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Sterben 2.0: Nordbayerischer Kurier erkennt wirtschaftliches Potential von Traueranzeigen

17 Mai

Von der Medienlandschaft im Wandel und der Gratis-Mentalität, die mit ihr Einzug gehalten hat, ist besonders auch der Lokaljournalismus betroffen. Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers meint jedoch: „Der Lokaljournalismus befand sich schon vorher in einer Krise“.

Im Rahmen seines Vortrags bei der 2. Medienfachtagung des Instituts für Journalistik der Universität der Bundeswehr in München präsentiert der Chefredakteur zehn eingängige Forderungen. Einige „Erfolgsfaktoren für einen erfolgreichen Lokaljournalismus im 21. Jahrhundert“, die er in seinem gleichnamigen Vortrag am 15. Mai 2014 aufzeigte, setzt er mit „seiner“ Tageszeitung auch schon selbst um.

Lokaljournalismus ist mehr als Vereinschronik

Ich bin davon überzeugt, dass das Medium Tagesteitung gerade im Lokalen eine Daseinsberechtigung haben wird. Doch Braun stellte klar: „Lokaljournalisten sind keine Chronisten“. Das könnten die Vereine auf ihren Homepages und Jahresberichten viel besser. Der Nordbayerische Kurier gibt daher für die Vereinsmeldungen eine eigene Zeitschrift heraus. Sie heißt „mein Verein“ und enthält die Pressemitteilungen der Vereine, die unredigiert für das Blatt übernommen werden.

„Premium“ Gedenkseite kostet extra

Eine große Notwendigkeit für den Leser, die lokale Zeitung zu abonnieren sehe ich persönlich v. a. in Todesanzeigen, wie ich noch einmal in einem gesonderten Post darstellen werden. Viele Tageszeitungen stellen jedoch die Todesanzeigen online – ohne Zusatzkosten. Das ist bequem für den User, der kann sich, meist ohne Abonnent der Zeitung zu sein, Informationen aus den Todesanzeigen ziehen (wann etwa die Beerdigung stattfindet) und auch kondolieren. Dieses Modell ist jedoch für die Zeitung aus wirtschaftlicher Sicht nicht besonders clever .

Auf der Webpräsenz des Nordbayerischen Kuriers können Hinterbliebene eine Gedenkseite für den Verstorbenen erstellen. In der Premium-Variante sind auch für die  Kondolierenden die digitalen Kerzen kostenlos.

Auf der Webpräsenz des Nordbayerischen Kuriers können Hinterbliebene eine Gedenkseite für den Verstorbenen erstellen. In der Premium-Variante sind auch für die Kondolierenden die digitalen Kerzen kostenlos.

Der Nordbayerische Kurier hat die Vorreiter-Stellung der Lokalzeitung erkannt: Die Angehörigen können auf dessen Webpräsenz eine „Gedenkseite“ einrichten und haben dabei zwei Möglichkeiten: Entweder sie wählen die gratis oder Premium-Variante. Einen Überblick über die einzelnen Funktionen gibt es hier.

„Mit jeder Traueranzeige, die Sie im Nordbayerischen Kurier aufgeben, erhalten Sie zusätzlich eine kostenfreie Gedenkseite auf trauer.nordbayerischer-kurier.de. Animierte virtuelle Kerzen kosten je 0,99 €.“ Weiter heißt es auf der Webseite: „Für jährlich 29,- € können Sie alle zusätzlichen Funktionen uneingeschränkt nutzen und virtuelle Kerzen ohne zusätzliche Kosten beliebig oft anzünden“

Diese Gedenkseiten enthalten weit mehr Informationen als die bloßen Lebensdaten in der gedruckten Traueranzeige: Bilder und Videos können hochgeladen werden. Kurz – ein „virtueller“ Lebenslauf der verstorbenen Person kann eingerichtet werden. Gut ist meiner Meinung nach, dass die Gedenkseite mit einem Passwort geschützt werden kann und so nur einem gewissen Personenkreis zugänglich ist. Wie ich in einem weiteren Blogpost darstellen möchte, werden die digitalen Kondolenzbücher z. T. als eine Art Trauertagebuch von Angehörigen genutzt. Aus unterschiedlichen Gründen müssen diese nicht öffentlich einsehbar sein.

Leser kann virtuelle Kerze entzünden

Einfache digitale Kerzen können kostenlos entzündet werden - animierte kosten.

