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Kurt-Eisner-Straße für Passau?

1 Jun
Max-Matheis-Straße Passau

Die Max-Matheus-Straße in Passau-Neustift ist wegen der NS-Vergangenheit ihres Namensgebers nicht unumstritten. (Foto: Winderl)

Offensichtlich würde man Max Matheis heute keinen Persilschein mehr ausstellen – und schon gar keine Straße nach ihm benennen. Die Linke Passau wollte das prüfen lassen.

Die Stadt Passau ließ sich Zeit… Viel Zeit. Nach fünf(!) Jahren hakte die Linke nach („Linke hakt im Fall Max Matheis nach“ (Passauer Neue Presse (PNP)/ Lokalteil Passau vom 20.04.19, S. 21). Das Ergebnis: Die Stadt Passau hat eine Prüfung noch nicht vorgenommen. 

Ich schrieb einen Leserbrief, denn der evtl. frei werdende Straßenname inspirierte mich:

Mein Leserbrief (PNP/ Lokalteil Passau vom 08.05.19, S. 24)

„Es stellt sich für mich die Frage, ob alle Persönlichkeiten, nach denen in Passau eine Straße benannt ist, einer kritischen Prüfung Stand hielten. Dennoch finde ich es richtig und wichtig, dass Die Linke bei der Stadt nachtarockt, wie man mit der Max-Matheis-Straße verfahren möchte.
Es kann nämlich nicht sein, dass aus Bequemlichkeit – sicher wäre eine Umbenennung mit Aufwand für die Stadt und nicht zuletzt für die Anwohner verbunden – einfach nichts geschieht! Meines Erachtens könnte die Stadt Passau im Zuge des Zentenariums von 100 Jahre Freistaat und Attentat auf seinen Gründer hier einen Coup landen: Nach Kurt Eisner sind in ganz Bayern nur zwei Straßen benannt. Mit der Umbenennung der Max-Matheis- in Kurt-Eisner-Straße könnte die Stadt Passau ein Statement für Demokratie setzen.
Schließlich hat der Eisner-Attentäter in der Altstadt die Schulbank gedrückt und das Notabitur erworben. Hat man das in der Stadt bis dato richtig aufgearbeitet?
Auch thematisch würde sich der erste bayerische Ministerpräsident in die Riege verdienter Bayern meines Erachtens gut einordnen, nach denen die Straßen im Neustifter Umfeld benannt sind. Denn auch wenn Eisner gebürtiger Berliner war, starb er als überzeugter Wahl-Bayer – seine Eltern übrigens in der Passauer Straße in Berlin. Wenn Straßennamen sprechen könnten…“

Reaktion auf meinen Leserbrief

Kurt Eisner Platz München

Aktivisten um Aktionskünstler Wolfram P. Kastner benennen zum Jahrestag des Attentats den Marienhof in München seit einigen Jahren in Kurt-Eisner-Platz um. (Foto: Winderl)

Ist es nicht schön, wenn der eigene Leserbrief andere Leser zum Schreiben bringt?
Einige Tage später (PNP/ Lokalteil vom 16.05.19, S. 21) erschien ein Leserbrief von Alois Zechmann, der sich auf denselben Artikel bezog und ebenfalls für eine Kurt-Eisner-Straße in Passau plädierte, er schreibt: „Es ist eine große Schande, dass in ganz Bayern meines Wissens nur in München eine Straße nach Kurt Eisner, dem Begründer des Freistaats benannt ist.“

Das ist zwar so nicht so ganz richtig: Denn seit 2018 gibt es in Erlangen einen Platz in der Nähe des Rathauses, der im Zuge des Freistaat-Jubiläums nach Eisner benannt wurde. Aber ein Platz ist keine Straße. Und so bin ich, wie Alois Zechmann gespannt, welcher Stadtrat sich traut, einen entsprechenden Antrag in Passau einzubringen.

Marienhof in München soll Kurt-Eisner-Platz werden

Übrigens: In München wünschen sich Eisner-Fans eine Umbenennung des Marienhofs in Kurt-Eisner-Platz. Dieser prominente Platz befindet sich direkt neben dem Marienplatz, aber hat keine Anwohner. Eine Umbenennung würde also relativ wenig kosten.

Da bei Straßenbennungen der Grundsatz der Gleichwertigkeit berücksichtigt werden sollte, d. h. nach bedeutenden Personen sollten wichtige Straßen benannt werden, wäre der Marienhof im Herzen Münchens ideal! Denn die Kurt-Eisner-Straße befindet sich in Neuperlach. 1969, zum Zeitpunkt der Benennung, war dies noch ein sozialer Brennpunkt; doch nicht einmal dort wollte man dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten einen Straße gönnen. Als Gegenargument wurde u. a. eingebracht, dass dies die Witwe – Achtung – des Attentäters beleidigen würde. Eisners Witwe hatte sich übrigens bereits 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Frankreich das Leben genommen.

Weitere Blogposts zum Thema „Kurt Eisner“:

 

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Blogparade #DHMDemokratie: Demokratisierung von Denkmälern durch Graffiti-Künstler?

12 Mai
Grünspitz won abc

Die Männchen am Grünspitz könnten Kurt Eisner am gegenüberliegenden Moral zujubeln – schließlich brachte er die Demokratie nach Bayern. Ohne Blutvergießen. (Foto: Winderl)

Für Denkmäler brauchte man früher einen langen Atem und ein Händchen für den institutionellen Weg. 

Einer, der mit Denkmälern für seine Person bisher eher Pech hatte, ist Kurt Eisner: Als Jude und „Roter“ war er den Nazis nicht genehm, deswegen war er schon dem Attentat zum Opfer gefallen. Aber auch nach dem Systemwechsel wollte er den Machthabern irgendwie nicht so recht ins (Straßen)Bild passen. Und das, obwohl er die Demokratie in der Novemberrevolution für uns erkämpft hat. Wenn also eine Blogparade fragt, was mir persönlich Demokratie bedeutet, muss ich Kurt Eisner als Bayerin unbedingt nennen! Und wenn dieser Text im Demokratie-Labor des Deutschen Historischen Museums in Berlin bearbeitet wird, dann sollte ich auch noch erwähnen, dass Eisner 1867 in Berlin geboren wurde.

