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Streit um Stadtstrand in Passau: Mein Leserbrief (extended version)

8 Okt

Eine gekürzte Version des folgenden Beitrags habe ich als Leserbrief* an die Lokalredaktion Passau der PNP geschickt. Eigentlich ist das Thema Stadtstrand nicht mehr unbedingt ein Thema für Oktober. Doch die Debatte darum zieht sich im Passauer Stadtrat und wird wohl auch noch andauern. Weil ich gerne in Erinnerungen an den Summer in the City schwelge, lasse ich euch ausführlich daran Teilhaben. Und Bilder kann man als Leserbrief-Schreiber auch nicht für sich sprechen lassen. Ich hoffe, ich kann so deutlich machen, warum meiner Meinung nach die Dreifüssestadt einen Stadtstrand braucht:

Donaustrand Vilshofen

Auch wenn der weiße Sandstrand vielleicht nach Karibik aussieht. Das Foto wurde am Donaustrand in Vilshofen aufgenommen. Warum gibt es in Passau keinen Stadtstrand? (Foto: Winderl).

Nicht aus meiner für drei Flüsse bekannten Heimatstadt, sondern aus Berlin und München kenne ich das Modell Stadtstrand.

Seit ich vor einigen Jahren Praktikum im Bundestag gemacht habe, bin ich angefixt von der Idee Stadtstrand. Dort in Berlin musste man sogar Eintritt bezahlen. Doch mir gefiel dieser künstliche Strand, mitten in der Stadt gegenüber dem Bundespresseamt so gut, dass ich oft auch nur für ein Eis dort hinein bin.

Dementsprechend begeistert war ich, als ich nach München zog und erfuhr, dass es dort regelmäßig einen sog. Kulturstrand gibt. Dieses Jahr fand er sich zum Beispiel am Vater-Rhein-Brunnen in Blickweite zum Deutschen Museum, am Isarufer ein.

Wie freute ich mich, dass sich die CSU Passau-Stadt dieses Themas endlich annahm, obwohl ich es eigentlich eher von der SPD besetzt gesehen hätte.

Rund 20 Kilometer donauaufwärts hätten die ungläubigen Stadtväter heuer in Vilshofen am Donaustrand bewundern können, wie das Konzept auch in Niederbayern funktionieren kann. Aber dafür wurde das Thema wohl zu spät auf die Tagesordnung des Stadtrates gesetzt, denn das Vergnügen dort war nur von kurzer Dauer: Nach schon vier Wochen schloss der Vilshofener Strand seine Pforten bzw. klappte seine Liegestühle ein.

Kulturstrand München

Zum Vergleich: So funktioniert Stadtstrand in München. Der sog. Kulturstrand war heuer am Vater-Rhein-Brunnen angesiedelt – in Isar Nähe! (Foto: Winderl).

Mehr ist es auch kaum, denn für Strand-Feeling in unseren Breitengraden braucht es nicht viel: Etwas Sand, Palmen, Liegestühle (hat Stadtrat Steiner ja bereits öfter mit Linz-Branding im Einsatz). Das Ganze garniert mit (südlländischer) Musik (bestimmt kein „Bum-Bum“) und einem Verkaufsort für Getränke und Essen (denn „a fressads Gschäft geht allerweil“).

Die Preise in Vilshofen waren gegenüber denen München mehr als fair: Am Kulturstrand kostet eine Kugel Eis 2,60 Euro. Natürlich ist die dort vom feinen Eiscremehändler, das in Vilshofen kam am Steckerl aus der Kühlbox daher. Doch wer sich einige Meter vom Strand entfernte, war ja direkt am Stadtplatz und konnte sich dort Eiscreme vom Eiscafé seines Vertrauens gönnen.

Donaustrand in Vilshofen könnte Vorbild sein

An dieser Stelle einfach mal ein besonderer Dank an den Alt-Bürgermeister Gschwendtner, der durch den Ausbau die Donau für Vilshofen überhaupt erst nutzbar gemacht hat. Er ist sozusagen der geistige Vater des Stadtstrands als Event – hat doch die Donau seit dem klugen Umbau schon ohne Palmen sehr viel Strandfeeling.

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Die Preise in Vilshofen am Donaustrand waren fair. Der Cocktail „Sex on the Donaustrand“ kostete zum Beispiel 5,80 Euro. (Foto: Winderl).

Die Cocktails – mit ohne Alkohol – waren am Donaustrand lecker. Sogar ein „Sex on the Donaustrand“ hat es auf die Getränkekarte geschafft – Liebe zum Detail nennt man das wohl.