Einfache digitale Kerzen können kostenlos entzündet werden – animierte kosten.

Der Nordbayerischer Kurier hat sich hier richtig Gedanken gemacht: Ein echter Mehrwert – für die Hinterbliebenen und die Trauergemeinde: Denn auch die Leser können sich beim Nordbayerischen Kurier nicht nur in ein virtuelles Kondolenzbuch eintragen, sondern auch virtuelle Kerzen entzünden.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten – so sicherlich auch über Ästhetik, Sinn und Unsinn der virtuellen Kerzen. Aber die fränkische Tageszeitung hat das Alleinstellungsmerkmal „Traueranzeigen“ von Lokaljournalismus geschickt erkannt.  Mit solch (innovativen) Ideen kann Lokaljournalismus sicherlich auch noch im 21. Jahrhundert erfolgreich sein!

 

In meiner Blog-Serie “Sterben 2.0″ bisher veröffentlicht:

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Politik & Qualitätsjournalismus – unvereinbar?

24 Jul

Kürzlich warf das „Institut für Medienkompetenz“ auf seiner Facebook-Seite folgende Diskussionsfrage auf: „Ist das Medienkompetenz bzw. Qualitätsjournalismus, wenn Medien die Kanzlerin immer als „Mutti“ bezeichnen? Was ist eure Meinung?“

Meine Meinung dazu ist eindeutig NEIN. Nein, es ist nicht Zeichen von Medienkompetenz oder Qualitätsjournalismus, das Amt der Bundeskanzlerin dermaßen zu personalisieren.

Einen Kanzlerkandidaten gibt es nicht

Da wären wir auch schon beim Stichwort. „Personalisierung“ stellt in der politischen Kommunikation ein wesentliches Element dar.

Seit Jahren wundere ich mich, dass im Vorfeld der Bundestagswahl immer von „Kanzlerkanditaten“ die Rede ist. Es gibt nämlich keinen Kanzlerkandidaten! Der Bundeskanzler/ die Bundeskanzlerin wird vom Bundestag und nicht vom Volk gewählt. Das regelt Art. 63 des Grundgesetzes. Natürlich „wählt“ der Bürger indirekt den Kanzler/ die Kanzlerin, indem er dem Bundestagskandidaten „seiner“ oder „ihrer „Partei“ seine Stimme schenkt. Mag es also noch so falsch sein, vom „Kanzerkandidaten“/ der „Kanzlerkandidatin“ zu sprechen, auch im Vorfeld zur Bundestagswahl 2013 werden auch sog. Qualitätsmedien wieder davon sprechen.

Scheuer bei Ramsauer PSts. und nicht bei de Maizère

Falsch! Scheuer ist nicht „Verteidigungsstaatssekretär“.

Und da wären wir auch schon beim nächsten Stichtwort angelangt: Dem „Bundestagskandidaten“. Ich habe mich heute morgen sehr geärgert, als ich unsere Lokalzeitung, die „Passauer Neue Presse“ (PNP) las. Dort hieß es nämlich, dass bald die Wahl der CSU-Delegierten für das Direktmandat des Bundestagsabgeordneten stattfindet – einziger Kandidat sei „Verteidigungsstaatssekretär“ Dr. Andreas Scheuer. Und hier hat die PNP sich gleich zwei große Fehler geleistet:

1. Parlamentarischer Staatssekretär (PSts.) ist PSts. des jeweiligen Ministers. Verknappt wird das gerne auf das jeweilige Ressort. Da will ich mal nicht so streng sein…

Aber 2. Scheuer ist PSts. beim Bundesverkehrsminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und nicht beim Bundesminister der Verteidigung! Ein solcher Fehler darf in einer Regionalzeitung meines Erachtens einfach nicht passieren.

Qualität auch oder gerade in Lokalzeitungen

Wie aber kann ein solcher Fehler passieren? Wohl weil niemand mehr die fertigen Artikel durchliest – Personaleinsparungen gehen aber auf Kosten der Qualität. Gerade aber bei einer Lokalzeitung in einem Einzeitungskreis möchte ich als Leser, wenn ich schon keine andere Alternative habe, kompetente- oder zumindest faktisch richtige – und qualitativ hochwertige Berichterstattung! Oder sind Qualitätsjournalismus und politische Berichterstattung einfach unvereinbar?