100 Jahre nach dem Attentat können seine Gegner den Amtsweg für Denkmäler umgehen – u. a. dank neuer Medien: Auf Google Maps benannten sie den Marienhof kurzerhand in Kurt-Eisner-Platz um – und es hat lange niemand gemerkt, den es gestört hat. 

Und auch Denkmäler sehen heute ganz anders aus als noch vor 30 Jahren, als das „Haupt“bodendenkmal für Eisner in München eingeweiht wurde: Die Umrisse des Ermordeten an der Stelle des Attentats. Achtlos kann man über ihn hinweggehen…

Mural in München für Akteure der Revolution von 1918/19

Graffiti Georg Elser

Das erste Graffiti-Denkmal in München entstand für Georg Elser in Blickweite zum Hauptbahnhof. (Foto: Winderl)

Aber ganz ohne auf das Werk von won abc zu schauen, kann man künftig wohl kaum mehr an der Martin-Luther-Straße vorbeifahren oder -gehen.  Dafür ist es zu groß: Das derzeit größte Mural Münchens zeigt fünf Revolutionäre: Von links nach rechts sind das Kurt Eisner, Sarah Sonja Lerch, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller.

Es ist nicht das erste Graffiti-Denkmal, das won abc geschaffen hat. Zusammen mit Loomit sprayte er auch eins für Georg Elser an der Bayerstraße (hier gibts eine genaue Erläuterung). Auch so einer, der in der Mainstream-Erinnerungskultur als Hitler-Attentäter nach Stauffenberg und seinen Mitverschwörern vom Juli 44 eher einen Platz in der zweiten Reihe hatte.

Für mich ist diese neue Art des Denkmals mit Graffiti ur-demokratisch, denn sie kommt direkt aus der Bevölkerung.

Gerade bei Kurt Eisner, dessen Anhänger so lange für eine Würdigung kämpfen, wird das besonders deutlich. Eine Konsens-Entscheidung wie über Denkmäler bis dato üblich, entspricht nicht unbedingt einem authentischen Bild des kollektiven Gedächtnisses. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben und diese bauen ihren Helden Denkmäler.

Ohne Revolution keine Demokratie

Marienhof Kurt-Eisner-Platz

Der Marienhof wurde auf Google Maps einfach schon mal zeitweise in Kurt-Eisner-Platz umbenannt. Dort gibt es keine Anwohner, es würden wenig Kosten entstehen (Screenshot).

Won abc war laut meiner Nachfrage über Instagram frei bei der Wahl des Motivs an der Martin-Luther-Straße. Zur Gestaltung des ehemaligen Umspannwerks sollen ihm rund 28 000 Euro zur Verfügung gestanden haben.

Er hat sich für diese fünf Revolutionäre entschieden, weil er etwas mit ihnen gemeinsam habe: Die Anti-Haltung.

Ebenso wie Graffiti als Gegenkultur zur etablierten Kunst gilt, kämpften Eisner und seine Verbündeten gegen das herrschende politische System. Was wir nicht vergessen dürfen: Diesen Revolutionären verdanken wir unser heutige Demokratie! Für zum Beispiel das Frauenwahlrecht mussten sich Menschen erst gegen geltendes Recht stark machen. Demokratie ist für mich (nach Rosa Luxemburg) unter anderem daher auch immer die Freiheit der Andersdenkenden, sonst entwickelt sich nichts weiter. Ich bin davon überzeugt, dass Stillstand unserer Demokratie nicht gut tut. Wer weiß, wie unsere Demokratie in 100 Jahren aussieht: Mehr Partizipation vielleicht – wie sich das schon Eisner in seiner Idee von einer Rätedemokratie gewünscht hatte? 

Schwierig: Eisner und Räterepublikaner auf einem gemeinsamen Denkmal

Graffiti Eisner

Das Foto entstand als won abc noch (mit der Hebebühne) am Mural arbeitete: Kurt Eisner, farbig abgehoben von den anderen Akteuren der Revolution, kickt die Monarchie weg – hinter ihm eine Friedenstaube mit Heiligenschein. (Foto: Winderl)

Etwas Bauchweh habe ich als Historikerin immer, wenn Akteure der Räterepublik in einem Atemzug mit Eisner genannt werden oder hier eben gemeinsam abgebildet sind. Mühsam, Landauer und Toller waren nämlich Funktionäre der 1. Räterepublik Baiern – Kurt Eisner wurde mit ihnen oft in einen Topf geworfen, aber das ist falsch! Denn erst nach seinem gewaltsamen Tod (am 21. Februar 1919) eskalierte die Revolution zusehends. Der Rätegedanke wurde überstrapaziert bis die 2. Räterepublik schließlich blutig beendet wurde. (Übrigens während der Laufzeit dieser Blogparade und zwar am 2. Mai exakt vor 100 Jahren.)

Gut gefällt mir daher, dass das Gesicht Eisner auf dem Mural etwas von den anderen abgehoben ist: Es ist das einzige der fünf Köpfe, das rosa ist. So korrespondiert es mit den Friedenstauben und dem Peace-Zeichen, das Mühsam in Händen hält. Kurt Eisner kickt die Krone weg. Hinter ihm eine Friedenstaube mit Olivenzweig und Heiligenschein. Irgendwie eindeutig, wie der Graffiti-Künstler Eisner sieht.

(Mir nicht erklären kann ich jedoch, warum der Name Ernst Tollers eine andere Farbe hat als die anderen Beschriftungen. Wer eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, sie als Kommentar zu hinterlassen!)

