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Reaktivierung der Granitbahn in Passau

15 Aug

Mariä Himmelfahrt war für die Freunde der Granitbahn ein wichtiges Datum: Am 15. August 2020 fuhren nach 20 Jahren erstmals wieder zwei Schienenbusse in Passau.

Ingesamt drei Fahrten gab es am Eröffnungstag. Ich habe ein Teilstück der letzten Rückfahrt von der Rosenau (Innstadt) zum Hauptbahnhof Passau gefilmt. Pittoresker geht es wohl kaum!?

Die Fahrt von der Innstadt über die Eisenbahnbrücke zum Hauptbahnhof Passau dauert 14 Minuten.

Coronabedingt habe ich auf eine Mitfahrt in einem der zwei Schienenbusse verzichtet. Aber das Panorama kenne ich: Für mich ist es schon heute die schönste Bahnstrecke der Welt! Derzeit wahrscheinlich mit zweieinhalb Kilometer auch eine der kürzesten… Aber der Förderverein, Lokalbahn Hauzenberg, plant die Reaktivierung der gesamten Strecke der Granitbahn bis 2022. Dann soll man wieder von Passau bis Hauzenberg fahren können (und natürlich retour).

Bei der Jungfernfahrt tags zuvor war keines der mittlerweile vier Stadtoberhäupter anwesend. Und einige Anwohner hegen große Skepsis gegenüber der reaktivierten Bahnstrecke. Auf Instagram haben sie hierfür sogar einen eigenen Account, granitbahn_skeptiker, angelegt.

Ich meine, in anderen Städten wäre man stolz auf eine solche Attraktion! Zwar wohne ich nicht in der Innstadt, aber ich wäre froh über diese Alternative auf der Schiene. Wenn sich wieder der Verkehr auf der Innbrücke staut und sich die Schienenbusse gemächlich, aber konsequent ihren Weg zum Hauptbahnhof bahnen.

Freilich ist ein regelmäßiger Fahrplan der Granitbahn noch Zukunftsmusik… Aber die Reaktivierung der Teilstrecke ist schon mal ein Anfang! Haben wir jetzt eben eine Stadtbahn! Glückwunsch an die Bahnfreunde!

P. S.: Die Granitbahn wäre was für meine Sketchnotes-Postkarte gewesen! Für den Blog des Stadtführer-Vereins habe ich meine Postkarte vom #UrlaubDahoam allerdings schon vorher gezeichnet. Wer macht mit?

Als Regionalbeauftragte der Hanns-Seidel-Stiftung für euch vor Ort in Niederbayern!

23 Jul

Servus,

heute möchte ich meinen Blog als „Werbefläche“ nutzen für ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Die politische Bildungsarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS). Auf meinem Blog habe ich schon öfter über Veranstaltungen der HSS geschrieben, da ich mich als Stipendiatin von der hohen Qualität ihrer Arbeit – auch in internationalen Projekten – überzeugen durfte.
Mein Name ist Teresa Winderl. Ich bin in Passau aufgewachsen, mehr Infos über mich gibt es hier auf der Seite „About“.

Aber was macht eigentlich eine politische Stiftung? 

Jede Partei in Deutschland hat eine eigene Stiftung – die HSS steht der CSU nahe. Hanns Seidel war übrigens der erste bayerische Ministerpräsident, der in einer Koalition regierte.

Bildungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung Kloster Banz.
Kloster Banz, das Bildungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung ist wunderschön… Aber von Niederbayern etwas weit weg, deswegen bin ich als Regionalbeauftragte in der Region tätig. Foto: Privat.

Das heißt jedoch nicht, dass man bei Veranstaltungen politischer Stiftungen indoktriniert wird. Es gilt das sog. Distanzgebot. Bei der HSS finden sich jedoch Themen, die dem christlichen und sozialen Menschenbild entsprechen.

Ich freue mich, dass ich als Regionalbeauftragte für Passau Stadt und Land und Freyung-Grafenau ein Teil der HSS sein darf. Daneben bin ich auch als Referentin für die Stiftung tätig. Meine Themen reichen über den richtigen Auftritt in Social Media, veränderte Erinnerungskultur mittels Graffiti bis hin zu „klassischen“ historischen Themen.

Kooperationspartner für HSS-Veranstaltungen gesucht

Falls Sie Lehrer oder Vorsitzender eines Vereins sind und Veranstaltungen für Ihre Schulfamilie, Ihre Mitglieder abhalten wollen, wenden Sie sich gerne an mich!