Und es ging so herrlich deutsch zu am Donaustrand: Die Liegestühle wurden besetzt wie man das vom Urlaub in Italien her gewohnt ist. Das funktionierte, auch wenn nicht alle ein Handtuch dabei haben, denn es soll ja durchaus auch Menschen geben, die ans Meer fahren, gar nicht um darin zu baden. Sie sitzen also nur in ihren Liegestühlen (im Optimalfall) oder liegen auf ihren Badehandtüchern. Den Unterschied vom Stadtstrand zum normalen Strand merken sie kaum. Es fischelt am Fluss sogar genauso wie am Meer – mit einem feinen Unterschied: Der Sand klebt nicht am nassen Körper, denn wenn überhaupt, werden nur die Füße vom kühlen Nass benetzt.

Stadtstrand als Realität gewordene soziale Gerechtigkeit

Stadtstrand Vilshofen an der Donau

Kleine und große Kinder hatten am Donaustrand ihren Spaß. Die kleineren gingen planschen in der Donau, die älteren erfreuten sich am aufblasbaren Schwimmtier – standesgemäß ein Schwan und kein Einhorn! (Foto: Privat).

Anders sieht es da hingegen bei den Kindern aus. Denn ihnen ist es egal, ob sie prestigeträchtig an der Côte d‘ Azur urlauben oder am Stadtstrand planschen und Sandburgen bauen. Sie gehen baden im kleinsten Brunnen (wie am sog. Kulturstrand in München) oder in der Donau in Vilshofen und haben hier wie im Süden ihren Spaß.

Vielleicht könnte man sogar soweit gehen, dass der Stadtstrand der „Urlaub des kleinen Mannes“ ist. Und gerade für Kinder finde ich es eine wunderbare Idee, ihnen einen Urlaub am Strand von Stadtseite her zu gönnen. Denn Sonne, Strand und gute Urlaubslaune ist so nicht mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig! Will so eine Realität gewordene soziale Gerechtigkeit ausgerechnet ein Sozialdemokrat den Passauern verwehren?

* Erschienen im Lokalteil Passau der PNP am Freitag, 6. Oktober 2017. S. 22.

 

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Der bunte Hund von Augsburg: Jung-Stadtrat Benedikt Lika fährt mit seinem Rolli Spitzenergebnis ein

28 Mai

Benedikt Lika sitzt seit seit früher Jugend im Rollstuhl. Auf du und du ist er mit den Politikern. Sein „Alleinstellungsmerkmal Rollstuhl“ setzt er gezielt für seine politischen Ziele ein.

„Sie kenn ich doch, Sie haben für die CDU kandidiert“, sagt der Service-Point-Mitarbeiter am Hauptbahnhof in München zu Benedikt Lika, als der sich für die Fahrt mit der Regionalbahn nach Augsburg anmelden will. „Für die CSU“, antwortet ihm Benedikt – das S in seiner Partei, das für „sozial“ steht, ist ihm besonders wichtig. Benedikt, der seit seinem elften Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, kann nicht einfach so von seinem Wohnort bei Augsburg mit dem Zug in die Landeshauptstadt fahren. Benes E-Rolli wiegt 160kg, da braucht es eine Rampe, die ihn und sein Gefährt in den Zug bringt.

„Und er hat die Wahl auch gewonnen“, füge ich hinzu – „mit einem Spitzen-Ergebnis“, Benedikt schmunzelt bescheiden. Der freundliche Bahn-Mitarbeiter vom Service-Point begleitet uns bis zur Zugbegleiterin, die etwas motzig reagiert als sie erfährt, dass der Rolli-Fahrer mit soll: „So so, nicht vorgemeldet“, grummelt sie.

Politiker mit „Wiedererkennungseffekt“

Es stellt sich heraus, dass der Bahn-Mitarbeiter –wie Bene- aus Augsburg-Hochzoll stammt. „Das ist ja toll, jetzt kenn ich meinen Stadtrat. Wenn ich mal ein Problem hat, darf ich mich an Sie wenden?“ „Selbstverständlich“, antwortet ihm „sein“ Stadtrat.

Sein Mandat nimmt Benedikt Lika sehr ernst, schließlich haben ihm die Wähler so großes Vertrauen geschenkt, dass er von Platz 35 auf Platz 8 der CSU-Liste „vorgewählt“ wurde. „So etwas gab es in Augsburg noch nie“, freut sich der Jung-Stadtrat.

Mit gerade 32 Jahren ist er auch einer der Jüngsten im Stadtratskollegium. Ich habe viele junge Kandidaten -ebenfalls JU-Kreisvorsitzende- erlebt, die von einem viel besseren, aussichtsreichen Platz gestartet sind und weit abgeschlagen die Kommunalwahl 2014 verloren haben. „Das liegt aber auch an meinem hohen Wiedererkennungseffekt“, witzelt Bene.

