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Kurt-Eisner-Straße für Passau

15 Jun

Offensichtlich würde man Max Matheis heute keine Persilschein mehr ausstellen – und wahrscheinlich keine Straße mehr nach ihm benennen. Die Linke Passau wollte das prüfen lassen.

Die Stadt Passau ließ sich Zeit… Viel Zeit. Nach fünf(!) Jahren hakten die Linke wieder nach („Linke hakt im Fall Max Matheis nach“ (Lokalteil Passau vom 20.04.19, S. 21). Die Stadt Passau hat eine Prüfung noch nicht vorgenommen. 

Ich schrieb einen Leserbrief, denn der evtl. frei werdende Straßennamen inspiriert mich:

Mein Leserbrief (

Es stellt sich für mich die Frage, ob alle Persönlichkeiten, nach denen in Passau eine Straße benannt ist, einer kritischen Prüfung Stand hielten. Dennoch finde ich es richtig und wichtig, dass Die Linke bei der Stadt nachtarockt, wie man mit der Max-Matheis-Straße verfahren möchte.
Es kann nämlich nicht sein, dass aus Bequemlichkeit – sicher wäre eine Umbenennung mit Aufwand für die Stadt und nicht zuletzt für die Anwohner verbunden – einfach nichts geschieht! Meines Erachtens könnte die Stadt Passau im Zuge des Zentenariums von 100 Jahre Freistaat und Attentat auf seinen Gründer hier einen Coup landen: Nach Kurt Eisner sind in ganz Bayern nur zwei Straßen benannt. Mit der Umbenennung der Max-Matheis- in Kurt-Eisner-Straße könnte die Stadt Passau ein Statement für Demokratie setzen.
Schließlich hat der Eisner-Attentäter in der Altstadt die Schulbank gedrückt und das Notabitur erworben. Hat man das in der Stadt bis dato richtig aufgearbeitet?
Auch thematisch würde sich der erste bayerische Ministerpräsident in die Riege verdienter Bayern meines Erachtens gut einordnen, nach denen die Straßen im Neustifter Umfeld benannt sind. Denn auch wenn Eisner gebürtiger Berliner war, starb er als überzeugter Wahl-Bayer – seine Eltern übrigens in der Passauer Straße in Berlin. Wenn Straßennamen sprechen könnten…

Reaktion auf meinen Leserbrief

 

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Blogparade #DHMDemokratie: Demokratisierung von Denkmälern durch Graffiti-Künstler?

12 Mai
Grünspitz won abc

Die Männchen am Grünspitz könnten Kurt Eisner am gegenüberliegenden Moral zujubeln – schließlich brachte er die Demokratie nach Bayern. Ohne Blutvergießen. (Foto: Winderl)

Für Denkmäler brauchte man früher einen langen Atem und ein Händchen für den institutionellen Weg. 

Einer, der mit Denkmälern für seine Person bisher eher Pech hatte, ist Kurt Eisner: Als Jude und „Roter“ war er den Nazis nicht genehm, deswegen war er schon dem Attentat zum Opfer gefallen. Aber auch nach dem Systemwechsel wollte er den Machthabern irgendwie nicht so recht ins (Straßen)Bild passen. Und das, obwohl er die Demokratie in der Novemberrevolution für uns erkämpft hat. Wenn also eine Blogparade fragt, was mir persönlich Demokratie bedeutet, muss ich Kurt Eisner als Bayerin unbedingt nennen! Und wenn dieser Text im Demokratie-Labor des Deutschen Historischen Museums in Berlin bearbeitet wird, dann sollte ich auch noch erwähnen, dass Eisner 1867 in Berlin geboren wurde.

100 Jahre nach dem Attentat können seine Gegner den Amtsweg für Denkmäler umgehen – u. a. dank neuer Medien: Auf Google Maps benannten sie den Marienhof kurzerhand in Kurt-Eisner-Platz um – und es hat lange niemand gemerkt, den es gestört hat. 

Und auch Denkmäler sehen heute ganz anders aus als noch vor 30 Jahren, als das „Haupt“bodendenkmal für Eisner in München eingeweiht wurde: Die Umrisse des Ermordeten an der Stelle des Attentats. Achtlos kann man über ihn hinweggehen…

Mural in München für Akteure der Revolution von 1918/19

Graffiti Georg Elser

Das erste Graffiti-Denkmal in München entstand für Georg Elser in Blickweite zum Hauptbahnhof. (Foto: Winderl)

Aber ganz ohne auf das Werk von won abc zu schauen, kann man künftig wohl kaum mehr an der Martin-Luther-Straße vorbeifahren oder -gehen.  Dafür ist es zu groß: Das derzeit größte Mural Münchens zeigt fünf Revolutionäre: Von links nach rechts sind das Kurt Eisner, Sarah Sonja Lerch, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller.

Es ist nicht das erste Graffiti-Denkmal, das won abc geschaffen hat. Zusammen mit Loomit sprayte er auch eins für Georg Elser an der Bayerstraße (hier gibts eine genaue Erläuterung). Auch so einer, der in der Mainstream-Erinnerungskultur als Hitler-Attentäter nach Stauffenberg und seinen Mitverschwörern vom Juli 44 eher einen Platz in der zweiten Reihe hatte.

Für mich ist diese neue Art des Denkmals mit Graffiti ur-demokratisch, denn sie kommt direkt aus der Bevölkerung.

Gerade bei Kurt Eisner, dessen Anhänger so lange für eine Würdigung kämpfen, wird das besonders deutlich. Eine Konsens-Entscheidung wie über Denkmäler bis dato üblich, entspricht nicht unbedingt einem authentischen Bild des kollektiven Gedächtnisses. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben und diese bauen ihren Helden Denkmäler.

Ohne Revolution keine Demokratie

Marienhof Kurt-Eisner-Platz

Der Marienhof wurde auf Google Maps einfach schon mal zeitweise in Kurt-Eisner-Platz umbenannt. Dort gibt es keine Anwohner, es würden wenig Kosten entstehen (Screenshot).

Won abc war laut meiner Nachfrage über Instagram frei bei der Wahl des Motivs an der Martin-Luther-Straße. Zur Gestaltung des ehemaligen Umspannwerks sollen ihm rund 28 000 Euro zur Verfügung gestanden haben.

Er hat sich für diese fünf Revolutionäre entschieden, weil er etwas mit ihnen gemeinsam habe: Die Anti-Haltung.

