Archiv | Dezember, 2017

Wirtshaussterben in Bayern: Gasthaus Irlbacher in Penting sperrt zu

20 Dez

Das Wirtshaussterben ist ein anonymes Phänomen, das einen genauso wenig berührt wie beispielsweise Altersarmut, wenn man zum Glück nicht gerade selbst davon betroffen ist. Jetzt erlebe ich selbst, dass ein Wirtshaus, in dem wir mit der Familie Tod und Leben gefeiert haben, zum Jahresende schließt.

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Irlbacher setzt auf Regionalität – nicht aus Chichi, sondern Überzeugung. (Foto: Winderl)

Ich finde ja, man gehört erst richtig zu einem Dorf, wenn man ein Grab dort hat. Und so gehören wir auch nach all den Jahren nicht nach Passau-Heining, auch wenn meine Familie noch vor meiner Geburt hierher zog. Das liegt vielleicht auch daran, dass man zum Wirtshaus am Dorf keinen so rechten Bezug hat, weil man dort eben nicht nach einer Beerdigung mit der Trauergemeinde einkehrt.

Der eine Teil meiner Verwandtschaft liegt nämlich in der Oberpfalz begraben. Einem kleinen Dorf, Penting bei Neunburg vorm Wald, das im Prinzip nur aus der Kirche mit seinem angrenzenden Friedhof und dem gegenüberliegenden Wirtshaus besteht. Wie eben Dörfer in Bayern aussehen! Und genau dieses Wirtshaus wird nun zum Jahresende 2017 seine Pforten schließen – für immer.

Das macht mich traurig, denn auch wenn das Essen mal nicht so gut schmeckte, für mich war der „Irlbacher“ ein Stück Heimat. Dort hat meine Familie nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch gelacht und geweint. Meine Großeltern liegen gegenüber begraben – der Leichenschmaus fand also dort statt. Aber auch Erstkommunion, Hochzeiten und runde Geburtstage haben wir beim Irlbacher gefeiert.

Der Oberpfälzer-Wirt setzte auf Innovationen

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So kennt man Wolf Irlbacher: An der Theke muss er mit den Reservierungslisten jonglieren, damit er alle Gäste bewirten kann. (Foto: Winderl)

Der Wirt war über die Jahre immer derselbe. Ein kerniger Oberpfälzer der Wolf, der aber immer wieder innovative Ideen hatte, lange bevor diese en vogue waren: So wurde die Wurst in seiner Metzgerei schon viele Jahre ohne Glutamat zubereitet, bevor das große Konzerne für sich entdeckten. (Zum Glück soll die Metzgerei Irlbacher vorerst weiter bestehen.) Das Fleisch und die Wurst kommt von den Bauern aus der Nähe – namentlich aufgelistet auch auf der Speisekarte. Das ist Bio wie ich mir das vorstelle! Kein Chichi von Landgasthöfen, die ihre fehlende Historie wettmachen wollen durch besondere Regionalität. Schon Wolfs Vater war Wirt am Ort. Damals stand das Wirtshaus noch ein paar Meter weiter vorne im Dorf – aber auch in Sichtweite zur Kirche.

Heute kann man vor den Gasthaustüren sogar das E-Bike laden.

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Als Abschiedsessen gabs für mich ein Schnitzel mit Pommes – klassisch, weil ich das als Kind sooft dort gegessen habe. (Foto: Winderl)

Auch XXL-Portionen gab es dort, obwohl das der Gasthof nicht im Namen trug, wie das heute üblich ist. Ich erinnere mich an die Schnitzel meiner Kindheit, die so groß waren, dass sie nicht mal mehr aufs Teller passten. Hungrig musste niemand gehen!

Und für die Stammgäste gab es nach dem Essen eine Kostprobe des „Pentinger Obstgarten“. Ein Obstler, der so mild und bekömmlich ist, dass er seinesgleichen sucht. Den schüttet man nicht einfach hinunter, den muss man auf der Zunge zergehen lassen, dass er sein volles Aroma entfalten kann. (Zum Glück gibt es den auch weiterhin (sechs zum Preis von fünf) in der Metzgerei oder im Online-Shop zu kaufen. Ein Online-„Spezialitätenversand“ auch durchaus innovativ für einen Gastwirt aus der Oberpfalz!)

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Zum letzten Mal sind die Tische dekoriert: Nach dem Weihnachtsgeschäft 2017 ist Schluss mit dem Gasthaus Irlbacher. Die Metzgerei wird vorerst weiter betrieben. (Foto: Winderl)

Das kleine Heimatdorf Penting meines Vaters kennt niemand. Schon gar nicht wegen der gelb getünchten Pfarrkirche St. Nikolaus im Zentrum des Dorfes, die nicht besonders pittoresk erscheint. Aber den Irlbacher gegenüber, der ist weit über die Grenzen des Landkreises Schwandorf bekannt. Das habe ich schon oft erlebt, wenn ich Leuten beschreiben wollte, woher meine Papa stammt. Beim Irlbacher sind sie oft schon eingekehrt. Ohne Reservierung hat man daher kaum Chancen, einen Platz im Gasthaus zu ergattern. Auch jetzt nicht, wo er doch in ein paar Tagen schließt.

Warum genau Wolfgang Irlbacher sein Traditions-Wirtshaus schließt, ist nicht ganz klar. Es werde eben auch immer schwieriger, gutes Personal zu finden.

Das Weihnachtsgeschäft will der Wolf noch mitnehmen. Danach ist Schluss. Nach 28 Jahren am neuen Standort.

Wo die Familie mehr zählt als der Einzelne

Nicht nur beim Abgang zu den Toiletten, sondern überall hängen alte Fotos an den Wänden, die an die Wirtsfamilie und Stammtische erinnern. Einige, die darauf abgebildet sind, liegen wohl schon drüben auf dem Friedhof – in einer Region, in dem die Familie mehr zählt als der Einzelne. Denn auf den Grabsteinen finden sich nur die Familien-, keine Vornamen oder gar individuelle Geburtstags- oder Sterbedaten. Und so werden auch die Irlbachers die Wirtsfamilie von Penting bleiben, auch wenn das große Gasthaus im Ortskern künftig leer stehen wird.

Sicher, wir werden ein anders Wirtshaus in der Nähe finden, in dem wir feiern können – aber es wird eben nicht der Irlbacher sein und für mich daher auch keine richtige Wirtshaus-Heimat in Papas Heimat mehr geben.

Das Gasthaus Irlbacher schließt am 26. Dezember 2017 (2. Weihnachtsfeiertag) für immer.

Die Metzgerei Irlbacher in Penting (Neunburg vorm Wald) bleibt weiterhin bestehen. Bestellungen einiger Schmankerl (wie etwa dem fruchtig-milden Pentinger Obstgarten) sind auch online im sog. Spezialitätenversand möglich!

Mehr über die oberpfälzische Heimat meines Vaters:

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