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Einkaufen in Österreich – als ein Stück Zeitgeschichte 

11 Jan

Normalerweise ist für mich die Fahrt nach Österreich kein historisches Ereignis. Von der Grenzstadt Passau sind es nur ein paar Kilometer rüber bis zur Grenze und diese Barriere zwischen den zwei Staaten war für einige Jahre auch gar nicht mehr sichtbar. Doch in diesen Tagen mehren sich die Meldungen, dass an der Grenze bei Suben Stau herrscht.

Und das brachte mich wieder zum Nachdenken, dass ich ja wirklich in einem anderen Land bin, wenn ich über die Grenze fahre, auch wenn sie nicht mehr sichtbar ist.

Früher freilich, da waren sogar die Fahrbahnmarkierungen in Österreich gelb; fuhr man über die Grenzstation sagte das dem Unterbewusstsein: Jetzt bist du im Ausland! Zwar nicht in Timbuktu, aber doch irgendwie wo anders, denn hier sieht es anders aus – zumindest die Straße.

Heute sind diese Markierungen auch weiß wie bei uns und die Grenzstationen geschlossen.

Doch als ich nun im Jänner (wie der erste Monat des Jahres so schön in Österreich heißt), in die Grenzstadt Schärding fuhr, wurde mir bewusst, dass dieser Teil des Inntals uns vielleicht fremder werden könnte, als wir das alle wollen: Die Flüchtlingspolitik könnte einen Keil zwischen diese zwei Staaten treiben. „Die Österreicher“ waren es, die die Flüchtlinge an eben dieser nicht mehr sichtbaren, aber dennoch existierenden bayerischen Grenzen einfach ausgesetzt haben.

Hüben wie drüben sind sie da, die Asylwerber (ohne be) wie sie in Österreich genannt werden. Und so wurde die Einkaufsfahrt nach Schärding ein kleines Stück Zeitgeschichte, das ich hiermit dokumentieren will:

Arabisches Schild am Supermarkt

Denn am Eingang zum Spar hing ein Schild – nicht in deutsch verfasst, sondern auf Englisch und Arabisch: „We don’t have SIM-Cards and cigaretts“ war darauf zu lesen (zumindest in Englisch). Denn direkt neben dem Schärdinger Spar steht eine kleine Zeltstadt mit Flüchtlingen – ob die gerade auf dem Weg nach Deutschland sind oder gerade von dort kommen, das ändert sich je nach Ansage aus dem Nachbarstaat.

Und auch wenn wir uns Bayern und Österreicher so ähnlich und freundschaftlich verbunden sind, in diesen Tagen merkt man leider, dass uns eine Grenze trennt. Und eben diesen feinen Unterschied, die kleinen sprachlichen Barrieren sah ich immer als Zugewinn an (siehe mein Blogbeitrag über österreichisches Deutsch):

Leben in der Grenzstadt – das Beste aus zwei Welten wie ich schon hier schrieb. Ich hoffe, das bleibt so: Auf die bayerisch-österreichische Freundschaft!

Österreichisch ist nicht einfach deutsch

Ich habe einfach ein paar Schmankerl aus dem Supermarkt abfotografiert, die es bei uns in Deutschland nicht gibt oder unter einem anderen Namen. (Er)kennt ihr sie alle?


An der Kassa (mit a in Österreich) in einem anderen Supermarkt sah ich diese jungen Männer. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier um Asyl(be)werber, die dort bezüglich SIM-Karten fündig wurden.

Dieser Post soll keine Abhandlung über die Bedeutung des Smartphones auf der Flucht sein, sondern ein Beitrag über die zeitgeschichtliche Dimension eines Shoppingtrips nach Oberösterreich in unseren Tagen.

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Kaffeefahrt statt Disneyland: Ein Besuch bei der Urenkelin von Franz Ferdinand auf Schloss Artstetten

5 Nov
Idyllisch in Niederösterreich gelegen: Schloss Arstetten mit der Gruft der Hohenbergs

Idyllisch in Niederösterreich gelegen: Schloss Artstetten mit der Gruft der Hohenbergs

„Ich kann aus Schloss Artstetten kein Disneyland machen. Mit Spielen in der Art, wer schießt so gut wie Princip“, sagt „Ihre Durchlaucht“ Anita von Hohenberg. Die Fürstin ist die Schlossherrin von Artstetten. Ihr Ur-Großvater war Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn; ermordet mit seiner Gemahlin Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo – was bekanntlich als das auslösende Moment für den Ersten Weltkrieg gilt.