Ebenso wie Graffiti als Gegenkultur zur etablierten Kunst gilt, kämpften Eisner und seine Verbündeten gegen das herrschende politische System. Was wir nicht vergessen dürfen: Diesen Revolutionären verdanken wir unser heutige Demokratie! Für zum Beispiel das Frauenwahlrecht mussten sich Menschen erst gegen geltendes Recht stark machen. Demokratie ist für mich (nach Rosa Luxemburg) unter anderem daher auch immer die Freiheit der Andersdenkenden, sonst entwickelt sich nichts weiter. Ich bin davon überzeugt, dass Stillstand unserer Demokratie nicht gut tut. Wer weiß, wie unsere Demokratie in 100 Jahren aussieht: Mehr Partizipation vielleicht – wie sich das schon Eisner in seiner Idee von einer Rätedemokratie gewünscht hatte? 

Schwierig: Eisner und Räterepublikaner auf einem gemeinsamen Denkmal

Graffiti Eisner

Das Foto entstand als won abc noch (mit der Hebebühne) am Mural arbeitete: Kurt Eisner, farbig abgehoben von den anderen Akteuren der Revolution, kickt die Monarchie weg – hinter ihm eine Friedenstaube mit Heiligenschein. (Foto: Winderl)

Etwas Bauchweh habe ich als Historikerin immer, wenn Akteure der Räterepublik in einem Atemzug mit Eisner genannt werden oder hier eben gemeinsam abgebildet sind. Mühsam, Landauer und Toller waren nämlich Funktionäre der 1. Räterepublik Baiern – Kurt Eisner wurde mit ihnen oft in einen Topf geworfen, aber das ist falsch! Denn erst nach seinem gewaltsamen Tod (am 21. Februar 1919) eskalierte die Revolution zusehends. Der Rätegedanke wurde überstrapaziert bis die 2. Räterepublik schließlich blutig beendet wurde. (Übrigens während der Laufzeit dieser Blogparade und zwar am 2. Mai exakt vor 100 Jahren.)

Gut gefällt mir daher, dass das Gesicht Eisner auf dem Mural etwas von den anderen abgehoben ist: Es ist das einzige der fünf Köpfe, das rosa ist. So korrespondiert es mit den Friedenstauben und dem Peace-Zeichen, das Mühsam in Händen hält. Kurt Eisner kickt die Krone weg. Hinter ihm eine Friedenstaube mit Olivenzweig und Heiligenschein. Irgendwie eindeutig, wie der Graffiti-Künstler Eisner sieht.

(Mir nicht erklären kann ich jedoch, warum der Name Ernst Tollers eine andere Farbe hat als die anderen Beschriftungen. Wer eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, sie als Kommentar zu hinterlassen!)

Giesing als idealer Standort des Denkmal-Graffitis

Mural Giesing Eisner

Als am Graffiti noch gearbeitet wurde, waren auch die Fenster mit einbezogen. Die Malerkrepp-Schriftzüge sind mittlerweile entfernt, die Namen der Akteure sind unter den Figuren aufgesprüht. (Foto: Winderl)

Es würde zu weit führen, alle fünf Portraitierten näher vorzustellen. Einige Worte möchte ich dennoch verlieren und dann wird vielleicht auch klar, warum ich explizit auch den Standort des Graffiti-Denkmals so genial finde: Sarah Sonja Lerch geb. Rabinowitz erlebte die Revolution selbst gar nicht mehr. Zusammen mit Eisner hatte sie in der Münchner Rüstungsindustrie den sog Januar-Streik des Jahres 1918 organisiert und wurde deswegen eingesperrt. Eisner kam aufgrund dieser Aktion erst kurz vor den Wahlen wieder frei.

Sie war zunächst am Neudeck (Gefängnis am Mariahilfplatz) interniert, der nur wenige Meter Luftlinie vom Mural entfernt ist, später (wie auch Toller und Landauer) in Stadelheim, wo sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Landauer fand in Stadelheim einen gewaltsamen Tod. Auf dem Mural biegt sie die Gitterstäbe einfach auseinander.

Kurt Eisner Denkmal München

Ich stehe davor, aber über das Eisner’sche Bodendenkmal an der Kardinal-Faulhaber-Straße in München kann man einfach hinweggehen. Aber dieser Entwurf war Sieger bei einem Wettbewerb.

Auch der Ostfriedhof, an dem Eisner seine erste ewige Ruhe fand – im 3. Reich wurde seine Urne inkl. Gedenkstein für die Revolution entfernt – ist nur zwei Tram-Stationen weg.

Vielleicht wäre die Demokratie auch ohne Kurt Eisner nach Bayern gekommen. Vielleicht hätte sich dieser bescheidene Mann gar kein Denkmal für sich gewünscht.

Was meint ihr: Wie viel Erinnerung braucht Demokratie? Und wer darf über die Erinnerungskultur einer Gesellschaft bestimmen?

Wenn ihr jetzt bei der Blogparade des Deutschen Historischen Museums mitmachen wollt habt ihr noch bis 28. Mai Zeit. Alle Infos gibt’s hier.

Und wer sich generell für Graffitis in München interessiert, dem sei mein Blogpost über die Streetart-Safari, die ich mit Martin Arz besucht habe, ans Herz gelegt.

Warum eigentlich ich „Kohls Mädchen“ bin

29 Jun
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Einblick in das Fotoalbum: Denn der Auftritt Helmut Kohls am 7. November 1982 in der Passauer Nibelungenhalle hat eine besondere Bedeutung für unsere Familie. Das Foto hat mein Papa gemacht. Wer den Herren links neben dem Bundeskanzler erkennt, darf gerne sein Wissen als Kommentar mit uns teilen!

Die Position von „Kohls Mädchen“ ist wohl in den letzten Lebensjahren von Angela Merkel auf seine Ehefrau Maike übergegangen. Doch warum eigentlich ich „Kohls Mädchen“ bin, das will ich euch heute, anlässlich seines Todes, berichten:

Bayern ist bekanntlich schwarz. Tiefschwarz. Doch dass Unions-Regenten direkt für Ehen und Kinder verantwortlich sind, das ist wohl auch in Bayern eher selten. Meine Eltern lernten sich jedoch bei einer Veranstaltung von Helmut Kohl in der Nibelungenhalle in Passau kennen. Dienstlich waren sie dort, beide waren sie bei der bayerischen Polizei. Mein Papa tat jedoch 1982 in Franken Dienst, sozusagen am anderen Ende des Freistaats und hätte wohl ohne den Auftritt des späteren Kanzlers der Einheit, meine Mutter im schönen Niederbayern nicht so schnell oder eher gar nicht kennengelernt. (Auch die Passauer Neue Presse erinnert hier an diesen historischen Auftritt – denn in Passau hielt Kohl eine seiner ersten Reden als Kanzler! Erst am 1. Oktober war er durch das konstruktive Misstrauensvotum an die Macht gekommen.)

