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Snapchat-Interview mit dem König von Deutschland: Kai Diekmann

21 Jun

Die BILD-Zeitung snapchatet vorbildlich. Das war Anlass für uns, Giulia und mich, den Herausgeber der BILD, Kai Diekmann, ein paar Fragen mit Hilfe dieser App zu stellen.

Wie sich herausstellte, ist Diekmann selbst kein begeisterter Snapchater – er wollte von uns wissen, ob wir nicht selbst etwas zu alt für diese App wären. Tja, der Mann kennt sich aus! Denn wir liegen beide über dem Durchschnittsalter des typischen Snapchat-Users. Das nötige „Feeling“ für die neuesten Entwicklungen der Medienbranche hat Diekmann im Silicon Valley entwickelt.

Wer Snapchat noch nicht kennt – dort kann man sich bspw. lustige Gesichtsfilter aufsetzen und einen sog. Snap absetzen, der nur für 24 Stunden auf der App zu sehen ist. (Hier habe ich darüber schon etwas ausführlicher gebloggt.)

Meine Kollegin Giulia liebt den Hundefilter, aber ob Kai Diekmann wirklich auf Doggy-Style abfährt? Ihr könnt es nachsehen, denn natürlich haben wir das Snapchat-Interview mit einem der führenden Herausgeber Deutschlands nicht einfach nach 24 Stunden in den unendlichen Weiten des World Wide Webs begraben, sondern für euch ein kleines Video angefertigt:

Gelegenheit für das kurze Interview hatten wir im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu Qualität in den Medien an der Universität der Bundeswehr München.

Qualität und BILD – wie das zusammen passe, wurde ich via Twitter gefragt. Diekmann stellt dazu in Neubiberg klar, dass die BILD keinen volkspädagogischen Auftrag haben. Den besitzen wir Blogger auch nicht und haben uns deswegen für dieses witzige Interview-Format entschieden und all unsere Fragen mit einem großen Augenzwinkern gestellt.  Wie man sich als König von Deutschland fühlt, wollte ich wissen. Schließlich schreibt die BILD was Deutschland denkt – oder umgekehrt. Der Herausgeber der BILD ist also irgendwie der König von Deutschland und bei uns mit dem passenden Filter zu sehen.

Und wie sich an diesem Vortragsabend herausstellte, war der Veranstaltungsort extrem passend gewählt: Schließlich brachte die Bundeswehr Kai Diekmann in die Medien.

Ein Medien-Mann, der polarisiert, aber durchwegs sympathisch mit uns Nachwuchsjournalistinnen umgegangen ist und das unter Zeitdruck; schließlich spielte an diesem Abend die deutsche Nationalelf.

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Hochwasser-Katastrophe in Niederbayern: Bitte lasst die Hinterbliebenen in Ruhe

3 Jun
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Die Facebook-Funktion „an diesem Tag“ erinnert nicht nur an schöne Ereignisse. Zur Zeit zum Beispiel an meine Erinnerungen an das Hochwasser in Passau von 2013 (Fotoquelle: Screenshot).

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist her, dass ich mich in diesem Blogpost über das Verhalten mancher Social-Media-Nutzer in der Hochwasser-Katastrophe (in Passau) aufgeregt habe. Horrormeldungen wurden verbreitet. Fluch und Segen der sozialen Netzwerke: Koordiniert wurde, hauptsächlich über Facebook, auch zum Beispiel das vorbildliche Hilfs-Projekt „Passau räumt auf“.
Exakt drei Jahre danach hat das Hochwasser meine Heimat Niederbayern wieder heimgesucht – nicht direkt meine Heimatstadt Passau, aber die benachbarten Landkreise Rottal-Inn und Passau sind dieses Mal betroffen. Facebook erinnert gerade viele Nutzer aus meiner Heimatregion daran: „Es ist schön, Erinnerungen wach zu halten. Wir könnten uns vorstellen, dass du gern an diesen Beitrag von vor 3 Jahren zurückdenkst.“

Vater via Facebook gesucht

Fluch und Segen: Ich erinnere mich, ich saß am Mittwoch in der Bibliothek in München als mich die Meldungen und vor allem Bilder der schlammigen Massen über soziale Medien erreichten, wie sie sich durch Simbach am Inn, Tann etc. wälzten.
„Lebt ihr noch?“, schrieb ich in die familieneigene whatsapp-Gruppe. Angesichts der Horrorszenarien, wie sie die Medien wieder propagierten, hatte ich Angst bekommen.
Vielleicht erging es meiner ehemaligen Studienkollegin ähnlich, nur hat sie das Pech, dass ihr Elternhaus direkt im Zentrum der Katastrophe, in Simbach am Inn steht. Wenig später erreichte mich in meiner Timeline der verzweifelte Aufruf, den ihr Bruder verfasst hat:

„Hochwasser Simbach am Inn.