Jetzt jährte sich das traurige Jubiläum des Attentats zum 100. Mal. Das will geschickt vermarktet sein! Man denke nur an die unzähligen Bücher, die pünktlich 2014 auf den Markt geworfen wurden.

Besonders stolz scheint Frau Hohenberg, wie sie in Österreich schlicht heißt -der Adel wurde dort 1918 abgeschafft und anders als in Deutschland sind die Titel kein Namensbestandteil- darauf zu sein, dass zur Gedenkfeier am 28. Juni 2014 auch viele Habsburger da waren. Konkrete Namen nennt sie nicht. Denn zu Lebzeiten hatten die Habsburger nichts von dem Thronfolger-Ehepaar wissen wollen, die Ehe ihrer Urgroßeltern galt als nicht standesgemäß.

Monarchie-Kitsch statt Micky Maus im Souvenirshop

Gerne erinnert sich Anita von Hohenberg bspw. an ihren „Onkel Otto“ – Otto von Habsburg, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers. Ottos Vater Karl wurde nach dem Tod von Franz Ferdinand Thronfolger. Das Kleidchen, das Onkel Otto bei der Krönung seines Vaters, trug ist im „Franz-Ferdinand-Museum“ in Artstetten ausgestellt. (Im Übrigen eines der wenigen wirklich sehenswerten Exponate.)

Das "Auto von Sarajevo" ist im Original im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu betrachten.

Das „Auto von Sarajevo“ ist im Original im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu betrachten.

Um in das kleine Museum zu kommen, muss man durch den Souvenir-Shop. Das Auto von Sarajevo gibt es dort in Miniaturformat zu erwerben. (Ein echter Haderthauer witzeln wir.) Pralinen, Schnaps Handtücher – nicht mit Micky Maus darauf, sondern mit dem Konterfei des Thronfolger-Paares, eine Landkarte von Österreich-Ungarn, um nur einige Dinge zu nennen, die Fans der Monarchie dort erwerben können.

Darunter natürlich auch unzählige Bücher, die zu diesem Jubiläum erschienen sind. Die Fürstin hat selbst auch eins geschrieben bzw. schreiben lassen mit dem Titel „Er war mein Ur-Großvater“. Anita von Hohenberg ist Jahrgang 1958, sie selbst ist weit nach dem Attentat und dem Zerfall der k.-u.-k. Monarchie, in der Republik Österreich geboren. Aber zahlungsfreudigen Gästen gibt sie gern Auskunft über Franz Ferdinand, ihre Familie, ihre Abstammung: „Die kann ich nicht einfach wie einen Rucksack abstreifen“, sagt sie.

Zwischen 30 und 60 Euro p. P. kostet ein Gespräch mit der Urenkelin

Gruppen die nach Artstetten kommen, können zwischen zwei Arrangements wählen: 30 Euro pro Person kostet Variante 1 mit Sektempfang im Café; nochmal 30 Euro drauf gelegt und man wird in den Privaträumen der Fürstenfamilie empfangen. Ihre Söhne pflegen wohl nicht ganz ohne Grund von einem „Privathaus mit öffentlichen Teilen“ zu sprechen.

Wir haben für unsere Gruppe einen Sondertarif erhalten: Die Fürstin verzichtet auf die „Kopfpauschale“, dafür zahlen wir den vollen Eintrittspreis für das Museum, das für seine Größe durchaus großzügig veranschlagt ist. Und die Fürstin wünscht, dass wir im Café, wo sie uns empfängt, konsumieren.

Hohenbergs sind und waren Habsburgern nicht ebenbürtig

Urenkelin & Fürstin Anita von Hohenberg empfängt zahlende Gäste in ihrem Schloss-Café.

Fürstin Anita von Hohenberg empfängt zahlende Gäste in ihrem Schloss.

Nach der Führung durch das Museum und die Gruft der Hohenbergs, wo Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Gemahlin Sophie von Hohenberg geb. Chotek beigesetzt sind, geht es – natürlich wieder durch den Souvenirshop – ins Café.

„Bitte stellen sie mir Fragen, ich kann sie sonst auch zwei Stunden zuschwallen“, meint die Fürstin. Wann hat man schon Gelegenheit mit der Urenkelin von Franz Ferdinand zu sprechen?