Auch wer sich für ein Stipendium der HSS interessiert, darf sich gerne bei mir melden. Als Regionalbeauftragte bin ich die erste Ansprechpartnerin für Sie in der o. g. Region, was die Stiftungsarbeit anbelangt! Quasi eine Art Botschafterin für die HSS-Niederlassung in München. (Alle anderen politischen Stiftungen haben ihre Hauptniederlassungen übrigens in Berlin. Die HSS ist dort mit einem Büro vertreten.)

Das Bildungszentrum der HSS, Kloster Banz in Oberfranken, ist für Niederbayern nicht der nächste Weg…

Um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger die Arbeit der HSS vorstellen zu können, bin ich auf der Suche nach Kooperationspartnern mit denen die HSS zusammen Vorträge und Seminare hier vor Ort organisieren kann. Diese Veranstaltungen sind sowohl für Sie als Kooperationspartner (z. B. Schule oder Verein) als auch Teilnehmer kostenlos.

Europa als Schwerpunkt in der Drei-Länder-Region

Das Aufwachsen in einer Grenzstadt wie Passau hat mich geprägt: Europa ist hier nicht nur ein Konstrukt, sondern wird praktisch im Alltag gelebt – die Grenze nach Österreich befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Stadt. Auch Tschechien ist nur eine kurze Autofahrt weit entfernt. 

Während der Coronakrise merkten wir leider wieder schmerzlich, dass unsere Heimat Grenzen hat – diese in den Köpfen abzubauen, dazu möchte ich mit meiner Arbeit als Regionalbeauftragte einen Beitrag leisten. Einen Schwerpunkt bei meiner Arbeit möchte ich daher auf den Themenkomplex Europa legen. Auftakt hierfür war zur Europawahl 2019 eine Schifffahrt auf der Donau – dem europäischten aller Flüsse. Im Anschluss zeigten Prof. Heydenreuter und ich den Gästen aus ganz Bayern die europäischen Facetten Passau. (Passauer Neue Presse berichtete am …)

Wenn Sie von solchen Veranstaltungen in der Region künftig erfahren wollen, schicken Sie mir Ihre E-Mailadresse. Auch für Ideen und Anregungen bin ich jederzeit offen! 

Zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren – ich bin gerne im Einsatz für Frieden, Demokratie und Entwicklung 😉 So lautet das Motto der HSS.

Mia für Taufik: CSU-Mitglied droht Abschiebung trotz Lehrplatz

16 Jun

Irgendwann war er im Kommunal-Wahlkampf einfach dabei, obwohl er gar nicht in Passau wohnt. Taufik wollte helfen, weil er das gerne tut. Der 21-jährige ist in Afghanistan geboren, aber Niederbayern ist ihm zur Heimat geworden. Jetzt soll er abgeschoben werden und versteht die Welt nicht mehr. 

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Etwas witzig klingt es schon, wenn Taufik mit seinem Akzent bayerisch spricht, aber es zeigt, wie sehr er sich mit der Region verbunden fühlt: „Ich bin bei der Feierwehr in Rudating aktiv“ – seine Feuerwehr-Kameraden waren auch die ersten, die sich gegen seine Abschiebung engagierten. Ihr Post auf Facebook wurde über 900 Mal geteilt, weil Taufik einfach ein beliebter Kerl ist.

Da wollten wir in der „Stadt“ natürlich nicht hinten anstehen. Georg Steiner, der unterlegene OB-Kandidat der Passauer CSU, holte Freunde und Wahlkampfgefährten zusammen, um ein Foto zu machen, das die Solidarität mit Taufik zeigen soll. U. a. war der Kreisvorsitzende der CSU-Passau, Prof. Holm Putzke, dabei. Eine Demo oder Ähnliches wollte Taufik nicht – wegen Corona. Denn das haben wir noch nicht überwunden, sagt er. Taufik, dessen Name eigentlich Taufighulla lautet, hält sich an Regeln. 

Ihm ist wichtig, dass er „dem Staat nicht auf der Tasche liegt“ – wie er es selbst formuliert. Nach dem Hauptschulabschluss, den der 21-Jährige besteht, obwohl er erst in Deutschland lesen und schreiben gelernt hat, beginnt er eine Lehre als Schreiner. 

Taufik möchte in fünf Jahren selbst für ein politisches Amt kandidieren

Taufik ist engagiert in den sozialen Netzwerken unterwegs. Einmal stellt er ein Herz aus Holz auf Instagram ein und ich frage ihn, ob er das selbst gemacht hat. „Ich kann dir auch eins machen“, antwortet er auf meine Frage. 

