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70 Jahre Kriegsende: Der letzte runde Jahrestag mit Zeitzeugen? Wie wichtig die mediale Dokumentation jetzt wird

8 Mai

„Es wird die letzte Gelegenheit sein, ein rundes Jubiläum mitzufeiern“ resümierte Max Mannheimer im Vorfeld zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Der heute 95-Jährige wird den 80. Jahrestag wohl kaum mehr erleben: „Dann bleibt nur mehr die Erinnerung“, sagt er.

Ich meine, das ist zum Glück nicht alles ist, was uns bleibt. Denn durch die wunderbare Dokumentationsarbeit von Zeitzeugen-Interviews können auch die Nachgeborenen von diesen wertvollen Zeugnissen, wie Max Mannheimer sie abgelegt hat, profitieren.

Ja, ich sage bewusst „profitieren“, weil diese Zentrenarien, die Geschichte ins Interesse der Öffentlichkeit treten lassen, mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin:

Ich kann mich noch gut an den 50. Jahrestag zum Kriegsende erinnern – die TV-Berichterstattung hat meine Begeisterung für Geschichte geweckt. Ich wollte mehr erfahren über das Dritte Reich, den Holocaust und wie es dazu kommen konnte. Deswegen musste ich immer weiter in der Geschichte zurückblättern. Lasen meine Klassenkameraden gerne Pferdebücher – ich hingegen Kinder- und zum Großteil schon Jugendbücher zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, weil es solche Literatur für meine Altersklasse noch gar nicht gab.

Guido Knopp wird von Historikern belächelt – doch er ist und bleibt mein großes Idol

Später schaute ich gefühlt jede Dokumentation von Guido Knopp. Erst an der Uni lernte ich, dass das keine angemessene Arbeit eines Historikers sein soll. War das nur die Arroganz der Katheder-Historiker? Sicher, heute verstehe ich die Probleme, die sich aus der Aufarbeitung von Geschichte, rein aus der Zeitzeugen-Perspektive, ergeben können.

Aber ich meine, dass wir dank dieser Pionier-Arbeit von Guido Knopp beim 80. Jahrestag und all den darauffolgenden, mehr als „nur“ die „Erinnerung“ haben werden.

Ohne die mediale Aufarbeitung von Jahrestagen wäre vielleicht mein Interesse für Geschichte nicht oder zumindest nicht in diesem Ausmaß erwacht. Guido Knopp ist bis heute ein großes Vorbild von mir – meine Medien-Affinität trat ebenfalls schon ganz früh zu Tage.

Chance noch nutzen, Zeitzeugen persönlich zu treffen

Und trotz all dieser aufgezeichneten Zeitzeugen-Dokumente kann ich jedem nur ans Herz legen: Besucht nach Möglichkeit noch Vorträge von Zeitzeugen!

Trotz seiner 92 Jahre noch zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich.

Trotz seines hohen Alters und seiner Geschichte zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich im Jahr 2012 im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs bei der Hanns-Seidel-Stiftung.

Ich habe einige Holocaust-Überlebende persönlich gehört, aber niemand hat mich so tief beeindruckt wie Max Mannheimer. Über meine Begegnung mit ihm habe ich hier gebloggt. 70 Jahre nach Kriegsende ist es meiner Meinung nach wichtig zu betonen, dass nicht „wir (heutigen) Deutschen“ schuld am Holocaust sind. Aber dass so etwas nicht wieder geschieht, dafür sind wir verantwortlich und dafür geht Max Mannheimer in seinem hohen Alter bis heute an Schulen, um das zu vermitteln.

Auch Eva Mozes Kor, die kürzlich bei Günther Jauch das Publikum beeindruckte, weil sie KZ-Aufseher Oskar Gröning öffentlich die Hand zur Versöhnung reichte, betont, wie wichtig es ist, dass die letzten Zeitzeugen Zeugnis ablegen: Die Nazis über ihre Verbrechen und die Überlebenden (Mozes legt wert darauf, nicht als „Opfer“ betitelt zu werden) über ihre Erlebnisse im Holocaust.

Jeder Einzelne kann heute zu “Guido Knopp” werden

Nutzen wir 70 Jahre nach Kriegsende noch diese vielleicht kurze Zeit, die noch bleibt, den letzten Zeitzeugen ein Podium zu bieten – in Form von Vorträgen, Diskussionsrunden etc. Und dokumentieren wir dies doch einfach für die Nachwelt selbst – jedes Smartphone kann heute filmen… So kann jeder Einzelne zu einer Art Guido Knopp werden und dafür sorgen, dass mehr als die Erinnerung von den Holocaust-Überlebenden bleibt!

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Social Media: Fasten 2.0

3 Mrz

Mit dem Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit. Die Christen besinnen sich seit dem Kreuzestod Jesu‘ durch Fasten auf das Leiden und Sterben ihres Messias. Am Ende der Fastenzeit steht daher auch symbolisch die „Belohnung“ für ihre Entbehrungen: Das Osterfest, das die Auferstehung und das Leben nach dem Tod symbolisiert.

Egal, ob in dieser Zeit auf Fleisch, Süßes, Alkohol, Tabak, Computer oder Internet verzichtet wird – dieser Verzicht muss nicht (nur) schmerzlich sein, sondern kann auch glücklich machen.