Leider antwortet sie nicht direkt auf Fragen, was etwa ihre Kinder beruflich machen. Gerne schweift sie ab, um von ihrer hochkarätigen Verwandtschaft zu sprechen: „Wir Adeligen sind wie Zigeuner, wir kennen jeden Vetter. Meine Großmutter etwa war die Großherzogin von Luxemburg“ Dass Sophie von Chotek, die aus einem böhmischen Adelsgeschlecht stammte, einst nicht ebenbürtig für den habsburgischen Thronfolger war, könnte man an dieser Stelle fast vergessen. Erst nach der Heirat war die böhmische Gräfin in den Fürstenstand erhoben worden.

Franz Ferdinand und Gemahlin in Gruft Artstetten bestattet

Die beiden führten eine morganatische Ehe, d. h. ihre Kinder hätten nie den Thron besteigen dürfen. Nicht einmal in der Kaisergruft in Wien hätte die Frau neben ihrem Mann bestattet werden können.

Weil bereits ein Sohn des Paares in der Gruft von Artstetten bestattet wurde (im Bild sieht man den Kindersarg oberhalb in die Wand eingelassen), wollte Franz Ferdinand nach seinem Tod ebenfalls nach Artstetten.

In der Gruft von Artstetten wurde das ermordete Thronfolger Ehepaar beigesetzt, da dort bereits ein Sohn des Paares begraben war.

In der Gruft von Artstetten wurde das ermordete Thronfolger Ehepaar beigesetzt, da dort bereits ein Sohn des Paares begraben war.

Die Fürstin beklagt sich, wie schlecht es dem ehemaligen Herrscherhaus nach 1918 ergangen sei: „Jedes andere Land hat seinen Frieden mit seinen ehemaligen Regenten geschlossen, nur Österreich nicht.“ Es könnte ihr eigentlich egal sein; denn dem Herrscherhaus gehört sie nach den strengen Hausgesetzen nicht an.

Zum Glück scheinen dennoch – neben zahlreichen ausländischen Touristen – genug Österreicher nach Artstetten zu kommen; das Schloss und der fürstliche Lebensstil will finanziert werden. Im Übrigen scheinen auch ihre Kinder in dieses „Familienunternehmen“ eingebunden zu sein – als Fotografen, Grafikdesigner etc. Warum sie dies nicht sagen wollte, man kann nur mutmaßen…

Nachdem die Fürstin „ihr“ Café verlässt, bekommt unsere Gruppe das Pauschalangebot serviert, das nicht an Disneyland, sondern eine Kaffeefahrt erinnert: Ein Stück trockenen Kuchen und eine Wiener Melange. Sonderwünsche ausgeschlossen, das 5-Euro-Arrangement muss genau so gewählt werden.

Mit Noblesse hat diese Vermarktung herzlich wenig zu tun

100 Jahre Erster Weltkrieg – ein Zentenarium der besonderen Art, das wir dieses Jahr begehen. Jahres- und Gedenktage rücken historische Ereignisse in das öffentliche Interesse. Die Angebote zu diesem traurigen Jubiläum sind vielseitig, sie bewegen sich zwischen echter Erinnerungskultur und schlichten Vermarktungsmechanismen.

Meiner Meinung nach zeugt diese Vermarktung der eigenen Familiengeschichte auf Artstetten wenig von adeliger Noblesse. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass die Habsburger die Hohenbergs heute nicht mehr aus dynastischen Gründen meiden. Aber darüber kann man ebenso nur Mutmaßungen anstellen, wie über die Frage, ob sich Franz Ferdinand in seiner Gruft in Artstetten am liebsten sprichwörtlich umdrehen würde. Mögen er und seine Sophie in Frieden ruhen dürfen!

Gastbeitrag: Was unsere Grünen mit der FPÖ gemein haben

20 Sep

Ich freue mich, dass ich passend zur Bundestagswahl am kommenden Sonntag meinen ersten Gastbeitrag politischen Inhalts veröffentlichten kann. Es sind interessante Überlegungen, die mein Kollege Korbinian Erdmann hier anstellt:

 

„‚Die Partei, die Partei, die hat immer recht‘ – Die deutschen Grünen und die österreichischen Freiheitlichen haben in ihren Parolen mehr gemein, als ihnen lieb sein kann.

Die Grünen in Deutschland plakatieren vor der Bundestagswahl „Mensch vor Bank“, die rechtspopulistischen Freiheitlichen in Österreich vor der Nationalratswahl „Wir helfen zuerst im eigenen Land // Rot-Schwarz hilft Bank und Spekulant“. Hie wie dort läuft die Sprachwahl darauf hinaus, eine bestimmte Gruppe außerhalb der positiv definierten Gesellschaft zu stellen: die rechte FPÖ spricht den Bankern das Ehrenrecht ab, zum ‚eigenen Land‘ zugehörtig zu sein, die linken Grünen bedienen sich der Dichotomie ‚Mensch – Unmensch‘, denn wenn der Mensch der Bank vorzuziehen ist, setzt das notwendigerweise die Unmenschlichkeit der Bank und der Banker voraus – als ob Banken keine ‚menschlichen‘ beziehungsweise menschengemachten Institutionen sind.