Er war auch bereit, ein Unterstützer-Video für Georg Steiner mit mir aufzunehmen. Es berührte mich, weil er der Einzige der Gefilmten war, der in einem Land lebte, in dem es keine Demokratie gibt. Deswegen rief er dazu auf, zur Wahl zu gehen. Nach dem Video sage ich zu ihm: „In fünf Jahren kandidierst du selbst“. Das würde Taufik gern. Er weiß, welch hohes Gut unsere Demokratie ist. Er ist Mitglied in der CSU, einer Partei, die nicht als größte Fürsprecherin für Flüchtlinge gilt. „Die sollen die abschieben, die vergewaltigen und nicht arbeiten – nicht mich“ – mit dieser Aussage trifft er wohl die Meinung vieler CSU-Mitglieder. 

Mein Lettern hielten wir für das Unterstützter-Foto in die Kamera.

Taliban ermordeten seine Familie in Afghanistan

Mit 15 Jahren begab sich Taufik auf die Flucht, die er zum größten Teil zu Fuß zurücklegte: Seine leibliche Familie haben die Taliban in Afghanistan getötet. Hier in Ruderting hat er eine neue Familie gefunden. 

Soll es das gewesen sein?

Nach fünf Jahren in Niederbayern ist Taufik hier heimisch geworden und ein Vorbild für Integration, wenn er sich für neuangekommene Flüchtlinge engagiert. Fußball spielt er übrigens auch noch, nur Ministrant ist er nicht – wenn es nach seinem Parteikollegen Andi Scheuer geht, dürfte Taufiks Abschiebung also eigentlich gar nicht mehr möglich sein 😉

Beim Fototermin am vergangenen Samstag fällt der Feuerwehrpiepser ins Auge, den er an der schwarzen Stoffhose befestigt hat. Die Hemdsärmel hat er hochgekrempelt und gestikuliert mit den angewinkelten Armen beim Reden wie ein Jung-Politiker. Auf seiner Maske sind die Umrisse von Bayern abgebildet. Der Slogan „Mia für Taufik“ fiel mir für unsere Aktion spontan am Samstagmorgen ein. Schnell habe ich ihn am Vormittag gelettert, damit ihn am Nachmittag jeder in die Kamera zeigen konnte. Und passender hätte der Slogan wohl nicht ausfallen können! 

Und ich freu mich riesig, dass die Feuerwehr Ruderting daraus einen Profilfoto-Rahmen für Facebook erstellt hat. Denn die Botschaft soll möglichst viele erreichen: Dieser junge, engagierte Neu-Bayer darf nicht abgeschoben werden!

Der Name Taufigullah bedeutet „Erfolg“ – ich wünsche Taufik, wie ihn der Niederbayer der Einfachheit halber nennt, ganz viel Erfolg, dass er seine Zukunft in Bayern verbringen wird können! 

Jahrhundertereignis: Schwarze Madonna von Altötting im Mai 2019 in Passau

12 Mai

Es war ein Jahrhundertereignis: Bischof Dr. Stefan Oster segnete am 30. Mai 2019 die Gläubigen mit dem Gnadenbild von Altötting im Passauer …

Jahrhundertereignis: Schwarze Madonna von Altötting im Mai 2019 in Passau

Mittels YouTube Stadtführungen ins Wohnzimmer bringen

27 Apr

Ja, mit meinem Job als Stadtführerin verdiene ich im Moment kein Geld. Das wird wohl auch noch einige Zeit anhalten, denn selbst wenn die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben sind, werden die Touristen nicht scharenweise nach Passau strömen….

Aber rumsitzen und jammern war noch nie so mein Ding. Deswegen habe ich -zusammen mit dem Passauer Stadtführer e. V. – ein Projekt initiiert. YouTube-Videos sollen die Stadtführung nach Hause bringen. (Die Passauer Neue Presse berichtete darüber am 24. April 2020.)

Digitalisierung als Chance in der Krise um im Gespräch zu bleiben

Print wirkt doch noch – oder zusätzlich. Die Abozahlen gingen nach dem Artikel über die Digital-Initiative der Stadtführer nach oben.

Was das bringt, könntet ihr jetzt fragen? Mit den YouTube-Videos verdienen die Stadtführer ja auch kein Geld.

