen Ablagesektion für deine Ausweisnummer findet. Hey, wir sind in Deutschland! Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Und wann immer ich mir denke, hm – habe ich nicht eigentlich mehr Bücher bestellt? Dann wühle ich in der kleinen Kiste im Ablagefach, das an eine Zigarrenkiste erinnert. Und dann hab ich große Freude – im wahrsten Sinne des Wortes…

Mittwoch, 1. Juni. Juni ist ja eigentlich ein Sommermonat, aber an diesem Tag hat sich der Himmel zugezogen und Petrus weiß nicht so recht, ob er es schwül oder kalt werden lassen soll. Also habe ich mich für einen dicken Strickmantel entschieden, den ich jedoch nicht im Schließfach gelassen, sondern in den Lesesaal mitgenommen habe. Noch habe ich ihn an. Noch. Denn jetzt bewege ich mich in Richtung der Großformate. Fach 62 – da liegt mein Packen an gebundenen Zeitungen. Natürlich habe ich nicht daran gedacht, die Sackkarre oder wie auch immer ich dieses Gefährt bezeichnen soll, mit nach hinten zu den Großformaten zu nehmen. Nochmal vorlaufen zum Schalter? Ne, das kostet nur wertvolle Arbeitszeit. Schließlich bin ich doch in die Bib gegangen, um konzentriert arbeiten zu können. Kein Facebook, keine Arbeit am Blog, keine Mails. Nur ich und die Wissenschaft – und eben mein Kampf mit den Großformaten!
Also fasse ich mir ein Herz und packe alle Zeitungsbände auf einmal – und oben drauf die gelben Zettel aus der Zigarrenkiste. Puuuh… eigentlich hab ich mich überschätzt, aber jetzt auf halbem Weg zum Schalter wieder zurück? Näää! Der erste gelbe Zettel flattert vom Stapel – keine Zeit und keine Kraft ihn aufzuheben. Das wäre mit der Beladung ja fast wie Kniebeugen. Bin ich Hochleistungssportlerin oder Doktorandin der Geschichte? Ich gehöre eindeutig lieber zu der Fraktion mit den Hornbrillen!