„Asymmetrische Gegenbegriffe“ und ihre Bedeutung in der Geschichte

Solche Gegensatzpaare haben eine lange Tradition, der Historiker Reinhart Koselleck nannte sie ‚asymmetrische Gegenbegriffe‘. Asymmetrisch deswegen, weil sie die Menschheit in einen positiven und eine negativen Teil gliedern, bei dem die Definitionshoheit nicht bei den als negativ bezeichneten liegt – man denke an „Arbeiter und Ausbeuter“, „Zivilisierter und Wilder“ oder eben auch „Mensch und Untermensch“. Das Problem: der Bezeichnete kann sich gegen diese Titulierung nicht wehren, sie wird ihm zugewiesen, darin besteht die Asymmetrie dieser Gegensatzpaare. Unheilvolle Realität wurde das ‚Herausdefinieren‘ bestimmter Gruppen aus dem Rest der Menschheit als der Nationalsozialismus politischer Rhetorik Taten folgen ließ.

Auch die Sandinisten Nicaraguas verwiesen in ihrer Hymne auf den „Yankee, den Feind der Menschheit“ nach dessen Niederlage ein neuer Morgen anbrechen würde für eine „Erde auf der Milch und Honig fließen“. Und in der DDR war es üblich, den Kampf gegen das Kapital als Verteidigungskampf der Menschheit zu stilisieren: „wer das Leben beleidigt ist dumm oder schlecht // wer die Menschheit verteidigt hat immer recht.“ Wer sich immer im recht sieht, der kann damit freilich jede Maßnahme rechtfertigen, sofern sie nur der Verteidigung der Menschheit dient. Was haben nun die Banken, mithin die Banker, von Grünen und Freiheitlichen zu erwarten?

V. a. die Grünen setzen auf Schwarz-Weiß-Malerei

Wo man den Anderen wegdefiniert ist kein Platz für Kompromisse mehr – das wäre Kollaboration mit dem Feind. Genauso ist auch jeder, der mit diesem Feind kollaboriert entweder dumm oder schlecht. Und es ist auffallend, dass die anderen großen Parteien in Deutschland und Österreich auf derartige Schwarz-Weiß Gegensätze verzichten. Sicher, CDU und FDP beschwören ‚Deutschland‘, so wie die SPD das ‚Wir‘ betont, genauso berufen sich ÖVP und SPÖ auf Österreich. Und auch die österreichischen Grünen kommen ohne asymmetrische Gegenbegriffe aus.

Sicher, nicht immer müssen solche Sprachmuster zum Schlimmsten führen und vermutlich führen weder Grüne noch Freiheitliche das Schlimmste im Schilde. Ihre Parolen beweisen aber zumindest eins: die Selbstgerechtigkeit derer, die sich ihrer bedienen und das Unvermögen, die eventuelle Richtigkeit des Standpunktes des Gegners anzuerkennen. Der ‚Andere‘  ist dann entweder zu dumm die reine Wahrheit anzuerkennen, oder schlichtweg übelwollend, gerade zu böse an sich.

Undemokratische Sprachwahl

Genauso ist es bei den Wahlparolen von Grünen und Freiheitlichen. Die Banken stehen uneingeschränkt auf der ‚falschen‘ Seite. Die Möglichkeit, dass es auch eine ‚gute‘ Bank und ‚gute‘ Banker geben könnte wird nicht anerkannt, hier wird sprachlich kein Pardon gegeben. Eine solche Ausschließlichkeit macht eine Verständigung unmöglich, denn, um Gadamer zu bemühen: Verständigung heißt vor allem: den anderen zu verstehen. Einen rhetorischen Graben aufzureißen, sei es zwischen Bank und Menschheit oder Bank und Vaterland schließt das nachgerade aus. Es ist damit auch die Negation der Konsensdemokratie. Somit ist die Sprachwahl sowohl der Bundesgrünen als auch der FPÖ bestenfalls unüberlegt, im letzter Konsequenz aber auch undemokratisch.“

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Der Gastautor, Korbinian Erdmann, studierte an den Universitäten Passau und St. Andrews. Er promoviert derzeit im Fach Geschichte an der Universität zu Köln.