Nun, das ist richtig. Auch mit der Präsenz des Stadtführer-Vereins in den sozialen Netzwerken, die übrigens auch hauptsächlich von mir betreut werden, steckt eine Menge ehrenamtliche Arbeit drin! Verdient ist damit zunächst nichts…

Aber auf den zweiten Blick hoffe ich, dass wir Stadtführer uns langfristig eine neue Zielgruppe erschließen können. 140 Mitglieder haben wir aktuell und die meisten haben in einer Fremdsprache geführt. Denn gerade die einheimische Bevölkerung, die Passauer, waren bisher an Stadtführungen nicht so sehr interessiert.

Aber weiß man wirklich alles über seine Heimat? Als Historikerin, die hier aufgewachsen ist, kann ich das verneinen – für die Stadtführer-Prüfung durfte auch ich so einiges büffeln. Und habe dabei so viele interessante Nebenkapitel in der Stadtgeschichte entdeckt.

Kerngeschäft verschenkt man dadurch nicht

Beim Weltgästeführertag widmeten wir Stadtführer uns bisher solchen Nebenkapiteln. Eine Standard-Stadtführung wird euch in den YouTube-Videos nicht erwarten, eher Spezial- oder Bonuswissen. Denn jeder der 140 Mitglieder hat ein anderes Steckenpferd. Und durch unseren starken Social-Media-Auftritt könnt ihr gar nicht mehr anders, als nach Corona eine Stadtführung bei uns zu buchen 😉 Vielleicht auch bei dem- oder derjenigen direkt, die ihr Spezialthema schon mit so viel Herzblut (gratis) euch vermittelt hat. 

In Folge 1 erzähle euch etwas über die hl. Corona (aktuell kann man mit solchem Wissen garantiert bei jeder Zoom-Party glänzen ;), später auch noch über die Krankenhauskapelle. Das Museum Moderner Kunst ist momentan ja auch geschlossen, die Wörlen-Retrospektive in den Ausstellungsräumen verwaist. Die Ausmalungen in der Krankenhauskapelle stammen von Georg Philipp Wörlen – vielleicht ergeben sich in der Krisenzeit auch hier Synergien zwischen Stadtführer und MMK!

Aber je nachdem wie lange die Krise noch andauert, habe ich auch noch andere Themen in der Pipeline – ich lasse aber natürlich auch meine Kollegen ran, die teilweise schon Jahrzehnte durch Passau führen! Annemarie Schmöller zum Beispiel, die seinerzeit die anspruchsvolle Stadtführer-Prüfung mit null Fehlern ablegte und eine Ilzstädterin ist, wird euch kommende Woche über das Niederhaus berichten.

Wenn ihr keine Folge unserer „Stadtführungen Dahoam“ verpassen wollt, abonniert die PaStev-Kanäle auf Facebook, Instagram und YouTube! Und bitte teilt oder verschickt unsere Beiträge. Nur so können wir möglichst viele Menschen und potentielle Gäste erreichen – Danke für eure Unterstützung!

Kurt-Eisner-Straße für Passau?

1 Jun

Max-Matheis-Straße Passau

Die Max-Matheus-Straße in Passau-Neustift ist wegen der NS-Vergangenheit ihres Namensgebers nicht unumstritten. (Foto: Winderl)

Offensichtlich würde man Max Matheis heute keinen Persilschein mehr ausstellen – und schon gar keine Straße nach ihm benennen. Die Linke Passau wollte das prüfen lassen.

Die Stadt Passau ließ sich Zeit… Viel Zeit. Nach fünf(!) Jahren hakte die Linke nach („Linke hakt im Fall Max Matheis nach“ (Passauer Neue Presse (PNP)/ Lokalteil Passau vom 20.04.19, S. 21). Das Ergebnis: Die Stadt Passau hat eine Prüfung noch nicht vorgenommen. 

Ich schrieb einen Leserbrief, denn der evtl. frei werdende Straßenname inspirierte mich:

Mein Leserbrief (PNP/ Lokalteil Passau vom 08.05.19, S. 24)