Giesing als idealer Standort des Denkmal-Graffitis

Mural Giesing Eisner

Als am Graffiti noch gearbeitet wurde, waren auch die Fenster mit einbezogen. Die Malerkrepp-Schriftzüge sind mittlerweile entfernt, die Namen der Akteure sind unter den Figuren aufgesprüht. (Foto: Winderl)

Es würde zu weit führen, alle fünf Portraitierten näher vorzustellen. Einige Worte möchte ich dennoch verlieren und dann wird vielleicht auch klar, warum ich explizit auch den Standort des Graffiti-Denkmals so genial finde: Sarah Sonja Lerch geb. Rabinowitz erlebte die Revolution selbst gar nicht mehr. Zusammen mit Eisner hatte sie in der Münchner Rüstungsindustrie den sog Januar-Streik des Jahres 1918 organisiert und wurde deswegen eingesperrt. Eisner kam aufgrund dieser Aktion erst kurz vor den Wahlen wieder frei.

Sie war zunächst am Neudeck (Gefängnis am Mariahilfplatz) interniert, der nur wenige Meter Luftlinie vom Mural entfernt ist, später (wie auch Toller und Landauer) in Stadelheim, wo sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Landauer fand in Stadelheim einen gewaltsamen Tod. Auf dem Mural biegt sie die Gitterstäbe einfach auseinander.

Kurt Eisner Denkmal München

Ich stehe davor, aber über das Eisner’sche Bodendenkmal an der Kardinal-Faulhaber-Straße in München kann man einfach hinweggehen. Aber dieser Entwurf war Sieger bei einem Wettbewerb.

Auch der Ostfriedhof, an dem Eisner seine erste ewige Ruhe fand – im 3. Reich wurde seine Urne inkl. Gedenkstein für die Revolution entfernt – ist nur zwei Tram-Stationen weg.

Vielleicht wäre die Demokratie auch ohne Kurt Eisner nach Bayern gekommen. Vielleicht hätte sich dieser bescheidene Mann gar kein Denkmal für sich gewünscht.

Was meint ihr: Wie viel Erinnerung braucht Demokratie? Und wer darf über die Erinnerungskultur einer Gesellschaft bestimmen?

Wenn ihr jetzt bei der Blogparade des Deutschen Historischen Museums mitmachen wollt habt ihr noch bis 28. Mai Zeit. Alle Infos gibt’s hier.

Und wer sich generell für Graffitis in München interessiert, dem sei mein Blogpost über die Streetart-Safari, die ich mit Martin Arz besucht habe, ans Herz gelegt.

Weitere Blogposts zum Thema „Kurt Eisner“:

Wirtshaussterben in Bayern: Gasthaus Irlbacher in Penting sperrt zu

20 Dez

Das Wirtshaussterben ist ein anonymes Phänomen, das einen genauso wenig berührt wie beispielsweise Altersarmut, wenn man zum Glück nicht gerade selbst davon betroffen ist. Jetzt erlebe ich selbst, dass ein Wirtshaus, in dem wir mit der Familie Tod und Leben gefeiert haben, zum Jahresende schließt.

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Irlbacher setzt auf Regionalität – nicht aus Chichi, sondern Überzeugung. (Foto: Winderl)

Ich finde ja, man gehört erst richtig zu einem Dorf, wenn man ein Grab dort hat. Und so gehören wir auch nach all den Jahren nicht nach Passau-Heining, auch wenn meine Familie noch vor meiner Geburt hierher zog. Das liegt vielleicht auch daran, dass man zum Wirtshaus am Dorf keinen so rechten Bezug hat, weil man dort eben nicht nach einer Beerdigung mit der Trauergemeinde einkehrt.

Der eine Teil meiner Verwandtschaft liegt nämlich in der Oberpfalz begraben. Einem kleinen Dorf, Penting bei Neunburg vorm Wald, das im Prinzip nur aus der Kirche mit seinem angrenzenden Friedhof und dem gegenüberliegenden Wirtshaus besteht. Wie eben Dörfer in Bayern aussehen! Und genau dieses Wirtshaus wird nun zum Jahresende 2017 seine Pforten schließen – für immer.

Das macht mich traurig, denn auch wenn das Essen mal nicht so gut schmeckte, für mich war der „Irlbacher“ ein Stück Heimat. Dort hat meine Familie nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch gelacht und geweint. Meine Großeltern liegen gegenüber begraben – der Leichenschmaus fand also dort statt. Aber auch Erstkommunion, Hochzeiten und runde Geburtstage haben wir beim Irlbacher gefeiert.

Der Oberpfälzer-Wirt setzte auf Innovationen

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So kennt man Wolf Irlbacher: An der Theke muss er mit den Reservierungslisten jonglieren, damit er alle Gäste bewirten kann. (Foto: Winderl)

Der Wirt war über die Jahre immer derselbe. Ein kerniger Oberpfälzer der Wolf, der aber immer wieder innovative Ideen hatte, lange bevor diese en vogue waren: So wurde die Wurst in seiner Metzgerei schon viele Jahre ohne Glutamat zubereitet, bevor das große Konzerne für sich entdeckten. (Zum Glück soll die Metzgerei Irlbacher vorerst weiter bestehen.) Das Fleisch und die Wurst kommt von den Bauern aus der Nähe – namentlich aufgelistet auch auf der Speisekarte. Das ist Bio wie ich mir das vorstelle! Kein Chichi von Landgasthöfen, die ihre fehlende Historie wettmachen wollen durch besondere Regionalität. Schon Wolfs Vater war Wirt am Ort. Damals stand das Wirtshaus noch ein paar Meter weiter vorne im Dorf – aber auch in Sichtweite zur Kirche.

Heute kann man vor den Gasthaustüren sogar das E-Bike laden.