Endlich bin ich am Verbuchungsschalter angekommen. Ich muss noch ergänzen, dass ich meine zweifelhaft elegante Plastiktasche aus dem China-Shop auch noch am Arm trage. Durchsichtig versteht sich! Denn nur mit durchsichtigen Tüten oder Taschen kommt man in den Lesesaal der Stabi. Ein Glück, sonst müsste ich meinen Laptop, das Ladekabel, den Transponder für den Doktorandenbereich im ersten Stock, Bleistifte und was man halt sonst noch alles braucht für das Überleben in der Bib, auch noch lose auf den Großformaten balancieren.
Die Bücher bzw. Zeitungsbände sind verbucht. Ob ich mir keinen Wagen nehmen will, fragt der freundliche Bib-Mitarbeiter in schönem bayerisch. Wenigstens muss ich nicht noch mein gekünsteltes Hochdeutsch auspacken, denk ich mir, denn die Schweißperlen stehen ohnehin schon auf meiner Stirn. „Eigentlich müsste ich damit in den Doktorandenbereich“, erkläre ich ihm. Denn die Stabi ist wieder mal auf den letzten Platz besetzt. Hat das Semester nicht gerade erst wieder angefangen? Ist denn schon wieder Prüfungszeit? Ihr müsst entschuldigen, aber als Promotionsstudent ist irgendwie jeder Tag gleich. Vom normalen Semesterablauf bekomme ich nichts mit.
Jedenfalls sind alle Plätze im Lesesaal besetzt – sogar diejenigen, die extra für Leute freigehalten sind, die mit Magazinbeständen arbeiten wollen. Also Leute wie ich, die wirklich um Bücher zu lesen, in die Bib gehen und nicht ihren Schönfelder mit lustigen Einmerkerl versehen. Ok, diese Gesetze wiegen auch ganz schön viel. Aber Herrschaft, der Platz ist eigentlich als Arbeitsplatz für Leute wie mich gedacht und jetzt habe ich den Salat.
Erst einmal schleppe ich alle Zeitungsbände wieder zurück. Ich will am Regal entscheiden, welches Jahrganges ich mich heute annehmen will. Dazu setze ich mich auf den Boden und wähle aus. Ok, die sollen es werden und noch ein bisschen was aus der normalen Ablage. Es ist ja nicht so, dass die Ablage und der Doktorandenbereich gleich ums Eck wären. Neeeein! Und da nehme ich lieber gleich mehr mit, dass mir auch ja der Lesestoff nicht ausgeht. Wie schon gesagt, wir sind ja in Deutschland.
Also belade ich mich mit meiner persönlichen Auswahl. Der gelbe Zettel, der noch übrig war, liegt wieder oben auf. Kaum gesagt und schon flattert er auch schon runter. Es hilft nichts. Es steht ja mein Name drauf. Wer weiß, vielleicht bekomme ich Hausverbot, wenn ich Zettel hier rumliegen lasse? Einer wär vielleicht noch gegangen, aber zwei?
Also runter in die Knie, schön weit runter und elegant mit einer Hand den Zettel vom grauen Teppichboden fischen. Puuh und weil das so gut geklappt hat, gleich noch den zweiten aufheben. Wieder zur „normalen“ Ablage. Auswahl getroffen und weiter geht’s mit noch mehr Büchern auf den Armen.
Ok, es hilft nichts, ich muss mir so einen braunen Transportwagen nehmen. Einer steht gerade da, der wartet also auf mich. Gekonnt platziere ich meine Auswahl auf der obersten Transportebene. Zwei weitere Ablageebenen hätte ich noch frei. Ob ich noch zurück soll und doch die anderen Jahrgänge drauflade? Nein, das wäre ja wieder vertane Arbeitszeit!

Jetzt muss ich nur noch rausfinden wo der Lift ist. Ich fange an, das Wägelchen zu bewegen. Es quietscht. Hm, eigentlich soll es ja in einer Bibliothek leise zugehen. Aber ich kann ja nichts dafür!
Vielleicht hat der Bibliotheksgott doch Erbarmen mit mir, wenn es schon im Moment Petrus nicht mit München hat und es ist irgendwo im unteren Lesesaal ein Platz frei? In diesem Moment merke ich, dass meine Strickjacke mit dem auffälligen schwarz-weiß Muster viel zu warm ist. Oder ist mir nur vom Schleppen so heiß geworden? Ich ziehe die Jacke jedenfalls aus. Leider ist weder in meiner Plastik-Handtasche Platz und auf den Wagen stopfen will ich sie auch nicht. Also, hänge ich sie lässig über meine stylische Bib-Handtasche und quietsche damit Richtung Lift. Natürlich ist der Weg dahin recht eng, mit dem Wendekreis des Transportwagens eines LKWs, das das Wägelchen aufweist, eigentlich kaum zu bewältigen. Aber hey, irgendwas muss so ein Geisteswissenschaftler ja auch können!
Knöpfchen gedrückt und schon ist er da, der Aufzug. Sesam öffne dich! Naja, ich wusste gar nicht, wie frequentiert das Teil ist, denn ich habe bisher meinen Astralkörper immer selbstständig die verschiedenen Ebenen des Lesesaales rauf und runter bewegt.
Aber da steht tatsächlich noch ein zweites Transportwägelchen drin. Mit seiner Lenkerin. „Geht das noch?“, frage ich und parke gekonnt das sperrige Holzteil ein. Ich will endlich was arbeiten! Mein Blick fällt auf die verschiedenen Knöpfe im Aufzug. Offensichtlich ist meine Mitfahrerin keine Leidensgenossin, sondern arbeitet hier. Denn die Knöpfe führen auch in Ebenen des Magazins. Eine Reihe Druckknöpfe sind offensichtlich nur für Mitarbeiter reserviert. Wo genau ich hin muss, weiß ich jedoch nicht.
„Wo muss ich denn drücken, wenn ich den Doktorandenlesesaal möchte“, frage ich sie beim Aussteigen. Mit dem Aufzug bin ich jetzt im Keller gelandet. Das wisse sie nicht, aber da sei ja eine Infotafel im Aufzug.
Alles klar, die hab ich natürlich noch gar nicht gesehen… (Ironie) So total übersichtlich mit den verschiedenen Ebenen. Ich drück einfach mal auf Verdacht Lesesaalebene 1. Doch der Aufzug hält und mich blökt ein grauhaariger Mann an, ich soll ihn reinlassen. Genug Platz ist ja im Aufzug, schließlich waren vorher ja zwei Wägelchen hier drin. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass hier genügend Platz gewesen sein soll?
Der Mann steigt ein und steigt wieder aus. Mein Haltewunsch wurde offensichtlich ignoriert. Ich drück nochmals und nochmals hält der Lift – aber nicht an meiner gewünschten Ebene, sondern am Ausgangspunkt meiner lustigen Liftfahrt. Ich fange an zu schimpfen, draußen steht wieder ein älterer Mann, aber freundlicher als der erste und er sagt, ich solle erst meine Fahrt beenden. Erst dann würde er wieder drücken.