„Es stellt sich für mich die Frage, ob alle Persönlichkeiten, nach denen in Passau eine Straße benannt ist, einer kritischen Prüfung Stand hielten. Dennoch finde ich es richtig und wichtig, dass Die Linke bei der Stadt nachtarockt, wie man mit der Max-Matheis-Straße verfahren möchte.
Es kann nämlich nicht sein, dass aus Bequemlichkeit – sicher wäre eine Umbenennung mit Aufwand für die Stadt und nicht zuletzt für die Anwohner verbunden – einfach nichts geschieht! Meines Erachtens könnte die Stadt Passau im Zuge des Zentenariums von 100 Jahre Freistaat und Attentat auf seinen Gründer hier einen Coup landen: Nach Kurt Eisner sind in ganz Bayern nur zwei Straßen benannt. Mit der Umbenennung der Max-Matheis- in Kurt-Eisner-Straße könnte die Stadt Passau ein Statement für Demokratie setzen.
Schließlich hat der Eisner-Attentäter in der Altstadt die Schulbank gedrückt und das Notabitur erworben. Hat man das in der Stadt bis dato richtig aufgearbeitet?
Auch thematisch würde sich der erste bayerische Ministerpräsident in die Riege verdienter Bayern meines Erachtens gut einordnen, nach denen die Straßen im Neustifter Umfeld benannt sind. Denn auch wenn Eisner gebürtiger Berliner war, starb er als überzeugter Wahl-Bayer – seine Eltern übrigens in der Passauer Straße in Berlin. Wenn Straßennamen sprechen könnten…“

Reaktion auf meinen Leserbrief

Kurt Eisner Platz München

Aktivisten um Aktionskünstler Wolfram P. Kastner benennen zum Jahrestag des Attentats den Marienhof in München seit einigen Jahren in Kurt-Eisner-Platz um. (Foto: Winderl)

Ist es nicht schön, wenn der eigene Leserbrief andere Leser zum Schreiben bringt?
Einige Tage später (PNP/ Lokalteil vom 16.05.19, S. 21) erschien ein Leserbrief von Alois Zechmann, der sich auf denselben Artikel bezog und ebenfalls für eine Kurt-Eisner-Straße in Passau plädierte, er schreibt: „Es ist eine große Schande, dass in ganz Bayern meines Wissens nur in München eine Straße nach Kurt Eisner, dem Begründer des Freistaats benannt ist.“

Das ist zwar so nicht so ganz richtig: Denn seit 2018 gibt es in Erlangen einen Platz in der Nähe des Rathauses, der im Zuge des Freistaat-Jubiläums nach Eisner benannt wurde. Aber ein Platz ist keine Straße. Und so bin ich, wie Alois Zechmann gespannt, welcher Stadtrat sich traut, einen entsprechenden Antrag in Passau einzubringen.

Marienhof in München soll Kurt-Eisner-Platz werden

Übrigens: In München wünschen sich Eisner-Fans eine Umbenennung des Marienhofs in Kurt-Eisner-Platz. Dieser prominente Platz befindet sich direkt neben dem Marienplatz, aber hat keine Anwohner. Eine Umbenennung würde also relativ wenig kosten.

Da bei Straßenbennungen der Grundsatz der Gleichwertigkeit berücksichtigt werden sollte, d. h. nach bedeutenden Personen sollten wichtige Straßen benannt werden, wäre der Marienhof im Herzen Münchens ideal! Denn die Kurt-Eisner-Straße befindet sich in Neuperlach. 1969, zum Zeitpunkt der Benennung, war dies noch ein sozialer Brennpunkt; doch nicht einmal dort wollte man dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten einen Straße gönnen. Als Gegenargument wurde u. a. eingebracht, dass dies die Witwe – Achtung – des Attentäters beleidigen würde. Eisners Witwe hatte sich übrigens bereits 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Frankreich das Leben genommen.

Weitere Blogposts zum Thema „Kurt Eisner“:

 

Blogparade #DHMDemokratie: Demokratisierung von Denkmälern durch Graffiti-Künstler?

12 Mai

Grünspitz won abc

Die Männchen am Grünspitz könnten Kurt Eisner am gegenüberliegenden Moral zujubeln – schließlich brachte er die Demokratie nach Bayern. Ohne Blutvergießen. (Foto: Winderl)

Für Denkmäler brauchte man früher einen langen Atem und ein Händchen für den institutionellen Weg. 

Einer, der mit Denkmälern für seine Person bisher eher Pech hatte, ist Kurt Eisner: Als Jude und „Roter“ war er den Nazis nicht genehm, deswegen war er schon dem Attentat zum Opfer gefallen. Aber auch nach dem Systemwechsel wollte er den Machthabern irgendwie nicht so recht ins (Straßen)Bild passen. Und das, obwohl er die Demokratie in der Novemberrevolution für uns erkämpft hat. Wenn also eine Blogparade fragt, was mir persönlich Demokratie bedeutet, muss ich Kurt Eisner als Bayerin unbedingt nennen! Und wenn dieser Text im Demokratie-Labor des Deutschen Historischen Museums in Berlin bearbeitet wird, dann sollte ich auch noch erwähnen, dass Eisner 1867 in Berlin geboren wurde.