Vielleicht war es für mich daher so undenkbar, dass Deutschland einen Kanzler haben könnte, der NICHT Helmut Kohl heißt. Am verlorenen Wahlabend des Jahres 1998 war ich entsprechend niedergeschlagen. Ja, ich interessierte mich schon sehr früh für Politik! Er reihte sich ein in die Liste „der ewigen Regenten“ meiner Jugend – Papst Johannes Paul II., Ministerpräsident Stoiber – von denen heute nur noch Königin Elizabeth übrig ist. An dieser Stelle: Long live our nobel Queen!

Kohl hätte meine Pate werden sollen

Leider hat Helmut Kohl nie davon erfahren, dass er so unmittelbar mit meiner Geburt zu tun hatte. Meine Mama hat sich zwar überlegt, an sein Büro zu schreiben und ihn um eine (Ehren)Patenschaft für mich zu bitten. Gemacht hat sie es jedoch leider nicht.

Die Familie Kohl habe ich aber auch nach der Kanzlerschaft, aus diesem persönlichen Interesse heraus, nie aus den Augen verloren. In studiVZ trat ich in die Gruppe ein: „Ehrenvorsitz für Dr. Helmut Kohl“ – die Gruppen dort beschrieben einen ja besser als das eigentliche Profil, auf dem ich als Heimatland „Europa“ angab. Ganz Kohlianer irgendwie.

Für diesen Blogpost habe ich mich extra in studiVZ eingeloggt und musste feststellen, dass die Helmut-Kohl-Gruppe inzwischen gelöscht ist. Ob ich schon vor der Löschung aus ihr austrat, weiß ich nicht.

Es dürfte wohl ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich endgültig von studiVZ zu Facebook wechselte, dass ich Walter Kohls Buch „Leben oder gelebt werden“* nicht las, sondern vom Sohn selbst vorgelesen, als Hörbuch* hörte. Und irgendwie verabschiedet sich damit von mir ein Stück Erinnerung an eine heile Kindheit:

So gern hatte ich das Ehepaar Kohl am Wolfgangsee zusammen urlauben sehen. War das alles nur eine Inszenierung, wenn er entspannt (mit Strickjacke natürlich) seine Hannelore über den See ruderte und beide dabei in die Kameras lachten? Und jetzt soll er nicht einmal im Familiengrab beigesetzt werden? Das bleibt also am Ende von der Ehe eines so großen Christdemokraten!

Als Historikerin werde ich mit Argusaugen beobachten, was mit den Akten geschieht, die Kohl der Adenauer-Stiftung zunächst schon übereignet, dann jedoch wieder zurückgefordert hat. Sofern er dazu selbst überhaupt noch in der Lage war.

Wenn ich Fotos der neuen Frau Kohl mit dem Kanzler sehe, meine ich, dort Liebe zu erkennen. Aber wen geht das schon etwas an! Für mich jedoch wird Hannelore auf ewig „Frau Kohl“ bleiben. Ich weiß nicht, ob Dr. Maike Kohl-Richter ärgert, dass sie in die Geschichte wohl eben nicht als Frau vom Kohl eingehen wird und deshalb die alleinige Deutungshoheit über Kohls Lebenswerk für sich beansprucht?

Plant Diekmann ein Buch mit Kohl-Witwe?

Ich jedenfalls warte schon gespannt auf das Buch, das sie vielleicht mit Kai Diekmann schreiben wird. Das ist zu diesem Zeitpunkt nur eine Vermutung von mir. Wie es der Zufall will, habe ich Diekmann, just fast genau ein Jahr vor dem Tod des Altkanzlers, interviewt. Damals war er noch Bild-Chefredakteur und stritt mir ab, dass Kohl in Oggersheim lebt (hier nachzulesen und -sehen).

Natürlich lebte er in diesem Stadtteil Ludwigshafens, natürlich war mir klar, dass Kohl für seine provinziale Herkunft immer belächelt wurde. Kai Diekmann konnte natürlich auch nicht wissen, dass er mit „Kohls echtem Mädchen“ sprach 😉

Ich gebe zu, ich hätte Helmut Kohl gerne einmal „live“ gesehen. Als ich mit dem Zug durch Ludwigshafen fuhr, reckte ich meinen Kopf zu beiden Seiten des Waggons hinaus. Wahrscheinlich saß er zu diesem Zeitpunkt jedoch im Garten seines Bungalows – mit Strickjacke. Ich selbst liebe auch Strickjacken, einen Pfälzer Saumagen habe ich jedoch noch nicht gegessen. Macht nichts, denn jetzt wurde im Zuge der Berichterstattung über seinen Tod enthüllt, dass es gar nicht Kohls Lieblingsgericht gewesen sein soll.

Vielleicht ist es besser so, dass ich nie Kohls Patenkind geworden bin. Wer weiß, vielleicht forsche ich eines Tags über ihn. Möge er jetzt erstmal in Frieden seine ewige Ruhe finden dürfen! Ich danke Helmut Kohl für eine ganz besondere Einheit: Die Ehe meiner Eltern, die mich für immer zu „Kohls Mädchen“ gemacht hat!

#histag16: Bloggende Historiker – zwischen Schreibübung für die Doktorarbeit, auf dem Weg zur Online-Fachzeitschrift

26 Sep

Dass der Deutsche Historikertag keine so hippe Tagung wie die Republica ist, das ist irgendwie selbst erklärend. Aber dennoch gab es einen Hashtag, Veranstaltungen über Digital Humanities und sogar ein Bloggertreffen, von dem ich euch berichten möchte:

Der Sascha Lobo der deutschen Historiker heißt @Mareike2405, ist weiblich, lebt und forscht in Paris am dortigen Deutschen Historischen Institut. Eigentlich wollte ich schreiben, „während in den Sektionen noch über die Notwendigkeit digitaler historischer Grundwissenschaften diskutiert wurde…“ Aber das wäre falsch zu behaupten, denn dass die Notwendigkeit längst vorhanden wäre, war allen Anwesenden bewusst – auf dem Podium sowie im Publikum, das jedoch aus auffallend wenigen Professoren bestanden hat.

Es ist also noch ein weiter Weg, den die bloggenden und twitternden Historikerinnen und Historiker zurücklegen werden müssen, aber gemeinsam geht alles besser und so traf man sich am letzten Konferenztag in der Twitter-Lounge, um barcampmäßig den eigenen Blog zu präsentieren: Zur Seite stand Dr. Mareike König dabei @karolinedoering.