Und siehe da – Sesam öffne dich! Ich bin auf Ebene 1 des Lesesaals angelangt. Jetzt muss ich nur noch mit dem quietschenden Wägelchen von ganz vorne nach ganz hinten. Gott, ist mir das peinlich! Wie mich dich Leute anschauen, die hier brav studieren wollen. Und ich bin verschwitzt – einfach „fick und fertig“. Ich will nicht angegafft werden. Und das ist noch die laptopfreie Zone, also hier soll man besonders konzentriert arbeiten wollen.
Aber das ist ja nicht mein Problem! Blöde Stabi, denke ich mir! Die hätten mir ja auch einfach jemand mitschicken können, der die Bücher trägt. Oder den Wagen ölen. Oder sich etwas Innovativeres als diesen Wagen anschaffen… Oder… Wie ich so gedanklich wie ein Rohrspatz vor mich hinschimpfe, stehe ich auch schon vor dem Doktorandenbereich. Er ist mit Glasscheiben, mitten im normalen Lesesaal eingezäunt. Um reinzukommen brauche ich meinen Transponder. Und als ich in meiner Plastik-Tasche krame und da nochmal in der kleineren Tasche, die meine Wertsachen enthalten, quatscht mich eine Frau an. „Kann ich da rein“, fragt sie mich mit einem Buch in der Hand.
Sie muss mich offensichtlich für eine Mitarbeiterin halten. Wer fährt sonst auch mit einem Wagen Bücher durch eine Bibliothek? Die Dame ist schon etwas älter und ich erkläre ihr, dass sie hier nur mit einem Transponder reinkommt, sie brauche eine Berechtigung für diesen Bereich. Typisch deutsch eben.
Genervt erklärt sie mir: „Dann setze ich mich einfach auf den Boden und lese da!“ Wenn das mal erlaubt ist, denke ich mir und klicke mich endlich frei, um das Doktorandengehege betreten zu können.

Endlich produktiv an der Diss arbeiten denke ich mir und fange an, meinen Laptop, mein Ladekabel, meine Wasserflasche aus der Plastiktasche zu holen. Plötzlich fällt mir ein: Wo ist eigentlich meine Strickjacke? Die wird doch nicht im Aufzug…
Und ich packe alles wieder in meine Tasche zurück. Das Wägelchen lasse ich derweil eingeparkt im Doktorandenbereich. Der Schweiß läuft mir mittlerweile schon in die Augen. Aber es hat ja keiner gesagt, dass das mit der Doktorarbeit leicht werden würde. Nur warum bitte gleich so schwer?