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Als Abschiedsessen gabs für mich ein Schnitzel mit Pommes – klassisch, weil ich das als Kind sooft dort gegessen habe. (Foto: Winderl)

Auch XXL-Portionen gab es dort, obwohl das der Gasthof nicht im Namen trug, wie das heute üblich ist. Ich erinnere mich an die Schnitzel meiner Kindheit, die so groß waren, dass sie nicht mal mehr aufs Teller passten. Hungrig musste niemand gehen!

Und für die Stammgäste gab es nach dem Essen eine Kostprobe des „Pentinger Obstgarten“. Ein Obstler, der so mild und bekömmlich ist, dass er seinesgleichen sucht. Den schüttet man nicht einfach hinunter, den muss man auf der Zunge zergehen lassen, dass er sein volles Aroma entfalten kann. (Zum Glück gibt es den auch weiterhin (sechs zum Preis von fünf) in der Metzgerei oder im Online-Shop zu kaufen. Ein Online-„Spezialitätenversand“ auch durchaus innovativ für einen Gastwirt aus der Oberpfalz!)

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Zum letzten Mal sind die Tische dekoriert: Nach dem Weihnachtsgeschäft 2017 ist Schluss mit dem Gasthaus Irlbacher. Die Metzgerei wird vorerst weiter betrieben. (Foto: Winderl)

Das kleine Heimatdorf Penting meines Vaters kennt niemand. Schon gar nicht wegen der gelb getünchten Pfarrkirche St. Nikolaus im Zentrum des Dorfes, die nicht besonders pittoresk erscheint. Aber den Irlbacher gegenüber, der ist weit über die Grenzen des Landkreises Schwandorf bekannt. Das habe ich schon oft erlebt, wenn ich Leuten beschreiben wollte, woher meine Papa stammt. Beim Irlbacher sind sie oft schon eingekehrt. Ohne Reservierung hat man daher kaum Chancen, einen Platz im Gasthaus zu ergattern. Auch jetzt nicht, wo er doch in ein paar Tagen schließt.

Warum genau Wolfgang Irlbacher sein Traditions-Wirtshaus schließt, ist nicht ganz klar. Es werde eben auch immer schwieriger, gutes Personal zu finden.

Das Weihnachtsgeschäft will der Wolf noch mitnehmen. Danach ist Schluss. Nach 28 Jahren am neuen Standort.

Wo die Familie mehr zählt als der Einzelne

Nicht nur beim Abgang zu den Toiletten, sondern überall hängen alte Fotos an den Wänden, die an die Wirtsfamilie und Stammtische erinnern. Einige, die darauf abgebildet sind, liegen wohl schon drüben auf dem Friedhof – in einer Region, in dem die Familie mehr zählt als der Einzelne. Denn auf den Grabsteinen finden sich nur die Familien-, keine Vornamen oder gar individuelle Geburtstags- oder Sterbedaten. Und so werden auch die Irlbachers die Wirtsfamilie von Penting bleiben, auch wenn das große Gasthaus im Ortskern künftig leer stehen wird.

Sicher, wir werden ein anders Wirtshaus in der Nähe finden, in dem wir feiern können – aber es wird eben nicht der Irlbacher sein und für mich daher auch keine richtige Wirtshaus-Heimat in Papas Heimat mehr geben.

Das Gasthaus Irlbacher schließt am 26. Dezember 2017 (2. Weihnachtsfeiertag) für immer.

Die Metzgerei Irlbacher in Penting (Neunburg vorm Wald) bleibt weiterhin bestehen. Bestellungen einiger Schmankerl (wie etwa dem fruchtig-milden Pentinger Obstgarten) sind auch online im sog. Spezialitätenversand möglich!

Mehr über die oberpfälzische Heimat meines Vaters:

CdAS-Spenden-Initiative für Hochwasseropfer aus Simbach

1 Aug

Wir können zwar nicht die Welt retten. Aber angesichts der unbegreiflichen Anschläge der vergangenen Tage können wir einfach bei uns anfangen, dass diese Welt wieder ein klein wenig menschlicher wird.

Mir ist bewusst, dass inzwischen andere Ereignisse die schrecklichen Bilder des Hochwassers in Niederbayern aus unserer medial gesteuerten Welt verdrängt haben. Doch die Menschen, die in Simbach und Umgebung ihr Hab und Gut – und noch schlimmer, zum Teil ihre Lieben verloren haben, für die ist das Leben nach dem Hochwasser noch immer grausame Realität: Die Wohnungen und Häuser noch immer unbewohnbar, unersetzbare Erinnerungen wie Fotos von Verstorbenen für immer verloren.

Vater von Kommilitonin im Hochwasser gestorben

Und weil wir eben nicht die Welt retten können, bitte ich meine Leser nur um einen kleinen Beitrag.
Es ist zwar nur EIN Schicksal, einer einzigen Familie, das mich in den vergangenen Wochen besonders bewegt hat – es handelt sich um die Familie einer ehem. Kommilitonin und Mit(alt)stipendiatin, über deren Schicksal ich bereits hier geschrieben habe. Aber in diesen Tagen wird mir bewusst, dass wir nicht darauf warten können, dass sich „die Gesellschaft“ ändert, sondern wir müssen bei uns selbst anfangen. In mein Poesiealbum hat meine Grundschullehrerin einen Spruch geschrieben, dessen Bedeutung mir in diesen Tagen immer öfter bewusst wird:
„Der Friede der Welt muss in unserem Herzen den Ursprung nehmen.“

Machen wir doch gemeinsam einen ersten Schritt, warten wir nicht darauf, dass „die Gesellschaft“ sich ändert, sondern beginnen wir in unserem Herzen und spenden für meine Bekannte, die ihren Vater im Hochwasser von Simbach verloren hat – bitte an folgendes Konto:

Kontoinhaber: CdAS Club der Altstipendiaten e.V.
Bank: HypoVereinsbank
Konto-Nr.: 0015 743 713, BLZ: 700 202 70
IBAN: DE60 7002 0270 0015 7437 13

Bitte als Betreff „Hochwasser Simbach“ nennen.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den CdAS (dem Club der Altstipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung), der meine Initiative unterstützt und das Konto eingerichtet hat. Die CdAS-Nothilfe wird zwar nicht die Welt retten können, aber dazu beitragen und uns zu erinnern, dass wir alle Menschen sind

Sodom und Gomorra in Niederbayern: Wo ich vor 10 Jahren Abi machte

4 Jul

Zwischen den Jahren trudelte in mein altes E-Mail-Postfach eine Einladung zum 10-jährigen Abitur-Treffen ein.