Unser Vater Walter (…) wird vermisst. Zuletzt gesehen (…)Straße.

Informationen an: (Handynummern der Geschwister)

Bitte teilen!!!“

Natürlich habe ich sofort auf teilen geklickt. 8 400 Personen haben das ebenfalls getan. Und da ich auf Twitter bin, habe ich einen Screenshot auch dort verbreitet – über 200 Retweets waren es hier.
Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt tun sollte. Denn bekanntlich sind die sozialen Netzwerke „Fluch und Segen“… Man könnte sich nun ausrechnen, wie viele Menschen, darunter auch Medienvertreter, die Handynummern und die Adresse eines potentiellen Flutopfers hatten.

Screenshot des Suchaufrufs in der BILD

Gestern Abend hatten die Angehörigen dann traurige Gewissheit – nach Stunden des Hoffens und Bangens, unvorstellbar quälender Ungewissheit: Der Vater hat es nicht mehr raus aus dem Keller geschafft. Er ist das sechste Opfer der Hochwasser-Katastrophe von 2016. Zu diesem Zeitpunkt werden jedoch noch Personen vermisst.
Als wäre das alles für die Familie noch nicht genug! Den „verzweifelten“ Suchaufruf der Geschwister hat die BILD heute als Screenshot veröffentlicht – mit den Handynummern und der Adresse. Da wurde nichts geschwärzt. Auch die Kommentare der Facebook-Freunde des Sohnes sind zu lesen. Mit Namen versteht sich.
Gleich wäre man wieder da mit dem Urteil: BILD halt. Aber selbst in den Öffentlich-Rechtlichen ist man nicht pietätvoller. Dort verkündete eine Rettungskraft heute im Morgenmagazin vollmundig: „Den (Familiennamen) hat man da hinten rausgezogen.“ Sorry, liebes Moma-Magazin, aber muss man den O-Ton, in dem der Name eines Hochwasser-Opfers genannt wird, wirklich senden?
Handynummer kann man wechseln, aber die Erinnerungen bleiben. Auch Facebook wird sie zum Jahrestag der Familientragödie an diesen Beitrag erinnern. (Hier wird beschrieben, wie man die Funktion „An diesem Tag“ ausschalten kann.)

Der Familie habe ich bereits persönlich mein Beileid ausgesprochen. Sie brauchen jetzt Hilfe*. Auch wenn das im Moment vielleicht hinten ansteht, aber es geht dabei auch um finanzielle Unterstützung der Opfer und Hinterbliebenen. Hier sind die sozialen Netzwerke wieder Fluch und Segen: Wie nah sollen die Medien das Schicksal der Hochwasseropfer beleuchten (und über die sozialen Netzwerke verbreiten), damit der Spendenrubel rollt?

Wir entscheiden über die Art der Berichterstattung

Wir alle können mit unserem persönlichen Medienkonsum und insbesondere Klick-Verhalten über das WIE der Berichterstattung entscheiden. Ich persönlich würde mir mehr Fingerspitzengefühl wünschen. Oder nennen wir es ethisches, pietätvolles Verhalten. Die Berichterstattung auf Basis eines Screenshots des Hilfeaufrufs der Geschwister mit den persönlichen Daten halte ich für verwerflich – es ist für mich ein trauriges Beispiel wie Journalismus nicht funktionieren sollte!

Anmerkung: Aufgrund des Tenors meines Blogposts bitte ich um Verständnis, dass ich auf einen Screenshot des Hilfeaufrufs verzichtet habe. Ich habe schon daran zu knapperen, dass ich selbst die Daten verbreitet habe, in der Hoffnung, dass alles gut wird… Derweil lag der Vater vermutlich bereits tot im Keller.

* So können Sie helfen:
Spendenaktion der PNP für Hochwasser-Opfer
Spendenkonto des Landkreis Rottal-Inn –> Helfer können im Übrigen gratis mit der Südostbayernbahn anreisen

Phänomen der Selbstreferntialität: Guttenberg als Opfer

30 Jan

Ist ein Mensch stark oder gar nur auf sich selbst bezogen, wird ihn seine Umwelt als nicht besonders positiv wahrnehmen. Vielmehr wird er zwar als selbstsicher, aber egoistisch eingestuft werden, der für seine fehlerhaften Seiten nur einen verklärten Blick haben wird.