Seit 2012 betreibt sie mit zwei Bekannten DEN Mittelalter-Blog. Vorweg, einige dieser historischen Blogs sind nicht selbst gehostet, sondern über Hypotheses.

Hypotheses ist das WordPress der Wissenschaftsblogs

Kostenlos kann man dort einen wissenschaftlichen Blog eröffnen, Zielgruppe sind die Geistes- und Sozialwissenschaften. Dr. Karoline Döring hebt vor allem die Gemeinschaft hervor, die es bei Hypothese gebe. Der Blog selbst basiert auf WordPress, ist aber eben schon durch die Adresse als wissenschaftlich auszumachen.

Selbst gehostet hat der Doktorand Yves Vincent Grossmann seinen Blog . „Um schreiben zu üben“, habe er angefangen zu bloggen und berichtet regelmäßig über den Fortschritt seiner Dissertation.

„Ich habe den Anspruch, immer etwas auf meinem Blog zu zitieren“, sagt Dr. Burkhard Conrad in der kurzen Präsentation seines Blogs. Der Unterschied zu den etablierten Sektionen am Deutschen Historikertags wird deutlich: Manche dauern dort 3,5 Stunden, den Bloggern (muss) eine genügen 😉

Dr. Conrad ist Laiendominikaner, sein Blog heißt Rotsinn und ist bei WordPress gehostet. Die Motivationen, einen eigenen Blog zu betreiben, sind also unterschiedlich.

Alle anderen (außer mir), die an diesem frühen Freitagnachmittag in Hamburg ihren Blog präsentieren, setzen auf das Blogportal Hypotheses.

Torsten Hiltmann stellt seinen Blog „Heraldica Nova“ vor. (Wer nicht weiß, was Heraldik ist, liest seinen Blog oder meinen Blogpost ;)) Die Postings sind in Deutsch, Englisch und Französisch verfasst und ziehen Laien-Experten gleichermaßen an wie Wissenschaftler.

Blogposts über Forschungsergebnisse, die sonst unter den Tisch fallen würden

Selbstverständlich bloggt auch die Leiterin der Session, Dr. Mareike König und zwar gleich auf verschiedenen Blogs. Ihren über das 19. Jahrhundert sieht sie selbst als eine Art Dokumentation und verrät den bloggenden Historiker-Kollegen, welches ihr meist geklickter Beitrag ist: Er trägt den spannenden Titel „Bitte leeren Sie den Papierkorb, Madame!“. Was es mit Madame Bastian auf sich hat, erfahrt ihr selbstverständlich im verlinkten Blogpost. So viel vorab: Es ist eine nette Hintergrundinfo über die Dreyfusaffäre, die jedoch, wie die promovierte Historikerin selbstkritisch feststellt, keinen Artikel wert wäre.

Monetarisierung bei Wissenschaftsblags kein Thema

Als ich ein paar Anekdoten über den Blogger-Stammtisch in München einstreue und, dass es in der bayerischen Landeshauptstadt seit Kurzem sogar einen Bloggerclub e. V. gibt, geraten die bloggenden Historiker etwas ins Staunen. Geld verdienen mit dem eigenen Blog? Das geht?

Bei bloggenden Wissenschaftlern stehen andere Dinge als die Monetarisierung im Fokus – Hypotheses ist zudem gänzlich werbefrei. Was ist ein Blogpost wissenschaftlich gesehen wert? Wie bringt man Kolleginnen und Kollegen dazu, Zeit in einen Blogpost zu investieren, wenn eine Publikation auf Totholz noch sehr viel mehr angesehen ist? Kann ein Blog künftig den Rang einer (online) Fachzeitschrift haben?

Weiter geht’s auf dem Histocamp in Mainz

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Design: Lucas Garske/ Text: Team Open History e. V.

Die Blogger-Session auf dem Deutschen Historikertag hat Appetit gemacht – mehr konnten die wenigen Veranstaltungen nicht leisten: Aber ich fuhr nach Hause mit der Erkenntnis, dass es bloggende Kolleginnen und Kollegen gibt. Auch wenn nicht alle an der Session teilgenommen haben, gell @citoyenberlin 😉

Über die Vernetzung und viele weitere spannende Dinge können wir beim histocamp weiterdiskutieren – ja, ein echtes „BarCamp für alle, die an und mit Geschichte arbeiten“. Karoline mit dem Mittelalter-Blog gehört zu den Organisatoren. Und wie sagte schon Simone de Beauvoir? „Man kommt nicht als langweilige Historikerin zur Welt, man wird dazu gemacht.“*
* zitiert nach Team Open History e . V.

Aus dem Leben einer Doktorandin: Warum das mit der Doktorarbeit wirklich so „schwer“ ist – der Kampf mit den Großformaten

1 Jun

Ok, niemand hat gesagt, dass eine Promotion einfach werden würde – aber dass es gleich so schwer sein würde eine Doktorarbeit zu schreiben und zwar im Sinne körperlich schwerer Arbeit, das hätte ich nicht gedacht.
Ich meine: Ganz ehrlich – was hat man für Vorurteile gegenüber Doktoranden? Dass sie mit einer fetten Lesebrille auf der Nase lieber auf der heimischen Couch rumlümmeln als in Muckibuden zu gehen. Und genau so einer bin ich! (Nur dass ich (noch) nicht weit-, sondern kurzsichtig bin). Aber sobald ihr in einer Bibliothek ein Buch bestellt, das großformatig ist – wie das eben bei Zeitungsbänden der Fall ist, wird’s sportlich. Also etwas trainiert solltet ihr schon sein, sonst ergeht es euch wie mir heute:
In der Stabi in München findet ihr ein Großformat nämlich nicht mehr in der normalen Ablage für die Lesesaal-Bestellungen, sondern in der Abteilung für Sonderformat. Diese Info wird dir auf einem gelben Zettel mitgeteilt, der sich in der normalen Ablagesektion für deine Ausweisnummer findet. Hey, wir sind in Deutschland! Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Und wann immer ich mir denke, hm – habe ich nicht eigentlich mehr Bücher bestellt? Dann wühle ich in der kleinen Kiste im Ablagefach, das an eine Zigarrenkiste erinnert. Und dann hab ich große Freude – im wahrsten Sinne des Wortes…