Meine erste Reaktion war PANIK. Denn nun komme ich offensichtlich in ein Alter, in dem man Jubiläen feiert. Jubiläen, das waren für mich bis dato die goldenen Zahlen auf Fresskö

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Das Portal zu meiner ehemaligen Schule in der Passauer Altstadt. (Foto: Winderl)

rben, die meine Großeltern zu Geburtstag erhalten haben. Aber nun prangt über meinem Leben bald eine dicke, fette, goldene 10!

Meine zweite Reaktion war: Wie viele meiner ehemaligen Mitschüler werden sich noch „in Ausbildung“ befinden, wie ich? Wie viele sind schon verheiratet? Wie viele haben vielleicht gar schon Kinder?

Von einem Pärchen weiß ich, dass es sich in meinem Abiturjahrgang gefunden hat – die beiden haben vor ein paar Jahren auch geheiratet. Anders als die Pärchen, deren unsterbliche Liebe die Verleihung des Reifezeugnisses im Juni 2006 kaum oder knapp überlebt hat… Eine hat bei ihrem “Lover” sogar eine Abiturprüfung ablegen können, aber dazu später.

Der Ex-Schulleiter wurde degradiert

Erst möchte ich erzählen, dass ich auch heute, knapp 10 Jahre nach meiner Zeit als Schülerin eines bayerischen Gymnasiums, oft schweißgebadet aufwache, wenn ich von der Schule träume. Regelrechte Albträume habe ich noch heute. Einige sagen, die Schulzeit sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen – für mich war es die Studienzeit. Erst dann begann mein Leben richtig. Alles andere vorher war nur ertragen. Ich bin froh, dass ich die Schulzeit überlebt habe. Und als ich mir überlegte, wer denn aller zu unserem Abi-Jubiläum kommen könnte, da merkte ich, dass diese Albträume vielleicht auch andere hätten, wenn sie an dieser Schule gewesen wären…

Mittlerweile hat mein altes Gymnasium einen neuen Schulleiter. Ob wohl der ehemalige Schulleiter zu unserem Treffen kommen wird?

Ach nein, der wurde ja seines Dienstgrades degradiert, weil er eine Referendarin sexuell belästigt haben soll.

Religionslehrer besaß Kinderpornos

Und auch der einstige Religionslehrer wird wohl kaum einer Einladung zu unserem Treffen nachkommen können – bei ihm hat die Polizei, einige Jahre nach meiner Schulzeit, Kinder-Pornos gefunden. Ich persönlich habe diesen Lehrer in der Schule nie so recht leiden können, er hat sich uns Kindern gegenüber zu kumpelhaft verhalten. Heute ist mir auch klar, warum… Aber während meiner Studienzeit habe ich ihn noch einige Male getroffen, denn ich habe Theologie studiert in dem Gebäude neben diesem „ehrwürdigen“ Gymnasium. Eigentlich waren die Gebäude sogar miteinander verbunden oder war es sogar ein Gebäude? Dennoch habe ich in meinen Studienjahren nur äußerst selten den Weg „rüber“ in meine alte Schule gefunden. Aber eben ab und an einen ehemaligen Lehrer auf seinem Schulweg und meinem Weg zur Uni getroffen. Und so kam ich auch einige Male mit dem Reli-Lehrer, der eigentlich ein perverser Straftäter war, ins Gespräch; und ich dachte mir, warum habe ich den früher nicht gemocht? Eigentlich war er doch ganz nett. Eigentlich. Aber nachdem ich von dem Polizei-Einsatz bei ihm gelesen habe, hatte ich wieder fast ein schlechtes Gewissen: Warum habe ich einen Sex-Täter sympathisch gefunden?

Aber der ewige Junggeselle war eben so herrlich kumpelhaft! Als junge Studentin fand ich das dann angemessen und eben nett. Peinlich, peinlich – der Straftäter hat für die Festschrift des 400-jährigen Bestehens der Schule einen Beitrag geliefert und sich u. a. so unsterblich in der Schulgeschichte verewigt.

Hier drückte schon ein Attentäter die Schulbank

Und nein, ich bin nicht in Sodom oder Gomorra ins Gymnasium gegangen. Aber „Täter“ haben schon früher diese Schule besucht. Ein Attentäter drückte einige Jahrzehnte vor mir dort die Schulbank: Anton Graf von Arco-Valley, er hat am 21. Februar 1919 den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner ermordet.