Ähnlich problematisch kann es sein, wenn sich die Medien nur auf sich selbst beziehen, also in ihrer Berichterstattung nicht auf die medienexterne Umwelt zurückgreifen. Dies wird als Phänomen der Selbstreferentialit beschrieben.

Da die Öffentlichkeit in der (Medien)gesellschaft über Medien hergestellt wird, kommt den Medien bzw. Journalisten dabei eine gewisse Verantwortung zu. Der bekannte Systemtheoretiker Luhmann formulierte es treffend folgendermaßen: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann, Niklas (2009): Die Realität der Massenmedien. 4. Auflage. Wiesbaden, S. 9.)

Die Dystopie, die der Spruch, „was nicht in den Massenmedien vermittelt wird, hat nicht stattgefunden“ (zitiert nach Strohmeier, Gerd (2004): Politik und Massenmedien. Eine Einführung. Baden-Baden, S. 72.) ist gerade im Film oftmals bereits Realität geworden. Das Problem ist, dass vergleichbar mit einer Autobiografie, nicht genau geklärt werden kann, was in den Medien realistisch oder verklärt dargestellt wird. Sind sie doch oftmals der einzige Realitätsbeweis.

Kein direkter Zugang zu Primärereignissen in der Mediengesellschaft

Die Herstellung von Öffentlichkeit ist die Primärfunktion der politischen Funktion von Massenmedien, „[d]a dem Individuum der direkte Zugang zu Primärereignissen aus räumlichen und zeitlichen Gründen oft verwehrt ist, kann hier durchaus von einem Abhängigkeitsverhältnis gesprochen werden, denn für viele Sachverhalte bleiben die Massenmedien die einzige Informationsquelle, die dem Einzelnen zur Verfügung steht.“ (Strohmeier (2004), S. 72.)

Beziehen sich die Medien also immer stärker auf sich selbst und recherchieren die Journalisten nicht an diesen oben erwähnten Primärereignissen, werden sie ihrer eigentlichen Funktion nicht mehr gerecht und das mediale Phänomen der Selbstreferentialität wird zum Problem.

Derzeit gibt es viele mediale Phänomene, die von der Selbstreferentialität profitieren, was besonders deutlich im Umfeld des Fernsehens aufgezeigt werden kann.

TV Total als selbstbezügliche Fernsehsendung

So gibt es Sendungen, die davon leben, sich auf andere Sendungen zu beziehen. Als bestes Beispiel des deutschen Fernsehens für eine selbstbezügliche Fernsehsendung kann Stefan Raab’s TV Total angesehen werden – die Sendung lebt davon, dass Raab Filmausschnitte anderer Fernsehproduktionen zeigt.

Guttenbergs falscher Vorname

„Der neue Wirtschaftsminister: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Müssen wir uns diesen Namen merken?“ Mit dieser Schlagzeile (vom 10. Februar 2009) machte die Bildzeitung einen Tag nach der Ernennung von Guttenberg zum Bundeswirtschaftsminister durch seinen Parteichef, Horst Seehofer, auf.

Aber all diese Namen mussten sich die Bürger tatsächlich nicht merken, denn ein anonymer Wikipedia-Autor hatte den falschen Vornamen „Wilhelm“ bewusst dem Guttenberg-Artikel der Online-Enzyklopädie hinzugefügt.

Hier kommt das Problem der Selbstreferenz zum Tragen. Binnen 24 Stunden hatten nämlich die Medien den falschen elften Vorname quer durch die Republik verbreitet. Egal ob es sich um eine Qualitätszeitung, wie die Süddeutsche Zeitung oder eine Boulevardzeitung, wie die Bild handelt – alle haben offensichtlich von Wikipedia abgeschrieben.

Skeptische Wikipedia-Autoren hatten zwar zwischenzeitlich Verdacht geschöpft, doch der Einzelnachweis bei den Vornamen lag mittlerweile bei Spiegel-Online.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass viele Medien ihre Informationen nicht mehr an der ursprünglichen Quelle recherchieren, sondern aus anderen Medien übernehmen, was als „Zirkelbezug“ zu bezeichnen ist.

Richtig wäre es gewesen, an der primären Quelle, in diesem Fall „das Genealogische Handbuch des Adels“ zu recherchieren.

