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Passau räumt auf: Einsatz als Fluthelfer in „Bernhard’s Corner Shop“

7 Jun

„Wenn das meine Schwiegermutter sehen würde… Ich glaube, wir dürfen ihr gar keine Bilder vom Laden zeigen“, sagt Susi. Sie ist die Frau von Bernhard, dem Besitzer des kleinen Tante-Emma-Ladens „Bernhard’s Corner Shop“* am Oberen Sand in Passau.

Vor "Bernhard's Corner Shop" am Oberen Sand trocknet das Mobiliar.

Vor „Bernhard’s Corner Shop“ am Oberen Sand trocknet das Mobiliar.

Bei Bernhard holt man sich die ein oder andere Flasche Bier, um an der nahe gelegenen Innpromenade mit Freunden zusammenzusitzen. Jetzt kann man weder an der Innpromenade sitzen, weil dort noch die schlammigen braunen Hochwasserfluten ihre Spuren hinterlassen haben. Und Bernhard kann derzeit nichts verkaufen – auch nicht die Dinge für den täglichen Bedarf, mit denen sich die Bewohner der Passauer Altstadt sonst so gerne bei ihm eindecken. „Bernhard’s Corner Shop“ mit seinem Retro-Charme, das ist eine kleine Passauer Institution und deswegen helfen die Anwohner jetzt. „Ihr“ Laden wurde beim Jahrtausendhochwasser überflutet.

Bis dato keine Erfahrung mit Hochwasser

„Nur beim Hochwasser von 1954 hatte meine Schwiegermutter, die den Laden gegründet hat, hier das Wasser drin“, sagt Susi. Deswegen trifft Bernhard das Hochwasser nun besonders hart, da er im Gegensatz zu anderen Ladenbesitzern, die näher an Donau oder Inn liegen, keine Erfahrung mit den schlammigen Fluten hat.

Rein zufällig bin ich am Dienstag zu den Aufräumarbeiten im Laden gestoßen. Ich habe einfach gefragt, ob hier Hilfe benötigt wird. „Hast du Gummistiefel an? – Dann rein mit dir!“ Eine Treppenstufe führt nach unten in den Ein-Zimmer-großen-Verkaufsraum an der Ecke zur Theresienstraße. Zu diesem Zeitpunkt steht das schlammige Innwasser noch gummistiefelhoch in „Bernhard’s Corner Shop“. Bis zur Mitte des Schaufensters stand es dort bei der Scheitelwelle des Inns.

Zugegeben, ich hatte keine Vorstellung davon, was mich in der überfluteten Passauer Altstadt erwarten wird. So war ich im ersten Moment doch etwas geschockt, als ich die Verwüstung des kleinen Ladens näher betrachte. Im schlammig-braunen Hochwasser schwimmen Getränkedosen, diverse andere Lebensmittel – aber auch Glasscherben.

Große, kleine Gesten in der Katastrophe

Als ich noch die Lage sondiere, spricht mich eine Frau freundlich von der Seite an: „Schön, dass du uns hilfst.“ Die Frau zieht ihre gelben Gummihandschuhe aus und reicht mir die Hand. Welch eine freundliche Geste denke ich, angesichts des katastrophalen Zustandes des Ladens. „Ich bin Susi, Bernhard’s Frau. Könntest du bitte einen Müllsack suchen und den Müll aus dem Wasser fischen?“

Innerhalb von nur einiger Minuten schmeißen wir so Lebensmittel im Wert von sicher einigen hundert Euro weg. Derweil sind es „nur“ Lebensmittel, was da im Wasser treibt. Was, wenn ich einem Privathaus stehen und persönliche Erinnerungen in den blauen Müllsack stopfen müsste?

Alle helfen zusammen

Studenten und Einheimische helfen zusammen. Das Hochwasser wird mit Eimern aus "Bernhard's Corner Shop" geschöpft.

Studenten und Einheimische helfen zusammen. Das Hochwasser wird mit Eimern aus „Bernhard’s Corner Shop“ geschöpft.

Kartons sind aufgequollen, Verpackungen verdreckt vom Schlamm. Die Sicht im überfluteten Laden ist nicht optimal – der Strom ist abgestellt, es gibt kein Licht und Leitungswasser zum Putzen. Währenddessen schöpft ein Schulleiter mit einem Eimer unermüdlich das Hochwasser aus dem Laden. Das ist echte Knochenarbeit. Der „Pauker“ wohnt in der Nachbarschaft. Jetzt helfen alle zusammen: Alteingesessene Passauer, Bewohner, Studenten, Schüler.