Mich beeindruckt die Offenheit mit der er von seiner Behinderung und auch seiner politischen Arbeit berichtet:. „Wie viele Hände schüttelt Horst Seehofer jeden Tag? Mich hat er nach dem dritten Mal mit Vornamen gekannt.“ Dieses „Alleinstellungsmerkmal“ Rollstuhl setzt der Christsoziale geschickt ein.

Versprechen von Horst Seehofer

Über die Kulturpolitik kam der Musiker, der aus einer Künstlerfamilie stammt, zur CSU. In Augsburg ist er Stadtrat „für alle“. Mit seinem guten Draht zum Ministerpräsidenten setzt er sich v. a. dafür ein, dass Bayern zum Inklusionsland wird: „Noch am Abend der Landtagswahl hat mir Horst Seehofer versprochen, sich für das Bundesteilhabegesetz einzusetzen. Das würde auch die Richterin im Rolli betreffen, über die du kürzlich die Reportage gesehen hast.“

Geschockt habe ich Bene getwittert, als ich durch diesen Film erstmals erfuhr, dass Behinderte, die auf einen Assistenten angewiesen sind, ihr Gehalt abgeben müssen, wenn es einen bestimmten Satz übersteigt. Nach der momentanen gesetzlichen Regelung dürfen Behinderte lediglich ein „Vermögen“ von 2.600 Euro besitzen und 780 Euro pro Monat dazuverdienen. Im Fall der Richterin bedeutet dies, dass sie zwei Staatsexamina höchst erfolgreich bestanden hat, aber ein Einkommen wie ein Hartz 4-Empfänger hat.*

WWM-Gewinn ging für Taxifahrten drauf

Benedikt Lika ist Stadtrat "für alle". Bei der Kommunalwahl haben ihn die Augsburg von Platz 35 auf 8 "vorgewählt".

Benedikt Lika ist Stadtrat „für alle“. Bei der Kommunalwahl haben ihn die Augsburg von Platz 35 auf 8 „vorgewählt“.

Auch Bene, der blitzgescheid und einen Uni-Abschluss hat, hat so schon ein kleines „Vermögen“ verloren: 16.000 Euro gewann er vor ein paar Jahren bei „Wer wird Millionär“. Davon hat er nichts mehr und lacht: „Durch den Gewinn verlor ich den Anspruch auf einen Assistenten. Ich musste von da mit dem Taxi zur Uni fahren. Die 16.000 Euro habe ich quasi für’s Taxifahren ausgegeben.“

Ob er sein Stadtrats“gehalt“ behalten darf, ist noch nicht sicher: „Je nachdem, ob es als Lohn oder Aufwandsentschädigung eintaxiert wird.“ Aber Bene, der gläubiger Christ ist und somit ein gesundes Gottvertrauen hat, ist optimistisch. Horst Seehofer hat ihm schließlich etwas versprochen und er wird nachfragen, wenn er ihn beim nächsten Mal sieht.

Bene ist wie jeder andere junge Mann, er feiert gern und möchte nicht anders behandelt werden, nur weil er im Rollstuhl sitzt. Er glaubt, das sei eine Erziehungssache: „Mit meinen drei Brüdern habe ich Fußball gespielt, die haben mich ins Tor gestellt und draufgeboltzt, da wurde auf meine Behinderung keine Rücksicht genommen.“ Inklusion ist ein hochaktuelles politisches Thema. Benedikt war immer schon „integriert“. Freunde im Rolli hat er keine, weil er eine „normale“ Schule und Uni besucht hat.

Jeder sollte einen Bene_Li kennen

Als Bene mit seinem Rolli im Zug sitzt hofft er, dass dieser auch pünktlich abfährt. Denn in Hochzoll werde der Lift um 23h ausgeschaltet. Ich schaue auf die Uhr, zwei Minuten Verspätung hat der Zug bei Abfahrt – nicht wegen Bene. Ich fahre nach Hause, aber mit deutlich anderen Augen wie zuvor. Ich denke mir, jeder Deutsche sollte einen @Bene_Li in seinem Bekanntenkreis haben, um so zu sehen.

Gleichbehandlung bei der Bahn: Fehlanzeige

Die Tram stellt für mich kein Hindernis dar, Bene konnte nicht auf die Hebe-Rampe fahren… Wenigstens Zugfahren kann er ohne Probleme, denk ich mir, das mit der Rampe ging dort ratz-fatz. Der Blick auf’s Smartphone belehrt mich eines Bessern: Bene twittert:

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Fazit: Behandelt werden wie jeder andere ist etwas anders.

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Wir in Bayern/ Deutschland haben noch einen weiten Weg zum Inklusionsland. Aber mit Politikern wie Benedikt, könnte dies gelingen!

 *Wer die momentane gesetzliche Regelung auch ungerecht findet – unterzeichnet diese Petition zum Teilhabegesetz.