Handelsblatt.com rechtfertigt sich nach Bekannt werden der Manipulation folgendermaßen: „Gerade wenn es schnell gehen muss, dann greifen Journalisten mittlerweile gerne auf Wikipedia zurück.“

Stellung nimmt der anonyme Wikipedia-Autor auf dem Bild-Blog: „Zugegeben, der Scherz war anfangs nicht gerade originell. Innerhalb weniger Stunden bekam er aber eine höchst interessante Eigendynamik, die mich an den Recherche-Methoden vieler Journalisten erheblich zweifeln ließ. […] Niemand merkte es – und etliche Online-Medien, Zeitungen und Fernsehsender schrieben meine Erfindung ungeprüft ab.“

Das handelsblatt.com steht an dieser Stelle nur exemplarisch für alle Medien, die ungeprüft von Wikipedia abgeschrieben hatten. Die Redaktion formuliert in der Richtigstellung, dass sie Lehren aus diesem Vorfall ziehen wolle.

Medienjournalismus als Lösungsansatz in Zeiten von Spiegel-Online?

Arbeiten die Journalisten nicht sorgfältig, wie es eigentlich ihrer Berufspflicht entspricht und recherchieren bspw. nicht an Primärquellen, kann für das Publikum ein enormer Schaden entstehen, wie oben thematisiert wurde.

„Die Massenmedien erfüllen eine Kontrollfunktion, indem sie politisch Akteure kontrollieren und gegebenenfalls kritisieren. Oftmals ist von einer Kontroll- und Kritikfunktion die Rede.“( Strohmeier (2004), S. 73.) Die Medien kontrollieren also die Politik – aber können sich die Medien auch selbst kontrollieren?

Watchblogs als neue Form der Medienkritik

Eine neue Veröffentlichungsmöglichkeit für Medienkritik sind „Watch-Blogs“. Einer der bekanntesten deutschsprachigen Watchblogs ist der Bildblog, der ursprünglich nur Bildpublikationen, nun aber auch andere Publikationen beobachtet. Auch der anonyme Wikipedia-Autor hat in diesem Blog erläutert, wie er Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte.

Der Medienjournalismus würde also eine Möglichkeit darstellen, das Problem der Selbstreferentialität zu lösen oder zumindest zu kontrollieren. Doch wiederum problematisch ist, dass der Medienjournalist „im Glashaus sitzt“, weil seine gesellschaftlich notwendige Kritik- und Kontrollfunktion von kollegialen und ökonomischen Interessenskonflikten überschattet wird.

In einer Zeit, in der sich Journalisten nach Leitmedien wie Spiegel Online richten, wird es schwer sein, das Problem der Selbstreferentialität in den Griff zu bekommen. Wenn Medien Leitmedien als dogmatische ansehen und ungeprüft übernehmen.

Autonomes Mediensystem für Demokratie wichtig

Doch ist das Phänomen der Selbstreferentialität nicht nur als Problem zu stilisieren:

Nicht nur Luhmann hält den Eingriff in ein autopoietisches System für problematisch. Den Garant für eine gesunde, pluralistische Demokratie stellt ein selbstständiges, autonomes und autopoietisches Mediensystem dar. In Artikel 5 des Grundgesetzes ist daher gemeinsam mit der Meinungsfreiheit, die Rundfunkfreiheit und Informationsfreiheit verankert: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Ein geschlossenes System erhält sich durch Selbstbeobachtung. Es ist daher nicht erstaunlich, dass es gerade Filmemacher sind, die das Problem der Selbstreferentialität aufzeigen. Schließlich bewegen auch diese sich in diesem autopoietischen System. So leistet der Spielfilm durch seine Selbstbeobachtung einen wichtigen Beitrag und trägt zur Optimierung des Systems bei. So plädiert bspw. „Good Night and Good Luck“ für den Einfluss, den die Zuseher durch ihr Fernsehverhalten haben.

In Zeiten des Web 2.0, das vom „user generated content“ lebt, sind die Möglichkeiten z. B. durch Watchblogs noch viel größer, die Medien direkt zu beobachten.

Macht der User durch Medienkontrolle 2.0

Es wäre wünschenswert, wenn die Bürger von ihrer „neuen Mündigkeit“ verstärkt Gebrauch machen würden. Denn das Web 2.0 kann, bei richtigem Gebrauch eine ähnlich große aufklärerische Leistung wie einst die Erfindung des Buchdrucks haben. Die Bürger könnten von den Journalisten ebenso weniger abhängig werden, wie einst im Gutenberg-Zeitalter von den Dogmen der Kirche.