Die Ironie des Schicksals oder der Geschichte will es, dass mich mit ihm zwei Dinge bis heute verbinden:

Zum einen ist sein ehemaliger Hauslehrer der Vater meines ehemaligen Musiklehrers. Mit dem Neffen des Lehrers, den ich sehr gemocht habe, habe ich Abi gemacht. Man möchte meinen, die Verbindungen des (Groß)vaters zum bayerischen Adel würde heute keine so große Rolle mehr spielen. Weit gefehlt! Denn die zweite Verbindung zum Attentäter, der meine ehemalige Schule besuchte, ist meine Diss. Ich promoviere über die Rezeption des Mordes an Kurt Eisner. Und zu dieser Diskursanalyse gehört auch die enge Verbindung zum ehemaligen Hauslehrer…

Ja, immerhin für mein Diss-Thema könnte ich meinem Gymnasium dankbar sein. In meinem Sozialkunde-Geschichte-Leistungskurs – ja, das hieß bei mir noch so und ich erhielt auch erst nach 13 Schuljahren mein Abitur, so alt bin ich schon – fragte ich nach, wer denn dieser Graf Arco sei, der Eisner ermordet habe. Und wie es so ist, wenn der Lehrer nicht weiter weiß:

Ich durfte am nächsten Tag ein Referat über den Attentäter halten. (Man stelle sich mal vor, nicht mal das hat mein Geschichtslehrer gewusst, dass Arco in diesem Gebäude die Schulbank gedrückt hat…) Für das Referat bekam ich 15 Punkte und die Erkenntnis, dass über den Grafen, der ein Attentäter war, quasi nur ein Buch existierte. Darin erinnerte ich mich Jahre später uns schwups hatte ich ein Thema für meine Doktorarbeit. Auch in der Festschrift hat man diesen prominenten Schüler (bewusst?) unter den Tisch fallen lassen – ok, da sind nur die ab Abiturjahrgang 1961 aufgelistet…

Mit meinem Doktor der Geschichte wäre ich dann zumindest qualifiziert, dem Elternbeirat meines ehemaligen Gymnasiums anzugehören. Denn ohne zumindest einem Doktortitel war man in dieser Elite-Ausbildungsstätte nur ein Elternvertreter zweiter Klasse… Am besten war man schon in mindestens zweiter Generation Schüler dieser Anstalt – und dein Großvater hat adelige Attentäter unterrichtet.

„Legenden sterben jung“ – die Lieblingslehrer auch

Aber es war nicht alles schlecht, was ich mit meiner Schulzeit verbinde… Doch ganz nach dem Motto, „Legenden sterben jung“, muss ich feststellen, dass einige meiner Lieblingslehrer schon verstorben sind:

Da war zum Beispiel der Musiklehrer, der mich mit seinem Lockenkopf und seinem tiefen Bass trotz fehlender Körpergröße immer etwas an Johann Sebastian Bach erinnerte. Ist ja auch irgendwie passend für einen Musiker oder? Immer wenn ich das Weihnachtslied „The little drummer boy“ höre, sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge, wie er auf dem schwarzen, schon etwas abgenutzten Flügel im kleinen Musiksaal im Erdgeschoss des ehrwürdigen Altbaus dieses Weihnachtslied mit uns anstimmte. Seine Bassstimme hat uns Unterstufen-Schüler dabei gewaltig übertönt.

Das Schulgebäude war so alt, dass wir nicht einmal eine Sprechanlage für Durchsagen hatten. Ob wir hitzefrei hatten oder andere wichtige Informationen des Direktorats erreichten uns daher über Rundschreiben, die der Hausmeister in jedes Klassenzimmer brachte. Und das machte er so: Er klopfte kräftig gegen die alte Holztür; so stark und unverwechselbar, dass wir schon am Klopfen erkannten, dass er den Raum beteten wird und das immer mit einem ebenfalls unverwechselbaren, langgezogenen „Mooooooooorgen!“ Egal zu welcher Uhrzeit, auch wenn es schon 12 Uhr mittags war und bereits die sechste Schulstunde angebrochen war. Das gefiel uns Schülern natürlich so gut, dass wir ihm oft schon vor seinem Gruß, unmittelbar nach seinem Klopfen, „Mooooooorgen“ entgegenbrüllten.

Auch dieser äußerst kräftige Mann ist schon vor einigen Jahren gestorben – er war im Übrigen der Einzige, den ich während des Studiums nebenan besucht habe. Ich hab mir dann auch eine Würstel-Semmel bei seiner Ehefrau gekauft, die den Pause-Verkauf betrieb. Heute hat sie ein Restaurant, über das ich hier geschrieben habe.

Ein anderer Kult-Lehrer, auch nicht von allzu großer körperlicher Größe, aber groß im Geiste, war ein Mathe- und Physiklehrer, der immer mit einem Moped in die Schule fuhr. Und das bei jeder Witterung! Mich erinnerte er daher an Ottfried Fischer, der in “Irgendwie und sowieso” als „Sir Quickly“ auf einer Schwalbe fuhr..

Der „Sir“ schaffte es sogar, dass ich bei ihm eine Zwei in Physik hatte, weil er das mit dem Strom, den Leitern und dem Widerstand so gut erklärt hat. Wer weiß, vielleicht wäre ich gar nicht so unbegabt in Naturwissenschaften gewesen, wenn ich den „Sir“ öfter im Unterricht gehabt hätte. Aber schon damals lag mein Interesse eindeutig mehr in der geisteswissenschaftlicher Richtung.

Abiprüfung beim Lover 

Ich wählte als zweites Leistungskursfach Deutsch und daher bekam ich die heiße Affäre zwischen dem Grundkurslehrer und seiner Schülerin nicht mit. Im Nachhinein wurde natürlich behauptet, dass sie erst nach dem Abi die Liebe füreinander entdeckt hätten – just an der Abifeier soll das gewesen sein. Was für ein Zufall!

Sie wohnten dann sogar eine Zeit lang zusammen. Und das Internet, das ja nichts vergisst, zeugt davon, dass sie sich auch einen Hund aus dem Tierheim nehmen wollten. Ich danke der Tierheimleitung, dass zumindest sie diese zweifelhafte Verbindung bestraft hat, indem sie ihnen den Hund nicht vermittelt hat! Außer einer sehr guten Note im Grundkurs-Abi hatte diese Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin keine Folgen… Und nein, ich bin nicht in Sodom und Gomorra auf’s Gymnasium gegangen, sondern in einem beschaulichen, bayerischen Städtchen!

