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Von Wutzelskühn nach Europa… Wie meine Großtante einen französischen Kriegsgefangenen heiratete

17 Okt

Als heute morgen die Post kam, hielt mein Vater ein Kuvert in Händen und sagte: „Ich fürchte, Tante Marie ist gestorben!“ Der Brief bestätigte seine traurige Vermutung.

Mme. Maria Terrasse geb. Winderl + 2011

„Ich übersende diesen Brief an die Adressen, die ich in ihrem Block finde, um diese traurige Nachricht mitzuteilen“, schrieb Papas franzöischer Cousin Patrick – der selber fast kein Deutsch spricht und daher jemanden mit der Übersetzung beauftragen musste. Diese, meine französische Familie war der Grund, dass ich mich in der Schule für Französisch als 3. Fremdsprache entschieden habe. Ich wollte den Kontakt zum französischen Teil der Verwandtschaft nicht abreissen lassen. Und jetzt bin ich wohl am Zug…

Mit einem deutschen Wörterbuch „erobert“

Ich lese die Todesanzeige, die Namen der Kinder und Enkelkinder mit ihren Partnern stehen da und „toute sa famille de Bavière“. Nicht die Familie aus „Deutschland“, sondern aus „Bayern“ trauert um die verstorbene Schwester, Tante und Großtante… Damals, als Maria Anfang der 1950er Jahre nach Frankreich zu ihrem Amédée ging, da war sie die „Deutsche“. Kaum ein Wort französisch hat sie gesprochen, sie, die in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz aufgewachsen ist. Dort hat sie den „Franzosen“ getroffen, der als Kriegsgefangener eine Zeit in der Oberpfalz verbringen musste. Ich erinnere mich gut an ihre Worte: „Amédée hat mich mit einem deutschen Wörterbuch erobert.“ Liebe braucht also anscheinend nicht viele Worte!

Amédée holte „die Deutsche“ in sein Dorf

Alle Details über die (verbotene) Liebe des Kriegsgefangenen zu der Bauerntochter kenne ich leider nicht und nun ist es auch zu spät, Tante Maria zu fragen… aber so viel weiß ich, dass wohl nur die wenigsten zurückgekommen wären, um die Freundin und das gemeinsame Kind nach Frankreich zu holen. Erst einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – die Tochter von Maria und Amédée konnte schon etwas deutsch sprechen – hat Amédée Maria in sein kleines Dorf, Chas, geholt. So früh es halt ging. Aber für Maria bedeutete dies, ihre Heimat zu verlassen und mit dem Mann, den sie liebte, ins Ungewisse zu gehen. Wir können uns das heute wohl überhaupt nicht mehr vorstellen – keine Flugzeuge, keine E-Mails. Frankreich war für die Oberpfälzer wohl damals wie das Ende der Welt.

„Nach einigen Wochen habe ich mein eigenes Kind nicht mehr verstanden, weil es viel schneller als ich französisch lernte“, erinnerte sich meine Großtante und auch sonst soll die Anfangszeit in Chas alles andere als einfach gewesen sein. Aber wem wäre es zu verdenken gewesen, dass die Franzosen nach dem Weltkrieg schlecht über „die Deutschen“ dachten? Und nun war quasi „der Feind“ in ihrem Dorf…

Als große Europäerin gestorben

Maria lernte französisch, integrierte sich und dachte doch all die Jahre an ihre Verwandtschaft in Bayern. Einige Male war sie zu Besuch in ihrer alten Heimat Wutzelskühn und die bayerische Verwandschaft in Chas. Je älter sie wurde, desto seltener wurden jedoch die Besuche… aber ich bin froh, dass ich sie auch einmal persönlich kennenlernen durfte. Denn diese Frau, meine Großtante Maria ist mein Vorbild: Sie verkörpert für mich gelebte deutsch-französische Freundschaft und auch wenn sie nur als einfache Bauerntochter geboren ist – ist sie für mich als eine große Europäerin gestorben!

RIP Mme Marie

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Mein Geburtstag, der 30. April: Ein Tag schreibt Geschichte

30 Apr

Der 30. April schrieb Geschichte – und das nicht nur, weil es mein Geburtstag ist 😉

Ich kann mich noch gut erinnern, dass mein Leistungskurslehrer für Geschichte regelrecht irritiert war, als ich sagte: „Am 8. Mai war Kriegsende in Europa. Und am 30. April hat sich Hitler umgebracht“. Dass ich als Geschichte-Leistungskursschüler das Datum vom Ende des Zweiten Weltkriegs wusste, war selbstverständlich. Aber dass ich den genauen Tag wusste, wann sich der „Führer“ umgebracht hatte, das beeindruckte den Lehrer nachhaltig. Denn ich kann mich nicht erinnern, dass das markante Datum vom Selbstmordtag Hitlers in einem Geschichtsbuch erwähnt worden wäre…

Geboren an Hitlers-Todestag

Gleich im nächsten Satz löste ich das Geheimnis: „Ich bin an einem 30. April geboren – daher weiß ich es“. Die Ereignisse, die sich am letzten April-Tag des Jahres 1945 im Führerbunker in Berlin abgespielt haben, faszinierten mich schon immer.

Warum hatte Hitlers langjährige Geliebte, Eva Braun, den Führer noch geheiratet? Warum ging sie aber dennoch nicht in die Geschichte als Eva Hitler ein, sondern mit ihrem Mädchennamen? Was hätten wir von Eva Braun erfahren, hätte sie nicht mit Adolf Hitler Suizid begangen? Warum war Hitler so feig und „testete“ die Giftkapsel an seinem Hund?

66 Jahre später zeichnet VOX in einer 12-stündigen Dokumentation die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse des 30. April 1945 nach: Ein Tag schreibt Geschichte, der Thementag am 30. April 2011 beginnt um 12h. Viele Fragen werden wohl für immer unbeantwortet bleiben.

Geboren 4 Tage nach Tschernobyl

Der eigene Geburtstag sollte ein Tag größter Freude sein – aber irgendwie hat für mich dieses markante Datum einen faden Beigeschmack. Denn der April 1986 steht auch für die Katastrophe von Tschernobyl. Am 26. April 1986 ereignete sich eine Explosion in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl. Die Katastrophe wurde im Westen erst bekannt, als zwei Tage nach der Explosion schwedische Wissenschaftler erhöhte Radioaktivität maßen. Auf Nachfrage in Moskau wurde man sich dort erst des Ausmaßes der Katastrophe bewusst.

25 Jahre später: Fukushima als zweites Tschernobyl

Die atomare Wolke ging am 30. April 1986 in unserer Region nieder, weil sich der Wind gedreht hatte. Der 30. April 1986 ist mein Geburtstag. Das ist heute genau 25 Jahre her. Ich finde es besonders traurig, dass genau in diesem zweifelhaften „Jubiläumsjahr“ sich in Japan ein „zweites Tschernobyl“ ereignet hat. Und, dass die Informationspolitik in Fukushima ähnlich erschreckend war, wie die der damaligen Sowjetunion!

Meine Mama hat nach Bekanntwerden des GAUs in der Ukraine Babynahrung im Keller „gebunkert“. Es ist erschreckend, dass gerade die Kinder die Leidtragenden der Katastrophe waren – die Fehlbildungen und gesundheitlichen (Spät)folgen sind einfach schrecklich anzusehen.

Der 30. April ist für mich also nicht nur ein persönlicher Feiertag, sondern er regt mich zum Nachdenken an: Über den Wahnsinn des Krieges und insbesondere menschliches Fehlverhalten…