Mittwoch, 1. Juni. Juni ist ja eigentlich ein Sommermonat, aber an diesem Tag hat sich der Himmel zugezogen und Petrus weiß nicht so recht, ob er es schwül oder kalt werden lassen soll. Also habe ich mich für einen dicken Strickmantel entschieden, den ich jedoch nicht im Schließfach gelassen, sondern in den Lesesaal mitgenommen habe. Noch habe ich ihn an. Noch. Denn jetzt bewege ich mich in Richtung der Großformate. Fach 62 – da liegt mein Packen an gebundenen Zeitungen. Natürlich habe ich nicht daran gedacht, die Sackkarre oder wie auch immer ich dieses Gefährt bezeichnen soll, mit nach hinten zu den Großformaten zu nehmen. Nochmal vorlaufen zum Schalter? Ne, das kostet nur wertvolle Arbeitszeit. Schließlich bin ich doch in die Bib gegangen, um konzentriert arbeiten zu können. Kein Facebook, keine Arbeit am Blog, keine Mails. Nur ich und die Wissenschaft – und eben mein Kampf mit den Großformaten!
Also fasse ich mir ein Herz und packe alle Zeitungsbände auf einmal – und oben drauf die gelben Zettel aus der Zigarrenkiste. Puuuh… eigentlich hab ich mich überschätzt, aber jetzt auf halbem Weg zum Schalter wieder zurück? Näää! Der erste gelbe Zettel flattert vom Stapel – keine Zeit und keine Kraft ihn aufzuheben. Das wäre mit der Beladung ja fast wie Kniebeugen. Bin ich Hochleistungssportlerin oder Doktorandin der Geschichte? Ich gehöre eindeutig lieber zu der Fraktion mit den Hornbrillen!

Endlich bin ich am Verbuchungsschalter angekommen. Ich muss noch ergänzen, dass ich meine zweifelhaft elegante Plastiktasche aus dem China-Shop auch noch am Arm trage. Durchsichtig versteht sich! Denn nur mit durchsichtigen Tüten oder Taschen kommt man in den Lesesaal der Stabi. Ein Glück, sonst müsste ich meinen Laptop, das Ladekabel, den Transponder für den Doktorandenbereich im ersten Stock, Bleistifte und was man halt sonst noch alles braucht für das Überleben in der Bib, auch noch lose auf den Großformaten balancieren.
Die Bücher bzw. Zeitungsbände sind verbucht. Ob ich mir keinen Wagen nehmen will, fragt der freundliche Bib-Mitarbeiter in schönem bayerisch. Wenigstens muss ich nicht noch mein gekünsteltes Hochdeutsch auspacken, denk ich mir, denn die Schweißperlen stehen ohnehin schon auf meiner Stirn. „Eigentlich müsste ich damit in den Doktorandenbereich“, erkläre ich ihm. Denn die Stabi ist wieder mal auf den letzten Platz besetzt. Hat das Semester nicht gerade erst wieder angefangen? Ist denn schon wieder Prüfungszeit? Ihr müsst entschuldigen, aber als Promotionsstudent ist irgendwie jeder Tag gleich. Vom normalen Semesterablauf bekomme ich nichts mit.
Jedenfalls sind alle Plätze im Lesesaal besetzt – sogar diejenigen, die extra für Leute freigehalten sind, die mit Magazinbeständen arbeiten wollen. Also Leute wie ich, die wirklich um Bücher zu lesen, in die Bib gehen und nicht ihren Schönfelder mit lustigen Einmerkerl versehen. Ok, diese Gesetze wiegen auch ganz schön viel. Aber Herrschaft, der Platz ist eigentlich als Arbeitsplatz für Leute wie mich gedacht und jetzt habe ich den Salat.
Erst einmal schleppe ich alle Zeitungsbände wieder zurück. Ich will am Regal entscheiden, welches Jahrganges ich mich heute annehmen will. Dazu setze ich mich auf den Boden und wähle aus. Ok, die sollen es werden und noch ein bisschen was aus der normalen Ablage. Es ist ja nicht so, dass die Ablage und der Doktorandenbereich gleich ums Eck wären. Neeeein! Und da nehme ich lieber gleich mehr mit, dass mir auch ja der Lesestoff nicht ausgeht. Wie schon gesagt, wir sind ja in Deutschland.
Also belade ich mich mit meiner persönlichen Auswahl. Der gelbe Zettel, der noch übrig war, liegt wieder oben auf. Kaum gesagt und schon flattert er auch schon runter. Es hilft nichts. Es steht ja mein Name drauf. Wer weiß, vielleicht bekomme ich Hausverbot, wenn ich Zettel hier rumliegen lasse? Einer wär vielleicht noch gegangen, aber zwei?
Also runter in die Knie, schön weit runter und elegant mit einer Hand den Zettel vom grauen Teppichboden fischen. Puuh und weil das so gut geklappt hat, gleich noch den zweiten aufheben. Wieder zur „normalen“ Ablage. Auswahl getroffen und weiter geht’s mit noch mehr Büchern auf den Armen.
Ok, es hilft nichts, ich muss mir so einen braunen Transportwagen nehmen. Einer steht gerade da, der wartet also auf mich. Gekonnt platziere ich meine Auswahl auf der obersten Transportebene. Zwei weitere Ablageebenen hätte ich noch frei. Ob ich noch zurück soll und doch die anderen Jahrgänge drauflade? Nein, das wäre ja wieder vertane Arbeitszeit!

Jetzt muss ich nur noch rausfinden wo der Lift ist. Ich fange an, das Wägelchen zu bewegen. Es quietscht. Hm, eigentlich soll es ja in einer Bibliothek leise zugehen. Aber ich kann ja nichts dafür!
Vielleicht hat der Bibliotheksgott doch Erbarmen mit mir, wenn es schon im Moment Petrus nicht mit München hat und es ist irgendwo im unteren Lesesaal ein Platz frei? In diesem Moment merke ich, dass meine Strickjacke mit dem auffälligen schwarz-weiß Muster viel zu warm ist. Oder ist mir nur vom Schleppen so heiß geworden? Ich ziehe die Jacke jedenfalls aus. Leider ist weder in meiner Plastik-Handtasche Platz und auf den Wagen stopfen will ich sie auch nicht. Also, hänge ich sie lässig über meine stylische Bib-Handtasche und quietsche damit Richtung Lift. Natürlich ist der Weg dahin recht eng, mit dem Wendekreis des Transportwagens eines LKWs, das das Wägelchen aufweist, eigentlich kaum zu bewältigen. Aber hey, irgendwas muss so ein Geisteswissenschaftler ja auch können!
Knöpfchen gedrückt und schon ist er da, der Aufzug. Sesam öffne dich! Naja, ich wusste gar nicht, wie frequentiert das Teil ist, denn ich habe bisher meinen Astralkörper immer selbstständig die verschiedenen Ebenen des Lesesaales rauf und runter bewegt.
Aber da steht tatsächlich noch ein zweites Transportwägelchen drin. Mit seiner Lenkerin. „Geht das noch?“, frage ich und parke gekonnt das sperrige Holzteil ein. Ich will endlich was arbeiten! Mein Blick fällt auf die verschiedenen Knöpfe im Aufzug. Offensichtlich ist meine Mitfahrerin keine Leidensgenossin, sondern arbeitet hier. Denn die Knöpfe führen auch in Ebenen des Magazins. Eine Reihe Druckknöpfe sind offensichtlich nur für Mitarbeiter reserviert. Wo genau ich hin muss, weiß ich jedoch nicht.
„Wo muss ich denn drücken, wenn ich den Doktorandenlesesaal möchte“, frage ich sie beim Aussteigen. Mit dem Aufzug bin ich jetzt im Keller gelandet. Das wisse sie nicht, aber da sei ja eine Infotafel im Aufzug.
Alles klar, die hab ich natürlich noch gar nicht gesehen… (Ironie) So total übersichtlich mit den verschiedenen Ebenen. Ich drück einfach mal auf Verdacht Lesesaalebene 1. Doch der Aufzug hält und mich blökt ein grauhaariger Mann an, ich soll ihn reinlassen. Genug Platz ist ja im Aufzug, schließlich waren vorher ja zwei Wägelchen hier drin. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass hier genügend Platz gewesen sein soll?
Der Mann steigt ein und steigt wieder aus. Mein Haltewunsch wurde offensichtlich ignoriert. Ich drück nochmals und nochmals hält der Lift – aber nicht an meiner gewünschten Ebene, sondern am Ausgangspunkt meiner lustigen Liftfahrt. Ich fange an zu schimpfen, draußen steht wieder ein älterer Mann, aber freundlicher als der erste und er sagt, ich solle erst meine Fahrt beenden. Erst dann würde er wieder drücken.

Und siehe da – Sesam öffne dich! Ich bin auf Ebene 1 des Lesesaals angelangt. Jetzt muss ich nur noch mit dem quietschenden Wägelchen von ganz vorne nach ganz hinten. Gott, ist mir das peinlich! Wie mich dich Leute anschauen, die hier brav studieren wollen. Und ich bin verschwitzt – einfach „fick und fertig“. Ich will nicht angegafft werden. Und das ist noch die laptopfreie Zone, also hier soll man besonders konzentriert arbeiten wollen.
Aber das ist ja nicht mein Problem! Blöde Stabi, denke ich mir! Die hätten mir ja auch einfach jemand mitschicken können, der die Bücher trägt. Oder den Wagen ölen. Oder sich etwas Innovativeres als diesen Wagen anschaffen… Oder… Wie ich so gedanklich wie ein Rohrspatz vor mich hinschimpfe, stehe ich auch schon vor dem Doktorandenbereich. Er ist mit Glasscheiben, mitten im normalen Lesesaal eingezäunt. Um reinzukommen brauche ich meinen Transponder. Und als ich in meiner Plastik-Tasche krame und da nochmal in der kleineren Tasche, die meine Wertsachen enthalten, quatscht mich eine Frau an. „Kann ich da rein“, fragt sie mich mit einem Buch in der Hand.
Sie muss mich offensichtlich für eine Mitarbeiterin halten. Wer fährt sonst auch mit einem Wagen Bücher durch eine Bibliothek? Die Dame ist schon etwas älter und ich erkläre ihr, dass sie hier nur mit einem Transponder reinkommt, sie brauche eine Berechtigung für diesen Bereich. Typisch deutsch eben.
Genervt erklärt sie mir: „Dann setze ich mich einfach auf den Boden und lese da!“ Wenn das mal erlaubt ist, denke ich mir und klicke mich endlich frei, um das Doktorandengehege betreten zu können.

Endlich produktiv an der Diss arbeiten denke ich mir und fange an, meinen Laptop, mein Ladekabel, meine Wasserflasche aus der Plastiktasche zu holen. Plötzlich fällt mir ein: Wo ist eigentlich meine Strickjacke? Die wird doch nicht im Aufzug…
Und ich packe alles wieder in meine Tasche zurück. Das Wägelchen lasse ich derweil eingeparkt im Doktorandenbereich. Der Schweiß läuft mir mittlerweile schon in die Augen. Aber es hat ja keiner gesagt, dass das mit der Doktorarbeit leicht werden würde. Nur warum bitte gleich so schwer?

Aus dem Archiv: Reisebericht über meine Lieblingsstadt WIEN

19 Mai

Heute habe ich für meine Leser in meinem persönlichen Archiv gekramt. Gefunden habe ich einen Reisebericht über meine Lieblingsstadt Wien. Erschienen ist der Artikel mit schönen Reisebildern in einem Studentenmagazin der Uni Passau. Wer den Text lieber bebildert im retro-Layout liest, scrollt einfach an das Ende des Posts.
Und wer nach der Lektüre noch nicht genug hat, der kann auf ISARSPARER weiterlesen – dort habe ich geschrieben, wie man Wien günstig erkunden kann.

Einfach „leiwand“:

Ein Wochenende in Wien

Nach nur drei Stunden im ICE kündigt der Schaffner in schönstem Wienerisch an: „In Kürze erreichen wir Wien Westbahnhof“. Er versucht zumindest hochdeutsch zu sprechen, seine Stimme klingt dabei nicht besonders freundlich, aber auch nicht besonders unfreundlich – wienerisch eben.

Entweder du wirst Wien und die Wiener von der ersten Sekunde an lieben. Oder nicht. Diese Stadt braucht keinen zweiten „ersten Eindruck“. In Wien ist die Vergangenheit so lebendig wie in keiner anderen Metropole. Doch drei Tage reichen aus, um eine womöglich lebenslange Sym- oder eben Antipathie zu entwickeln.

Viele sehnen sich hier nach ihrem Kaiser und nach der Zeit, in der Wien die k.u.k Hauptstadt eines Vielvölkerstaates war. Auch wenn das Verhältnis der Wiener zu anderen Nationalitäten damals wie heute durchaus durchwachsen ist.

Wien, das ist eben auch eine Stadt der Gegensätze.

Freitag:
Steffl und „einmal um die Ringstraße“ für die Psyche

Es ist Freitagabend und wie könntest du deinen Wienaufenthalt besser beginnen, als „das“ Wahrzeichen der Stadt zu besichtigen: Den Stephansdom. Dafür musst du vom Westbahnhof nur einige Stationen mit der U3 (Richtung Simmering) zum Stephansplatz fahren. Und schon stehst du vor ihm – dem „Steffl“.

Du fragst dich, ob es Zufall ist, dass der heilige Stephan auch der Patron der Passauer Domkirche ist? Sicher nicht! Denn in seiner Frühzeit reichte das „Donaubistum“ Passau über Wien bis Ungarn.