Helena z. B. hätte heute eigentlich mündliche Abiturprüfung. Doch die Gymnasien in der Altstadt stehen noch unter Wasser. Respekt, dass sie die zusätzliche Zeit nicht zum Lernen nutzt, sondern anpackt!

Nachdem ein Großteil des Mülls aus dem Wasser gefischt ist, fangen wir an mit einem Besen das Wasser in die Mitte des kleinen Ladens zu „kehren“. Die anderen Helfer schöpfen derweil weiter das Wasser mit Eimern aus dem Laden. Eine Pumpe kann nicht aufgetrieben werden.

Herber Rückschlag für den kranken Bernhard

So wie das Bernhards "Schuldenheft" sind alle Unterlagen in den Fluten verschmutzt und durchnässt worden.

So wie das Bernhards „Schuldenheft“ sind alle Unterlagen in den Fluten verschmutzt und durchnässt worden.

Bernhard steht fassungslos vor dem Corner Shop, der seinen Namen trägt. Der schmächtige Ladenbesitzer ist gesundheitlich ohnehin stark angeschlagen, erst seit einigen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen. Das Hochwasser in seinem Laden ist für ihn also nochmals ein schwerer Rückschlag. Zumal er an jedem Einrichtungsteil in seinem Laden aus den 1960er Jahren hängt. Stimmig hat er den Verkaufsraum liebevoll mit allerhand Retro-Accessoires dekoriert. „Alles nach und nach auf Flohmärkten gekauft“, erklärt Susi. Die kleinen Blechschachteln und Schilder sind von Schlamm beschmiert. Die Retro-Poster an den Wänden durchnässt. Sie müssen runter. Das Wasser stand schließlich mannshoch im Laden. Die Schachteln wasche ich aus und hoffe, dass sie nach dem Trocknen keinen Rost ansetzen. Zu wenig wird Bernhard wohl ohnehin von seinem „alten“ Laden bleiben. Ob das Mobiliar nach dem Trocken noch zu gebrauchen ist?

Quer über den Verkaufsraum hat das Hochwasser Bernhards Theke gespült. Von ihr will sich Bernhard auf keinen Fall trennen – noch nicht. Also wird darum herum geschrubbt und geputzt. Doch nachdem mühevoll das Wasser immer mehr hinausgeschöpft ist, wird klar, dass die Theke weichen muss. Das massive Holzteil ist zu schwer um es hinauszutragen, es muss an Ort und Stelle klein gehackt werden.

Die einen helfen, die anderen plündern

Vor dem Laden lagern Dinge, die aus den Fluten gerettet werden konnten und dort trocknen sollen. Als ich einen Eimer Wasser in den Gully kippe, fällt mir ein Mann mit weißen Turnschuhen auf. Geputzt hat der damit sicher nicht, denk ich mir. Er schleicht zu den wenigen Habseligkeiten, die Bernhard noch geblieben sind. Mit einer Seelenruhe fängt der schwarzhaarige Turnschuhträger an darin zu wühlen. Ich frage ihn mit Nachdruck: „Und das wollen Sie jetzt mitnehmen?“ „Ja“ grinst er mir frech ins Gesicht. Zum Glück bemerkt Susi die Situation, denn ich hätte angesichts soviel Unverfrorenheit keinen Ton mehr heraus bekommen. Doch jetzt zeigt auch Susi Emotionen. Die Frau, die so besonnen und freundlich wirkt trotz der miserablen Situation, in der sich ihr Familienbetrieb befindet, schreit nun los: „Das ist das Allerletzte! Schau, dass du wegkommst!“ – sie zieht jetzt abermals ihre gelben Spülhandschuhe aus und wirft sie nach dem Plünderer. Dann brechen bei ihr alle Dämme. Wir Helfer versuchen sie zu trösten. „Ihr alle, die ihr dasteht – allen ein herzliches Dankeschön!“, schluchzt sie.

Solidarität Passau+++ Hilfe für „Bernhard’s Corner Shop“

–> *Sie wollen Bernhard Riederer helfen?

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich auf das Helfen und nicht Fotografieren konzentriert habe. Zudem wollte ich Bernhard in dieser Situation nicht vor die (Handy)Kamera holen.

Seine Mitarbeiterin, Michaela Wagner, hat ein Spendenkonto für ihn eingerichtet:

Kontoinhaber: Michaela Wagner

Kennwort: Hochwasser-Hilfe Bernhard Riederer

Kontonummer: 30366959

BLZ 74050000

Sparkasse Passau

++++ Am Samstag, 8. Juni 2013, findet ab 17h eine Feier in Bernhard’s Corner Shop statt. Getränke sind gratis um Spenden wird gebeten.

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BEMERKUNG: Bernhard ist nur ein Einzelschicksal. Meine ganze Heimatstadt ist verwüstet. Wir uns Passauern helfen will:

Stiftung der Passauer Neuen Presse
Kennwort: PNP-Fluthilfe
Kontonummer: 30 365 373
BLZ 740 500 00
Sparkasse Passau

Für Spenden aus dem Ausland:
IBAN: DE30740500000030365373
BIC: BYLADEM1PAS

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Mein Geburtstag, der 30. April: Ein Tag schreibt Geschichte

30 Apr

Der 30. April schrieb Geschichte – und das nicht nur, weil es mein Geburtstag ist 😉

Ich kann mich noch gut erinnern, dass mein Leistungskurslehrer für Geschichte regelrecht irritiert war, als ich sagte: „Am 8. Mai war Kriegsende in Europa. Und am 30. April hat sich Hitler umgebracht“. Dass ich als Geschichte-Leistungskursschüler das Datum vom Ende des Zweiten Weltkriegs wusste, war selbstverständlich. Aber dass ich den genauen Tag wusste, wann sich der „Führer“ umgebracht hatte, das beeindruckte den Lehrer nachhaltig. Denn ich kann mich nicht erinnern, dass das markante Datum vom Selbstmordtag Hitlers in einem Geschichtsbuch erwähnt worden wäre…

Geboren an Hitlers-Todestag

Gleich im nächsten Satz löste ich das Geheimnis: „Ich bin an einem 30. April geboren – daher weiß ich es“. Die Ereignisse, die sich am letzten April-Tag des Jahres 1945 im Führerbunker in Berlin abgespielt haben, faszinierten mich schon immer.

Warum hatte Hitlers langjährige Geliebte, Eva Braun, den Führer noch geheiratet? Warum ging sie aber dennoch nicht in die Geschichte als Eva Hitler ein, sondern mit ihrem Mädchennamen? Was hätten wir von Eva Braun erfahren, hätte sie nicht mit Adolf Hitler Suizid begangen? Warum war Hitler so feig und „testete“ die Giftkapsel an seinem Hund?

66 Jahre später zeichnet VOX in einer 12-stündigen Dokumentation die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse des 30. April 1945 nach: Ein Tag schreibt Geschichte, der Thementag am 30. April 2011 beginnt um 12h. Viele Fragen werden wohl für immer unbeantwortet bleiben.

Geboren 4 Tage nach Tschernobyl

Der eigene Geburtstag sollte ein Tag größter Freude sein – aber irgendwie hat für mich dieses markante Datum einen faden Beigeschmack. Denn der April 1986 steht auch für die Katastrophe von Tschernobyl. Am 26. April 1986 ereignete sich eine Explosion in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl. Die Katastrophe wurde im Westen erst bekannt, als zwei Tage nach der Explosion schwedische Wissenschaftler erhöhte Radioaktivität maßen. Auf Nachfrage in Moskau wurde man sich dort erst des Ausmaßes der Katastrophe bewusst.

25 Jahre später: Fukushima als zweites Tschernobyl

Die atomare Wolke ging am 30. April 1986 in unserer Region nieder, weil sich der Wind gedreht hatte. Der 30. April 1986 ist mein Geburtstag. Das ist heute genau 25 Jahre her. Ich finde es besonders traurig, dass genau in diesem zweifelhaften „Jubiläumsjahr“ sich in Japan ein „zweites Tschernobyl“ ereignet hat. Und, dass die Informationspolitik in Fukushima ähnlich erschreckend war, wie die der damaligen Sowjetunion!

Meine Mama hat nach Bekanntwerden des GAUs in der Ukraine Babynahrung im Keller „gebunkert“. Es ist erschreckend, dass gerade die Kinder die Leidtragenden der Katastrophe waren – die Fehlbildungen und gesundheitlichen (Spät)folgen sind einfach schrecklich anzusehen.

Der 30. April ist für mich also nicht nur ein persönlicher Feiertag, sondern er regt mich zum Nachdenken an: Über den Wahnsinn des Krieges und insbesondere menschliches Fehlverhalten…