Heute weiß ich auch, warum die Schülerin, die nicht gerade zu meinen Freundinnen gezählt hat, über meine Krankmeldungen so genau Bescheid wusste, über die wohl ausführlich im Lehrerzimmer diskutiert wurde.

Ich hatte nämlich das Glück, dass ich mit Pfeiffer’schem Drüsenfieber zu den Abiprüfungen antreten musste. Meine Oberstufenbetreuerin hat, statt mich zumindest mental zu unterstützen, gesagt, dass ich das Abi in meinem Zustand nicht schaffen könnte. Zum Glück habe ich nicht auf sie gehört und bin angetreten. Gott sei Dank, denn ich wüsste nicht, ob ich diesen Wahnsinn noch ein Jahr länger ausgehalten hätte!

Kaum zu glauben, dass meine Schulzeit mittlerweile schon 10 Jahre her ist. Ich erinnere mich noch heute, wie ich bei der Abiturfeier etwas beschwipst auf die Uhr schaute und um Mitternacht das Datum verwechselte. Es war irgendein Juliabend, aber für mich war es der 4. Juli – mein ganz persönlicher Independence Day!
Die Ironie der Geschichte will es, dass dieser Blogpost just an einem 4. Juli erscheint – damit habe ich mir meine Horror-Schulzeit hoffentlich von der Seele geschrieben!

 

Hochwasser-Katastrophe in Niederbayern: Bitte lasst die Hinterbliebenen in Ruhe

3 Jun
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Die Facebook-Funktion „an diesem Tag“ erinnert nicht nur an schöne Ereignisse. Zur Zeit zum Beispiel an meine Erinnerungen an das Hochwasser in Passau von 2013 (Fotoquelle: Screenshot).

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist her, dass ich mich in diesem Blogpost über das Verhalten mancher Social-Media-Nutzer in der Hochwasser-Katastrophe (in Passau) aufgeregt habe. Horrormeldungen wurden verbreitet. Fluch und Segen der sozialen Netzwerke: Koordiniert wurde, hauptsächlich über Facebook, auch zum Beispiel das vorbildliche Hilfs-Projekt „Passau räumt auf“.
Exakt drei Jahre danach hat das Hochwasser meine Heimat Niederbayern wieder heimgesucht – nicht direkt meine Heimatstadt Passau, aber die benachbarten Landkreise Rottal-Inn und Passau sind dieses Mal betroffen. Facebook erinnert gerade viele Nutzer aus meiner Heimatregion daran: „Es ist schön, Erinnerungen wach zu halten. Wir könnten uns vorstellen, dass du gern an diesen Beitrag von vor 3 Jahren zurückdenkst.“

Vater via Facebook gesucht

Fluch und Segen: Ich erinnere mich, ich saß am Mittwoch in der Bibliothek in München als mich die Meldungen und vor allem Bilder der schlammigen Massen über soziale Medien erreichten, wie sie sich durch Simbach am Inn, Tann etc. wälzten.
„Lebt ihr noch?“, schrieb ich in die familieneigene whatsapp-Gruppe. Angesichts der Horrorszenarien, wie sie die Medien wieder propagierten, hatte ich Angst bekommen.
Vielleicht erging es meiner ehemaligen Studienkollegin ähnlich, nur hat sie das Pech, dass ihr Elternhaus direkt im Zentrum der Katastrophe, in Simbach am Inn steht. Wenig später erreichte mich in meiner Timeline der verzweifelte Aufruf, den ihr Bruder verfasst hat:

„Hochwasser Simbach am Inn.

Unser Vater Walter (…) wird vermisst. Zuletzt gesehen (…)Straße.

Informationen an: (Handynummern der Geschwister)

Bitte teilen!!!“

Natürlich habe ich sofort auf teilen geklickt. 8 400 Personen haben das ebenfalls getan. Und da ich auf Twitter bin, habe ich einen Screenshot auch dort verbreitet – über 200 Retweets waren es hier.
Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt tun sollte. Denn bekanntlich sind die sozialen Netzwerke „Fluch und Segen“… Man könnte sich nun ausrechnen, wie viele Menschen, darunter auch Medienvertreter, die Handynummern und die Adresse eines potentiellen Flutopfers hatten.

Screenshot des Suchaufrufs in der BILD

Gestern Abend hatten die Angehörigen dann traurige Gewissheit – nach Stunden des Hoffens und Bangens, unvorstellbar quälender Ungewissheit: Der Vater hat es nicht mehr raus aus dem Keller geschafft. Er ist das sechste Opfer der Hochwasser-Katastrophe von 2016. Zu diesem Zeitpunkt werden jedoch noch Personen vermisst.
Als wäre das alles für die Familie noch nicht genug! Den „verzweifelten“ Suchaufruf der Geschwister hat die BILD heute als Screenshot veröffentlicht – mit den Handynummern und der Adresse. Da wurde nichts geschwärzt. Auch die Kommentare der Facebook-Freunde des Sohnes sind zu lesen. Mit Namen versteht sich.
Gleich wäre man wieder da mit dem Urteil: BILD halt. Aber selbst in den Öffentlich-Rechtlichen ist man nicht pietätvoller. Dort verkündete eine Rettungskraft heute im Morgenmagazin vollmundig: „Den (Familiennamen) hat man da hinten rausgezogen.“ Sorry, liebes Moma-Magazin, aber muss man den O-Ton, in dem der Name eines Hochwasser-Opfers genannt wird, wirklich senden?
Handynummer kann man wechseln, aber die Erinnerungen bleiben. Auch Facebook wird sie zum Jahrestag der Familientragödie an diesen Beitrag erinnern. (Hier wird beschrieben, wie man die Funktion „An diesem Tag“ ausschalten kann.)

