Netflix-Serie „Unorthodox“ im echten Leben: Mein Besuch in Mea Shearim

15 Apr

Auf Netflix boomt gerade die Serie „Unorthodox“, eine Mini-Serie über eine orthodoxe Jüdin, die den „Ausstieg“ aus ihrem konservativen Leben schafft. Als Mitglied der DIG beobachte ich natürlich auch die Diskussion darüber, ob die Serie antisemitisch sei.

Als Alltagssprache ist Jiddisch selten geworden – besonders noch bei ultra orthodoxen Juden verbreitet, die zum Beispiel in Jerusalem im Stadtteil Mea Shearim leben. Und weil mich das Erscheinungsbild der orthodoxen Juden seit meiner Landung im Ben Gurion Airport in Tel Aviv besonders beeindruckte, wagte ich mich gleich während meines ersten Besuchs im Heiligen Land (im Oktober 2018) in diesen Stadtteil. Und ich dachte mir, da wir im Moment nicht reisen können, wäre es nett, diese meine Erinnerungen mit euch zu teilen!

Serie basiert auf Autobiografie

Zum Glück war ein Jerusalem-Kenner bei unserer Jufo-Reisegruppe dabei, der arg Bauchweh hatte, mit mir und meinen Freunden Mea Shearim zu betreten… 

Schilder weisen darauf hin: Mea Shearim soll man nur in sittsamer Kleidung betreten. Handy und orthodox sein passt zusammen. (Foto: Winderl)

Aber wenn ich mir etwas in meinen Kopf gesetzt habe… An unseren Ausflug in diese andere Welt erinnerte ich mich, als ich mit „Unorthodox“ auf Netflix anfing. Ich weiß nicht, ob die Aufnahmen im Williamsburg geschönt sind. Ich war ja nur in dem ultra orthodoxen Viertel in Jerusalem und kann sagen, dass es mit unserem Verständnis von Sauberkeit nichts zu tun hat. 

<br />

Bei hochsommerlichen Temperaturen mit Strickjacke durch Mea Shearim

Beim Eingang zum Viertel hängen Schilder, dass man es nur in angemessener Kleidung betreten darf. Das hieß für mich und meine Freundin, dass wir uns unsere Strickjacken bei über 30 Grad anzogen, weil die Arme der Frauen bedeckt sein müssen. Hosen sind eigentlich verboten, zum Glück waren Culottes gerade Trend, die sind immerhin weit. Aber streng genommen hätten wir mit unserem Outfit sicher Problem bekommen. In unserem Alter wären wir auch längst verheiratet gewesen, das heißt, wir hätten unsere Haare bedecken müssen (mit Tuch oder Perücke).

Feldmann wurde übrigens mit 16 Jahren verheiratet. Die Serie basiert auf ihrem autobiografischen Roman „Unorthodox“*.

Hält auch in Mea Shearim langsam die Moderne Einzug? Normalerweise sind Kinder Aufgabe der Frauen, Männer studieren die Thora. (Foto: Winderl)

Im Zuge meiner Recherche zu „Unorthodox“ habe ich eine Reportage gesehen, in der ein deutsches Filmteam – bestehend aus zwei Frauen – in Mea Shearim bespuckt und mit Steinen beworfen wurden. Freilich, mein Smartphone, mit dem ich verstohlen die Aufnahmen gemacht habe, war schnell im Ärmel verschwunden. Erst heute wird mir bewusst, dass der Ausflug in diese andere Welt wohl gar nicht so ohne war….

„Modest Clothes“ mehr für Frauen relevant?

Witzig fand ich, dass das Outfit bei Männern offensichtlich keine Rolle spielt – mein Kumpel stapfte mit Sandalen (immerhin ohne weiße Socken) und kurzen Hosen durch das Viertel. (Und dem Jutebeutel unserer Uni, dass wir auch gleich auf den ersten Blick als Deutsche auszumachen waren ;)) Natürlich wären wir immer als Touristen aufgefallen… Schwarzen Anzug, weißes Hemd und Hut hat man auf einer Studienreise ja eher selten dabei 😉

An den Hüten können Experten wohl die einzelnen Religionsgemeinschaften zuordnen. Denn die Satmarern, der Deborah Feldmann angehörte, ist nur eine zahlreicher Gemeinschaften, die die religiösen Regeln besonders streng befolgen; sie werden der chassidischen Bewegung zugeordnet. Die Einhaltung des Sabbats ist nur eine dieser vielen Regeln. Die Satmarer lehnen zum Beispiel den Zionismus ab, deswegen findet man diese nicht in Mea Shearim.

Die Hauptaufgabe orthodoxer Juden ist das Studium der Thora – Frauen sollen Kinder bekommen. Natürlich ist das jetzt stark vereinfacht von mir dargestellt – wie auch die Serie. Ich kann euch nur einladen, wer sich für das Thema interessiert, sich selbst einzulesen. Ich freue mich, dass die Netflix-Serie die Diskussion angestoßen hat!

Impressionen aus Mea Shearim. Am Markt gibt es Persil zu kaufen. Müll wird einfach auf der Straße entsorgt.

2 Antworten to “Netflix-Serie „Unorthodox“ im echten Leben: Mein Besuch in Mea Shearim”

  1. Sina April 25, 2020 um 2:38 am #

    Mea Shearim ist ein ULTRA-orthodoxes Viertel, kein orthodox-jüdisches generell. Und natürlich sieht man in Jerusalem viele ultra-orthodoxe Männer, die Kinderwägen schieben. Das ist mir bereits bei meinem ersten Besuch vor Jahren aufgefallen.

    • teresaohneh April 28, 2020 um 3:52 pm #

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich hab mir daraufhin meinen Blogpost noch einmal durchgelesen…. Und ja, ich habe geschrieben, dass es ein ultra-orthodoxes Viertel ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: