Tag Archives: Erinnerungskultur

Blogparade #DHMDemokratie: Demokratisierung von Denkmälern durch Graffiti-Künstler?

12 Mai
Grünspitz won abc

Die Männchen am Grünspitz könnten Kurt Eisner am gegenüberliegenden Moral zujubeln – schließlich brachte er die Demokratie nach Bayern. Ohne Blutvergießen. (Foto: Winderl)

Für Denkmäler brauchte man früher einen langen Atem und ein Händchen für den institutionellen Weg. 

Einer, der mit Denkmälern für seine Person bisher eher Pech hatte, ist Kurt Eisner: Als Jude und „Roter“ war er den Nazis nicht genehm, deswegen war er schon dem Attentat zum Opfer gefallen. Aber auch nach dem Systemwechsel wollte er den Machthabern irgendwie nicht so recht ins (Straßen)Bild passen. Und das, obwohl er die Demokratie in der Novemberrevolution für uns erkämpft hat. Wenn also eine Blogparade fragt, was mir persönlich Demokratie bedeutet, muss ich Kurt Eisner als Bayerin unbedingt nennen! Und wenn dieser Text im Demokratie-Labor des Deutschen Historischen Museums in Berlin bearbeitet wird, dann sollte ich auch noch erwähnen, dass Eisner 1867 in Berlin geboren wurde.

100 Jahre nach dem Attentat können seine Gegner den Amtsweg für Denkmäler umgehen – u. a. dank neuer Medien: Auf Google Maps benannten sie den Marienhof kurzerhand in Kurt-Eisner-Platz um – und es hat lange niemand gemerkt, den es gestört hat. 

Und auch Denkmäler sehen heute ganz anders aus als noch vor 30 Jahren, als das „Haupt“bodendenkmal für Eisner in München eingeweiht wurde: Die Umrisse des Ermordeten an der Stelle des Attentats. Achtlos kann man über ihn hinweggehen…

Mural in München für Akteure der Revolution von 1918/19

Graffiti Georg Elser

Das erste Graffiti-Denkmal in München entstand für Georg Elser in Blickweite zum Hauptbahnhof. (Foto: Winderl)

Aber ganz ohne auf das Werk von won abc zu schauen, kann man künftig wohl kaum mehr an der Martin-Luther-Straße vorbeifahren oder -gehen.  Dafür ist es zu groß: Das derzeit größte Mural Münchens zeigt fünf Revolutionäre: Von links nach rechts sind das Kurt Eisner, Sarah Sonja Lerch, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller.

Es ist nicht das erste Graffiti-Denkmal, das won abc geschaffen hat. Zusammen mit Loomit sprayte er auch eins für Georg Elser an der Bayerstraße (hier gibts eine genaue Erläuterung). Auch so einer, der in der Mainstream-Erinnerungskultur als Hitler-Attentäter nach Stauffenberg und seinen Mitverschwörern vom Juli 44 eher einen Platz in der zweiten Reihe hatte.

Für mich ist diese neue Art des Denkmals mit Graffiti ur-demokratisch, denn sie kommt direkt aus der Bevölkerung.

Gerade bei Kurt Eisner, dessen Anhänger so lange für eine Würdigung kämpfen, wird das besonders deutlich. Eine Konsens-Entscheidung wie über Denkmäler bis dato üblich, entspricht nicht unbedingt einem authentischen Bild des kollektiven Gedächtnisses. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben und diese bauen ihren Helden Denkmäler.

Ohne Revolution keine Demokratie

Marienhof Kurt-Eisner-Platz

Der Marienhof wurde auf Google Maps einfach schon mal zeitweise in Kurt-Eisner-Platz umbenannt. Dort gibt es keine Anwohner, es würden wenig Kosten entstehen (Screenshot).

Won abc war laut meiner Nachfrage über Instagram frei bei der Wahl des Motivs an der Martin-Luther-Straße. Zur Gestaltung des ehemaligen Umspannwerks sollen ihm rund 28 000 Euro zur Verfügung gestanden haben.

Er hat sich für diese fünf Revolutionäre entschieden, weil er etwas mit ihnen gemeinsam habe: Die Anti-Haltung.

Ebenso wie Graffiti als Gegenkultur zur etablierten Kunst gilt, kämpften Eisner und seine Verbündeten gegen das herrschende politische System. Was wir nicht vergessen dürfen: Diesen Revolutionären verdanken wir unser heutige Demokratie! Für zum Beispiel das Frauenwahlrecht mussten sich Menschen erst gegen geltendes Recht stark machen. Demokratie ist für mich (nach Rosa Luxemburg) unter anderem daher auch immer die Freiheit der Andersdenkenden, sonst entwickelt sich nichts weiter. Ich bin davon überzeugt, dass Stillstand unserer Demokratie nicht gut tut. Wer weiß, wie unsere Demokratie in 100 Jahren aussieht: Mehr Partizipation vielleicht – wie sich das schon Eisner in seiner Idee von einer Rätedemokratie gewünscht hatte? 

Schwierig: Eisner und Räterepublikaner auf einem gemeinsamen Denkmal

Graffiti Eisner

Das Foto entstand als won abc noch (mit der Hebebühne) am Mural arbeitete: Kurt Eisner, farbig abgehoben von den anderen Akteuren der Revolution, kickt die Monarchie weg – hinter ihm eine Friedenstaube mit Heiligenschein. (Foto: Winderl)

Etwas Bauchweh habe ich als Historikerin immer, wenn Akteure der Räterepublik in einem Atemzug mit Eisner genannt werden oder hier eben gemeinsam abgebildet sind. Mühsam, Landauer und Toller waren nämlich Funktionäre der 1. Räterepublik Baiern – Kurt Eisner wurde mit ihnen oft in einen Topf geworfen, aber das ist falsch! Denn erst nach seinem gewaltsamen Tod (am 21. Februar 1919) eskalierte die Revolution zusehends. Der Rätegedanke wurde überstrapaziert bis die 2. Räterepublik schließlich blutig beendet wurde. (Übrigens während der Laufzeit dieser Blogparade und zwar am 2. Mai exakt vor 100 Jahren.)

Gut gefällt mir daher, dass das Gesicht Eisner auf dem Mural etwas von den anderen abgehoben ist: Es ist das einzige der fünf Köpfe, das rosa ist. So korrespondiert es mit den Friedenstauben und dem Peace-Zeichen, das Mühsam in Händen hält. Kurt Eisner kickt die Krone weg. Hinter ihm eine Friedenstaube mit Olivenzweig und Heiligenschein. Irgendwie eindeutig, wie der Graffiti-Künstler Eisner sieht.

(Mir nicht erklären kann ich jedoch, warum der Name Ernst Tollers eine andere Farbe hat als die anderen Beschriftungen. Wer eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, sie als Kommentar zu hinterlassen!)

Giesing als idealer Standort des Denkmal-Graffitis

Mural Giesing Eisner

Als am Graffiti noch gearbeitet wurde, waren auch die Fenster mit einbezogen. Die Malerkrepp-Schriftzüge sind mittlerweile entfernt, die Namen der Akteure sind unter den Figuren aufgesprüht. (Foto: Winderl)

Es würde zu weit führen, alle fünf Portraitierten näher vorzustellen. Einige Worte möchte ich dennoch verlieren und dann wird vielleicht auch klar, warum ich explizit auch den Standort des Graffiti-Denkmals so genial finde: Sarah Sonja Lerch geb. Rabinowitz erlebte die Revolution selbst gar nicht mehr. Zusammen mit Eisner hatte sie in der Münchner Rüstungsindustrie den sog Januar-Streik des Jahres 1918 organisiert und wurde deswegen eingesperrt. Eisner kam aufgrund dieser Aktion erst kurz vor den Wahlen wieder frei.

Sie war zunächst am Neudeck (Gefängnis am Mariahilfplatz) interniert, der nur wenige Meter Luftlinie vom Mural entfernt ist, später (wie auch Toller und Landauer) in Stadelheim, wo sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Landauer fand in Stadelheim einen gewaltsamen Tod. Auf dem Mural biegt sie die Gitterstäbe einfach auseinander.

Kurt Eisner Denkmal München

Ich stehe davor, aber über das Eisner’sche Bodendenkmal an der Kardinal-Faulhaber-Straße in München kann man einfach hinweggehen. Aber dieser Entwurf war Sieger bei einem Wettbewerb.

Auch der Ostfriedhof, an dem Eisner seine erste ewige Ruhe fand – im 3. Reich wurde seine Urne inkl. Gedenkstein für die Revolution entfernt – ist nur zwei Tram-Stationen weg.

Vielleicht wäre die Demokratie auch ohne Kurt Eisner nach Bayern gekommen. Vielleicht hätte sich dieser bescheidene Mann gar kein Denkmal für sich gewünscht.

Was meint ihr: Wie viel Erinnerung braucht Demokratie? Und wer darf über die Erinnerungskultur einer Gesellschaft bestimmen?

Wenn ihr jetzt bei der Blogparade des Deutschen Historischen Museums mitmachen wollt habt ihr noch bis 28. Mai Zeit. Alle Infos gibt’s hier.

Und wer sich generell für Graffitis in München interessiert, dem sei mein Blogpost über die Streetart-Safari, die ich mit Martin Arz besucht habe, ans Herz gelegt.

Weitere Blogposts zum Thema „Kurt Eisner“:

Werbeanzeigen

Kaffeefahrt statt Disneyland: Ein Besuch bei der Urenkelin von Franz Ferdinand auf Schloss Artstetten

5 Nov
Idyllisch in Niederösterreich gelegen: Schloss Arstetten mit der Gruft der Hohenbergs

Idyllisch in Niederösterreich gelegen: Schloss Artstetten mit der Gruft der Hohenbergs

„Ich kann aus Schloss Artstetten kein Disneyland machen. Mit Spielen in der Art, wer schießt so gut wie Princip“, sagt „Ihre Durchlaucht“ Anita von Hohenberg. Die Fürstin ist die Schlossherrin von Artstetten. Ihr Ur-Großvater war Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn; ermordet mit seiner Gemahlin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo – was bekanntlich als das auslösende Moment für den Ersten Weltkrieg gilt.

Jetzt jährte sich das traurige Jubiläum des Attentats zum 100. Mal. Das will geschickt vermarktet sein! Man denke nur an die unzähligen Bücher, die pünktlich 2014 auf den Markt geworfen wurden.

Besonders stolz scheint Frau Hohenberg, wie sie in Österreich schlicht heißt -der Adel wurde dort 1918 abgeschafft und anders als in Deutschland sind die Titel kein Namensbestandteil- darauf zu sein, dass zur Gedenkfeier am 28. Juni 2014 auch viele Habsburger da waren. Konkrete Namen nennt sie nicht. Denn zu Lebzeiten hatten die Habsburger nichts von dem Thronfolger-Ehepaar wissen wollen, die Ehe ihrer Urgroßeltern galt als nicht standesgemäß.

Monarchie-Kitsch statt Micky Maus im Souvenirshop

Gerne erinnert sich Anita von Hohenberg bspw. an ihren „Onkel Otto“ – Otto von Habsburg, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers. Ottos Vater Karl wurde nach dem Tod von Franz Ferdinand Thronfolger. Das Kleidchen, das Onkel Otto bei der Krönung seines Vaters, trug ist im „Franz-Ferdinand-Museum“ in Artstetten ausgestellt. (Im Übrigen eines der wenigen wirklich sehenswerten Exponate.)

Das "Auto von Sarajevo" ist im Original im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu betrachten.

Das „Auto von Sarajevo“ ist im Original im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu betrachten.

Um in das kleine Museum zu kommen, muss man durch den Souvenir-Shop. Das Auto von Sarajevo gibt es dort in Miniaturformat zu erwerben. (Ein echter Haderthauer witzeln wir.) Pralinen, Schnaps Handtücher – nicht mit Micky Maus darauf, sondern mit dem Konterfei des Thronfolger-Paares, eine Landkarte von Österreich-Ungarn, um nur einige Dinge zu nennen, die Fans der Monarchie dort erwerben können.

Darunter natürlich auch unzählige Bücher, die zu diesem Jubiläum erschienen sind. Die Fürstin hat selbst auch eins geschrieben bzw. schreiben lassen mit dem Titel „Er war mein Ur-Großvater“. Anita von Hohenberg ist Jahrgang 1958, sie selbst ist weit nach dem Attentat und dem Zerfall der k.-u.-k. Monarchie, in der Republik Österreich geboren. Aber zahlungsfreudigen Gästen gibt sie gern Auskunft über Franz Ferdinand, ihre Familie, ihre Abstammung: „Die kann ich nicht einfach wie einen Rucksack abstreifen“, sagt sie.

Zwischen 30 und 60 Euro p. P. kostet ein Gespräch mit der Urenkelin

Gruppen die nach Artstetten kommen, können zwischen zwei Arrangements wählen: 30 Euro pro Person kostet Variante 1 mit Sektempfang im Café; nochmal 30 Euro drauf gelegt und man wird in den Privaträumen der Fürstenfamilie empfangen. Ihre Söhne pflegen wohl nicht ganz ohne Grund von einem „Privathaus mit öffentlichen Teilen“ zu sprechen.

Wir haben für unsere Gruppe einen Sondertarif erhalten: Die Fürstin verzichtet auf die „Kopfpauschale“, dafür zahlen wir den vollen Eintrittspreis für das Museum, das für seine Größe durchaus großzügig veranschlagt ist. Und die Fürstin wünscht, dass wir im Café, wo sie uns empfängt, konsumieren.

Hohenbergs sind und waren Habsburgern nicht ebenbürtig

Urenkelin & Fürstin Anita von Hohenberg empfängt zahlende Gäste in ihrem Schloss-Café.

Fürstin Anita von Hohenberg empfängt zahlende Gäste in ihrem Schloss.

Nach der Führung durch das Museum und die Gruft der Hohenbergs, wo Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Gemahlin Sophie von Hohenberg geb. Chotek beigesetzt sind, geht es – natürlich wieder durch den Souvenirshop – ins Café.

„Bitte stellen sie mir Fragen, ich kann sie sonst auch zwei Stunden zuschwallen“, meint die Fürstin. Wann hat man schon Gelegenheit mit der Urenkelin von Franz Ferdinand zu sprechen?

Leider antwortet sie nicht direkt auf Fragen, was etwa ihre Kinder beruflich machen. Gerne schweift sie ab, um von ihrer hochkarätigen Verwandtschaft zu sprechen: „Wir Adeligen sind wie Zigeuner, wir kennen jeden Vetter. Meine Großmutter etwa war die Großherzogin von Luxemburg“ Dass Sophie von Chotek, die aus einem böhmischen Adelsgeschlecht stammte, einst nicht ebenbürtig für den habsburgischen Thronfolger war, könnte man an dieser Stelle fast vergessen. Erst nach der Heirat war die böhmische Gräfin in den Fürstenstand erhoben worden.

Franz Ferdinand und Gemahlin in Gruft Artstetten bestattet

Die beiden führten eine morganatische Ehe, d. h. ihre Kinder hätten nie den Thron besteigen dürfen. Nicht einmal in der Kaisergruft in Wien hätte die Frau neben ihrem Mann bestattet werden können.

Weil bereits ein Sohn des Paares in der Gruft von Artstetten bestattet wurde (im Bild sieht man den Kindersarg oberhalb in die Wand eingelassen), wollte Franz Ferdinand nach seinem Tod ebenfalls nach Artstetten.

In der Gruft von Artstetten wurde das ermordete Thronfolger Ehepaar beigesetzt, da dort bereits ein Sohn des Paares begraben war.

In der Gruft von Artstetten wurde das ermordete Thronfolger Ehepaar beigesetzt, da dort bereits ein Sohn des Paares begraben war.

Die Fürstin beklagt sich, wie schlecht es dem ehemaligen Herrscherhaus nach 1918 ergangen sei: „Jedes andere Land hat seinen Frieden mit seinen ehemaligen Regenten geschlossen, nur Österreich nicht.“ Es könnte ihr eigentlich egal sein; denn dem Herrscherhaus gehört sie nach den strengen Hausgesetzen nicht an.

Zum Glück scheinen dennoch – neben zahlreichen ausländischen Touristen – genug Österreicher nach Artstetten zu kommen; das Schloss und der fürstliche Lebensstil will finanziert werden. Im Übrigen scheinen auch ihre Kinder in dieses „Familienunternehmen“ eingebunden zu sein – als Fotografen, Grafikdesigner etc. Warum sie dies nicht sagen wollte, man kann nur mutmaßen…

Nachdem die Fürstin „ihr“ Café verlässt, bekommt unsere Gruppe das Pauschalangebot serviert, das nicht an Disneyland, sondern eine Kaffeefahrt erinnert: Ein Stück trockenen Kuchen und eine Wiener Melange. Sonderwünsche ausgeschlossen, das 5-Euro-Arrangement muss genau so gewählt werden.

Mit Noblesse hat diese Vermarktung herzlich wenig zu tun

100 Jahre Erster Weltkrieg – ein Zentenarium der besonderen Art, das wir dieses Jahr begehen. Jahres- und Gedenktage rücken historische Ereignisse in das öffentliche Interesse. Die Angebote zu diesem traurigen Jubiläum sind vielseitig, sie bewegen sich zwischen echter Erinnerungskultur und schlichten Vermarktungsmechanismen.

Meiner Meinung nach zeugt diese Vermarktung der eigenen Familiengeschichte auf Artstetten wenig von adeliger Noblesse. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass die Habsburger die Hohenbergs heute nicht mehr aus dynastischen Gründen meiden. Aber darüber kann man ebenso nur Mutmaßungen anstellen, wie über die Frage, ob sich Franz Ferdinand in seiner Gruft in Artstetten am liebsten sprichwörtlich umdrehen würde. Mögen er und seine Sophie in Frieden ruhen dürfen!