Aber nun wirf doch gleich einen Blick in den Innenraum, den Adolf Loos 1906 als den „schönsten und weihevollsten Kirchenraum der Welt“ bezeichnete. Die bunten Glasfenster wurden größtenteils im Zweiten Weltkrieg zerstört und ausgetauscht. So wirkt das Innere heute wohl etwas düsterer als zu Loos’ Zeiten. Licht fällt nur durch die Glasfenster des Seitenschiffs in den Kirchenraum. Beeindruckt von der gotischen Pracht wirst du den Dom wieder verlassen und hinaustreten in den Graben.

Vielleicht ist dir auch vorher schon der Geruch von Pferden in die Nase gestiegen. Um den Dom herum stehen nämlich Fiaker, die auf zahlungswillige Touristen warten, die Wien von der Pferdekutsche aus erkunden wollen. Aber du möchtest nicht ein verkitschtes, sondern das „echte“ Wien kennen lernen.

So geh doch jetzt
durch die Kärntner Straße Richtung Oper hinauf.
Über sie schrieb
 Jörg Mauthe in den 1950er Jahren, sie sei die „eleganteste und teure Geschäftsstraße schlechthin.“ Die Geschäfte werden schon geschlossen haben, aber das macht nichts. Denn wer die Kaufingerstraße in München oder den Ku’damm in Berlin kennt, der kennt auch die Kärntner Straße. Auch sie ist heute so eine zwar noch immer elegante, aber eben x-beliebige „H&M-Zara-Mango-Straße“.

An der Oper angelangt, wärst du noch vor ein paar Monaten am Besten in die „Anser“ oder „Zwarer“ (Straßenbahn Ring-Rundlinie 1 oder 2) gestiegen. Sie hätte dich einmal um den „Ring“ gefahren. Denn laufen wirst du in den nächsten Tagen noch genug.

„Einmal um die Ringstraße“, dieses Therapieprogramm soll schon Siegmund Freud seinen Patienten empfohlen haben. Doch heute musst du für die „urgeniale“ Ringtour extra zahlen: Seit Kurzem informiert eine „Touristen-Bim“ die Wien-Gäste über die Sehenswürdigkeiten entlang des Rings.

Denn bequem von der Straßenbahn aus siehst du auf das Strauß-Denkmal im Stadtpark, die Börse und das Rathaus. Dem gegenüber steht das berühmte Burgtheater, das mit einer „Burg“ im herkömmlichen Sinne herzlich wenig zu tun hat. Noch ein Stückchen weiter und du fährst am Parlament vorbei.

Schon das Quietschen der alten Straßenbahnen magst du als Musik empfinden. Doch an der Staatsoper darfst du dir musikalische Höhepunkte erwarten. Wien, das ist auch die Stadt der Musik – schau doch einfach mal, was am Spielplan steht! Deine Reisekasse wird das nicht schwer beuteln, denn Stehplätze gibt es schon ab zwei Euro. Eben dort gibt sich auch alljährlich die Haute-Volée ein Stelldichein beim berühmten Opernball. Fehlen darf dabei der Donauwalzer von Johann Strauß auf keinen Fall. Zur zweiten österreichischen Nationalhymne möchte der berühmte Musikkritiker Eduard Hanslick „an der schönen blauen Donau“ küren.

Vielleicht willst du aber deinen Abend auch weniger „klassisch“ gestalten. Dann auf zum Prater! Dort ist das ganze Jahr Wiesn. Das Riesenrad ist neben dem Steffl schließlich zweites Wahrzeichen der Stadt.

Samstag:
Wiener Schmankerl, bitte mit Bankomat!

Ausgiebig flaniert wird dann am nächsten Tag auf der Mariahilfer Straße. Mit der U3 fährst du am Besten bis zur Neubaugasse. Wenn dein Bargeld für die neusten modischen Errungenschaften nicht ausreichen sollte, kannst du natürlich auch bequem elektronisch zahlen. Nur sagen, dass du mit „Karte“ bezahlen möchtest, das kannst du nicht! Man wird dich nicht verstehen (wollen). Denn hier heißt es: „Bitte mit Bankomat“.

Wer einen etwas exklusiveren Geschmack hat, der wird am Kohlmarkt im 1. Bezirk und den dort ansässigen Designern fündig werden. Vom Graben hinauf zur ehemaligen Kaiserresidenz reihen sich Burberry, Louis Vuitton, Tiffany und Co aneinander. Ein weiteres Wahrzeichen Wiens lernst du so kennen: Die Hofburg, wo einst Sissi und Franz residierten.

Mit dem Platz davor, dem Heldenplatz, verbinden die Wiener jedoch we-niger schöne nostalgische Momente. Dort feierten sie 1938 Hitler und den Anschluss Österreichs emphatisch. Thomas Bernhard verarbeitet dieses traurige Kapitel österreichischer Geschichte in seinem gleichnamigen Drama.

Diese schwere Kost
 musst du jetzt erst mal
 verdauen. Wie wär’s mit
 einem „G’spritzten“?
 Den trinkst du aber am
 Besten nicht dort, wo
 die Touristenbusse parken, sondern dort wo
der „G’spritzte“ etwas
über einen Euro kostet.
 Das ist in den „hochzahligeren“ Bezirken,
 wie zum Beispiel in den
 Weinbergen von Grinzing 
der Fall.„Beisl“ heißen 
diese österreichischen
 Wirtshäuser. Und was
 solltest du dort unbedingt gegessen haben? 
Richtig, ein echtes Wiener Schnitzel!

Es heißt:
„Ein Wiener Schnitzel soll
 von jenem tiefen Goldgelb sein, das man vom Holz der Stradivari-Geige kennt.“ Selbstverständlich kommt es immer vom Kalb und niemals vom Schwein. So ein Schnitzel gibt es zum Beispiel beim Figlmüller, einen guten Tafelspitz bei Plachutta.

Sonntag:
Wien und den Wienern „Baba“ sagen

Gestärkt mit Wiener Schmankerl könntest du am nächsten Morgen zumindest eines der unzähligen Museen Wiens besuchen. Da wäre zum Beispiel das Museumsquartier in der Nähe der Mariahilfer Straße, das Kunst- oder Naturhistorische Museum oder du schaust in die Kaisergruft? Ja, richtig gelesen. Eine Gruft.

„Der Tod, das muss ein Wiener sein, genau wie die Lieb’ a Französin“, heißt es in einem Lied von Georg Kreisler. Die Stadt könnte man durchaus als etwas morbide bezeichnen. Oder kennst du beispielsweise irgendwo anders einen Club, der in einer alten Sargfabrik ist? Auch das gehört eben zum berühmten „Wiener Schmäh“. In jedem Fall wäre auch ein Besuch auf dem Zentralfriedhof lohnenswert. Besser als in Museen lernst du dort, im „Meer der Toten“, nämlich die Wiener Seele kennen.