Der Familie habe ich bereits persönlich mein Beileid ausgesprochen. Sie brauchen jetzt Hilfe*. Auch wenn das im Moment vielleicht hinten ansteht, aber es geht dabei auch um finanzielle Unterstützung der Opfer und Hinterbliebenen. Hier sind die sozialen Netzwerke wieder Fluch und Segen: Wie nah sollen die Medien das Schicksal der Hochwasseropfer beleuchten (und über die sozialen Netzwerke verbreiten), damit der Spendenrubel rollt?

Wir entscheiden über die Art der Berichterstattung

Wir alle können mit unserem persönlichen Medienkonsum und insbesondere Klick-Verhalten über das WIE der Berichterstattung entscheiden. Ich persönlich würde mir mehr Fingerspitzengefühl wünschen. Oder nennen wir es ethisches, pietätvolles Verhalten. Die Berichterstattung auf Basis eines Screenshots des Hilfeaufrufs der Geschwister mit den persönlichen Daten halte ich für verwerflich – es ist für mich ein trauriges Beispiel wie Journalismus nicht funktionieren sollte!

Anmerkung: Aufgrund des Tenors meines Blogposts bitte ich um Verständnis, dass ich auf einen Screenshot des Hilfeaufrufs verzichtet habe. Ich habe schon daran zu knapperen, dass ich selbst die Daten verbreitet habe, in der Hoffnung, dass alles gut wird… Derweil lag der Vater vermutlich bereits tot im Keller.

* So können Sie helfen:
Spendenaktion der PNP für Hochwasser-Opfer
Spendenkonto des Landkreis Rottal-Inn –> Helfer können im Übrigen gratis mit der Südostbayernbahn anreisen

Blogger schenken Lesefreude: Publikation zum gratis-Download mit Beitrag von mir

23 Apr

blogger2015v-W-177x300Die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ geht dieses Jahr in die vierte Runde. Bisher war es üblich, dass Blogger am Welttag des Buches, dem 23. April, Bücher verlost haben.

Im vergangenen Jahr habe ich mich mit meinem Sparblog ISARSPARER auch ganz klassisch daran beteiligt und eine Verlosung ausgeschrieben. Das hat mich als Buchliebhaberin jedoch nicht so wirklich befriedigt… Mir kam es vor, als hätten Gewinnspiel-Junkies einfach die Liste der zentralen Seiten der Aktion, in der alle teilnehmenden Blogs gelistet sind, abgegrast:

Ui, eine pseudo-Gewinnspielfrage – scroll!
Oh, hier den Namen hinterlassen und in den Lostopf springen.
Und – klick – weiter zum nächsten Blog, der eine Buch verlost.

Aktion sollte mehr als Buchverlosung sein

Dass das nicht das Wahre ist, das haben auch die bibliophilen Mädels, die die Lesefreude-Aktion ins Leben gerufen haben, erkannt und dieses Jahr soll es anders werden: Gelistet sind nicht mehr die zu verlosenden Bücher. Zurück zu den Wurzeln also – Blogger schenken Lesefreude. Auf ISARSPARER erwartet euch auch ein ganz unkonventioneller Beitrag. Und Lesefreude muss ja nicht immer durch ein Buch entstehen – es gibt auch andere Formen der Publikation…

Doch obwohl ich viel (im www) schreibe, ist es doch ein besonderes Gefühl, wenn ein Text von mir gedruckt wird. So richtig, auf Papier. Totholz gebunden als Buch.

Publikation zum gratis-Download

Ich habe mich am Wettbewerb zum Förderpreis für Politische Publizistik der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) beteiligt. Thema war: „2030 – Wo steht dann meine Generation?“ Und ich freue mich, dass mein doch recht unorthodoxer Beitrag publiziert wurde, also so richtig gedruckt – auf Papier, zum Anfassen und Weitergeben an Opa.

Die Publikation gibt es gratis zum Download auf den Seiten der HSS:

Teresa A. Winderl: Briefe in die bayerische Gegenwart, in: Ursula Männle (Hrsg.): Förderpreis für Politische Publizistik 2014/2015. 2030 – Wo steht dann meine Generation, S. 139 – 148. (*einfach klicken*)

Kluge Beiträge über meine Generation im Jahr 2030

Es ist eine ganze Publikation, die, wer sie nicht auf Totholz ergattern konnte, eben auch digital auf zum Beispiel einem E-book-Reader lesen kann. Und ich persönlich finde, dass bei den sehr unterschiedlichen Beiträgen zu diesem spannenden Zukunftsthema, sehr kluge Überlegungen dabei sind:

Inspiriert wurde ich für meinen Beitrag von Rosendorfs Buch Briefe“ target=“_blank“>“Briefe in die chinesische Vergangenheit“. Die Preisträgerin hingegen hat sich als Naturwissenschaftlerin dem Thema recht geisteswissenschaftlich genähert und über die Autopoiese einer Generation an Hand der Luhmann’schen Systemtheorie nachgedacht.

Ja, vielleicht merkt ihr schon, warum ich mich freue, dass mein relativ stark literarischer Beitrag publiziert wurde 😉 Die Überschriften der einzelnen Beiträge sind zum Teil recht frech, wie „Opakratie“ etwa oder auch unaussprechlich „2030 – fourty, fifty! Abwechselnd Angst und Achsel – eine Anklage“. Zumindest Professorin Männle hatte bei der Laudatio ihre Freude an diesem Zungenbrecher 😉

Fourty, fifty – „meine“ Generation, die sich an diesem Wettbewerb beteiligen konnte, wird 2030 zwischen 40 und 50 Jahre alt sein. Werden wir die Arbeitswelt umkrempeln? Ein Beitrag („jung, smart & frech“) setzt sich damit auseinander.

Mitmachen und selbst Lesefreude schenken

Wenn auch ihr Lesefreude im Rahmen einer Publikation schenken wollt: Der Förderpreis für politische Publizistik der HSS ist dieses Jahr wieder ausgeschrieben – eingereicht werden können dieses Mal Beiträge zum Thema „Herausforderung: Einwanderung“