Kraft tanken beim Facebook Fasten? (Foto: Ralph Winderl)

Ständige Verfügbarkeit erzeugt Stress

Denn über E-Mails und unsere Smartphones sind wird ständig verfügbar. Und diese Verfügbarkeit erzeugt Stress.

Wie oft ertappe ich mich, dass ich nur „schnell“ auf Facebook schauen wollte, was meine „Freunde“ dort machen und dann wird aus dem „schnell“ doch schnell eine halbe Stunde… So wie mir geht es wohl auch anderen, denn auf Facebook gibt es eine Gruppe „Facebook Fasten“ mit immerhin derzeit 224 Mitgliedern.

Gänzlicher Verzicht auf Social Media schlecht möglich

Ich bin realistisch, ich werde es wohl nicht schaffen, in den kommenden sechs Wochen gänzlich auf soziale Netzwerke zu verzichten. Zu sehr läuft die tägliche Kommunikation, auch mit meinen „echten“ Freunden über soziale Medien ab. Nicht zuletzt bin ich als Medienschaffende auf diese Medien auf eine gewisse Art angewiesen.

Aber ich werde versuchen, meinen Social-Media-Konsum drastisch einschränken: D. h. als allererstes die Aufenthaltszeit in den sozialen Netzwerken zu verringern, auch die Anzahl meiner Statusmeldungen werde ich einschränken. Zudem kann ich auf die aktive Suche nach neuen Kontakten verzichten, sowie die Zahl der „gefällt mir“ begrenzen. D. h. aber auch, mir die Zeit zu nehmen, nicht auf jeden Post, eine jede Nachricht sofort zurück zu schreiben.

Alles in allem gelingt es mir so vielleicht, durch das Fasten 2.0 mich auch nach der Passionszeit etwas bewusster und auch gezielter im Web 2.0 zu bewegen. Der Alltagsstress würde verringert, ich spare durch die auf sozialen Netzwerken „vergeudete“ Zeit – Minuten, wenn nicht sogar Stunden für sinnvollere Aktivitäten.

Religiöse Fastenmotive treten oft zurück

Wer früher fastete, stellte körperliche Bedürfnisse zugunsten seines Glaubens zurück. Dabei spielt auch die Angst um das Seelenheil eine große Rolle. Die Motive für das Fasten haben sich heute gewandelt: Viele üben sich nicht mehr aus religiösen Gründen im Verzicht. So wird etwa auf Tabak aus gesundheitlichen Gründen verzichtet. Und z. B. bei einem „Medienfasten“ möchte man gegen „Süchte“ ankämpfen.

Die evangelische Kirche hatte von je her eine andere Sicht auf das Fasten. Martin Luther war der Überzeugung, dass der Mensch nicht durch das Fasten angenehm bei Gott werde, sondern allein durch die Gnade, allein durch den Glauben. Im Gegensatz zur römisch-katholischen Tradition ist auch das Fasten in den protestantischen Kirchen nicht mit dem Bußsakrament verbunden.

„7 Wochen Ohne“

Eine Renaissance erlebt das Fasten in der evangelischen Kirche in den vergangenen Jahren also nicht wegen Kirchengebote, sondern als freiwillige spirituelle Erfahrung. In diesen Kontext ist die Aktion „7 Wochen Ohne“ einzuordnen, deren Ziel die bewusste Gestaltung der Passionszeit ist. Wobei der Fastenbegriff dabei weit gefasst ist. Alltagsgewohnheiten sollen während der Fastenzeit überdacht werden. Die Teilnehmer der deutschlandweiten Aktion verzichten dazu zum Beispiel auf Süßigkeiten, Nikotin aber eben auch auf Medien wie etwa das Internet.

Durch diesen Verzicht wird klar, was für einen persönlich Lebensqualität ausmacht. Nicht mehr ständig verfügbar zu sein, nicht mehr jeden selbstdarstellerischen Post meiner Facebook-Freunde mitzubekommen, gehört für mich dazu.

Mein Facebook Fasten stellt für mich persönlich also mehr Gewinn als Verzicht dar.

Bistum Passau bietet „Exerzitien online“

Interessant ist, dass für Fastenaktionen die Kirchen auch verstärkt auf das Internet zurückgreifen, um die Menschen zu erreichen.

So bietet etwa das Bistum Passau für die Fastenzeit 2011 Exerzitien online an. Die Teilnehmer der Aktion können dabei aus drei Begleitern wählen. Auf der Homepage heißt es dazu:  „Sie werden Ihren Begleiter, Ihre Begleiterin nicht persönlich treffen, sondern lediglich per Mail kontaktieren. Diese geschützte Atmosphäre kann Sie ermutigen, Fragen oder Angelegenheiten Ihres Lebens und Glaubens zu formulieren, die Sie sonst nirgendwo zum Ausdruck bringen können.“

Gewinn durch Verzicht

Beide Aktionen, die evangelische „7 Wochen ohne“ und die katholische „Exerzitien online“, sind gute Möglichkeiten, die Fastenzeit gewinnbringend für sich zu nutzen, zu sich zu finden und neue Kraft zu tanken – Kraft dafür auch einmal offline zu gehen und das Smartphone vielleicht auch in der Freizeit nach der 40-tägigen Fastenzeit auch mal abzuschalten.