Aber auf keinen Fall darfst du die Donaumetropole wieder verlassen, ehe du nicht zumindest einem der berühmten Kaffeehäuser einen Besuch abgestattet hast. Ob Sacher mit seiner berühmten Torte, Landtmann oder Hawelka – ein jedes hat seinen eigenen Reiz und ein jeder Wiener sein Stammkaffeehaus. Du kannst den ganzen Vor- oder Nachmittag bei einem „Kleinen Braunen“ oder auch nur mehreren Gläsern Wassern im Kaffeehaus bleiben und dir nicht fehl am Platz vorkommen. Denn ein echter Ober wird nicht fragen: „Haben der Herr noch einen Wunsch?“ Vielmehr ignoriert er den zahlungswilligen Gast sogar. So wird Zahlen zum Ritual.

Den Wiener mit seiner eigensinnigen Art, seinem „Raunzen“ und „Grant“ wirst du in drei Tagen lieben oder hassen gelernt haben. Über ihn schreibt Hermann Bahr treffend: „Der Wiener ist ein mit sich sehr unglücklicher Mensch, der den Wiener hasst, aber ohne den Wiener nicht leben kann.“

Doch in einem sind sich alle Wiener einig: Den „Piefke“, also den Deutschen, mögen sie nicht. Vermeide es also dich mit„Tschüss“ zu verabschieden, denn das entlarvt dich sofort. Das wienerische „Baba“ wird dir jedoch erst nach einigen Aufenthalten in der Kaiserstadt über die Lippen kommen. Aber wer weiß, vielleicht magst du ja auch schon nächstes Wochenende wiederkommen – weil du Wien einfach „leiwand“ findest.

Dieser Reisebericht erschien 2009 im Up-Campusmagazin. Die gelayoutete Seite gibt’s hier zum herunterladen.

 

 

70 Jahre Kriegsende: Der letzte runde Jahrestag mit Zeitzeugen? Wie wichtig die mediale Dokumentation jetzt wird

8 Mai

„Es wird die letzte Gelegenheit sein, ein rundes Jubiläum mitzufeiern“ resümierte Max Mannheimer im Vorfeld zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Der heute 95-Jährige wird den 80. Jahrestag wohl kaum mehr erleben: „Dann bleibt nur mehr die Erinnerung“, sagt er.

Ich meine, das ist zum Glück nicht alles ist, was uns bleibt. Denn durch die wunderbare Dokumentationsarbeit von Zeitzeugen-Interviews können auch die Nachgeborenen von diesen wertvollen Zeugnissen, wie Max Mannheimer sie abgelegt hat, profitieren.

Ja, ich sage bewusst „profitieren“, weil diese Zentrenarien, die Geschichte ins Interesse der Öffentlichkeit treten lassen, mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin:

Ich kann mich noch gut an den 50. Jahrestag zum Kriegsende erinnern – die TV-Berichterstattung hat meine Begeisterung für Geschichte geweckt. Ich wollte mehr erfahren über das Dritte Reich, den Holocaust und wie es dazu kommen konnte. Deswegen musste ich immer weiter in der Geschichte zurückblättern. Lasen meine Klassenkameraden gerne Pferdebücher – ich hingegen Kinder- und zum Großteil schon Jugendbücher zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, weil es solche Literatur für meine Altersklasse noch gar nicht gab.

Guido Knopp wird von Historikern belächelt – doch er ist und bleibt mein großes Idol

Später schaute ich gefühlt jede Dokumentation von Guido Knopp. Erst an der Uni lernte ich, dass das keine angemessene Arbeit eines Historikers sein soll. War das nur die Arroganz der Katheder-Historiker? Sicher, heute verstehe ich die Probleme, die sich aus der Aufarbeitung von Geschichte, rein aus der Zeitzeugen-Perspektive, ergeben können.

Aber ich meine, dass wir dank dieser Pionier-Arbeit von Guido Knopp beim 80. Jahrestag und all den darauffolgenden, mehr als „nur“ die „Erinnerung“ haben werden.

Ohne die mediale Aufarbeitung von Jahrestagen wäre vielleicht mein Interesse für Geschichte nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß erwacht. Guido Knopp ist bis heute ein großes Vorbild von mir – meine Medien-Affinität trat ebenfalls schon ganz früh zu Tage.

Chance noch nutzen, Zeitzeugen persönlich zu treffen

Und trotz all dieser aufgezeichneten Zeitzeugen-Dokumente kann ich jedem nur ans Herz legen: Besucht nach Möglichkeit noch Vorträge von Zeitzeugen!

Trotz seiner 92 Jahre noch zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich.

Trotz seines hohen Alters und seiner Geschichte zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich im Jahr 2012 im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs bei der Hanns-Seidel-Stiftung.

Ich habe einige Holocaust-Überlebende persönlich gehört, aber niemand hat mich so tief beeindruckt wie Max Mannheimer. Über meine Begegnung mit ihm habe ich hier gebloggt. 70 Jahre nach Kriegsende ist es meiner Meinung nach wichtig zu betonen, dass nicht „wir (heutigen) Deutschen“ schuld am Holocaust sind. Aber dass so etwas nicht wieder geschieht, dafür sind wir verantwortlich und dafür geht Max Mannheimer in seinem hohen Alter bis heute an Schulen, um das zu vermitteln.

Auch Eva Mozes Kor, die kürzlich bei Günther Jauch das Publikum beeindruckte, weil sie KZ-Aufseher Oskar Gröning öffentlich die Hand zur Versöhnung reichte, betont, wie wichtig es ist, dass die letzten Zeitzeugen Zeugnis ablegen: Die Nazis über ihre Verbrechen und die Überlebenden (Mozes legt wert darauf, nicht als „Opfer“ betitelt zu werden) über ihre Erlebnisse im Holocaust.

Jeder Einzelne kann heute zu “Guido Knopp” werden

Nutzen wir 70 Jahre nach Kriegsende noch diese vielleicht kurze Zeit, die noch bleibt, den letzten Zeitzeugen ein Podium zu bieten – in Form von Vorträgen, Diskussionsrunden etc. Und dokumentieren wir dies doch einfach für die Nachwelt selbst – jedes Smartphone kann heute filmen… So kann jeder Einzelne zu einer Art Guido Knopp werden und dafür sorgen, dass mehr als die Erinnerung von den Holocaust-Überlebenden bleibt!