100 Jahre nach dem Attentat können seine Gegner den Amtsweg für Denkmäler umgehen – u. a. dank neuer Medien: Auf Google Maps benannten sie den Marienhof kurzerhand in Kurt-Eisner-Platz um – und es hat lange niemand gemerkt, den es gestört hat. 

Und auch Denkmäler sehen heute ganz anders aus als noch vor 30 Jahren, als das „Haupt“bodendenkmal für Eisner in München eingeweiht wurde: Die Umrisse des Ermordeten an der Stelle des Attentats. Achtlos kann man über ihn hinweggehen…

Mural in München für Akteure der Revolution von 1918/19

Graffiti Georg Elser

Das erste Graffiti-Denkmal in München entstand für Georg Elser in Blickweite zum Hauptbahnhof. (Foto: Winderl)

Aber ganz ohne auf das Werk von won abc zu schauen, kann man künftig wohl kaum mehr an der Martin-Luther-Straße vorbeifahren oder -gehen.  Dafür ist es zu groß: Das derzeit größte Mural Münchens zeigt fünf Revolutionäre: Von links nach rechts sind das Kurt Eisner, Sarah Sonja Lerch, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller.

Es ist nicht das erste Graffiti-Denkmal, das won abc geschaffen hat. Zusammen mit Loomit sprayte er auch eins für Georg Elser an der Bayerstraße (hier gibts eine genaue Erläuterung). Auch so einer, der in der Mainstream-Erinnerungskultur als Hitler-Attentäter nach Stauffenberg und seinen Mitverschwörern vom Juli 44 eher einen Platz in der zweiten Reihe hatte.

Für mich ist diese neue Art des Denkmals mit Graffiti ur-demokratisch, denn sie kommt direkt aus der Bevölkerung.

Gerade bei Kurt Eisner, dessen Anhänger so lange für eine Würdigung kämpfen, wird das besonders deutlich. Eine Konsens-Entscheidung wie über Denkmäler bis dato üblich, entspricht nicht unbedingt einem authentischen Bild des kollektiven Gedächtnisses. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben und diese bauen ihren Helden Denkmäler.

Ohne Revolution keine Demokratie

Marienhof Kurt-Eisner-Platz

Der Marienhof wurde auf Google Maps einfach schon mal zeitweise in Kurt-Eisner-Platz umbenannt. Dort gibt es keine Anwohner, es würden wenig Kosten entstehen (Screenshot).

Won abc war laut meiner Nachfrage über Instagram frei bei der Wahl des Motivs an der Martin-Luther-Straße. Zur Gestaltung des ehemaligen Umspannwerks sollen ihm rund 28 000 Euro zur Verfügung gestanden haben.

Er hat sich für diese fünf Revolutionäre entschieden, weil er etwas mit ihnen gemeinsam habe: Die Anti-Haltung.

Ebenso wie Graffiti als Gegenkultur zur etablierten Kunst gilt, kämpften Eisner und seine Verbündeten gegen das herrschende politische System. Was wir nicht vergessen dürfen: Diesen Revolutionären verdanken wir unser heutige Demokratie! Für zum Beispiel das Frauenwahlrecht mussten sich Menschen erst gegen geltendes Recht stark machen. Demokratie ist für mich (nach Rosa Luxemburg) unter anderem daher auch immer die Freiheit der Andersdenkenden, sonst entwickelt sich nichts weiter. Ich bin davon überzeugt, dass Stillstand unserer Demokratie nicht gut tut. Wer weiß, wie unsere Demokratie in 100 Jahren aussieht: Mehr Partizipation vielleicht – wie sich das schon Eisner in seiner Idee von einer Rätedemokratie gewünscht hatte? 

Schwierig: Eisner und Räterepublikaner auf einem gemeinsamen Denkmal

Graffiti Eisner

Das Foto entstand als won abc noch (mit der Hebebühne) am Mural arbeitete: Kurt Eisner, farbig abgehoben von den anderen Akteuren der Revolution, kickt die Monarchie weg – hinter ihm eine Friedenstaube mit Heiligenschein. (Foto: Winderl)

Etwas Bauchweh habe ich als Historikerin immer, wenn Akteure der Räterepublik in einem Atemzug mit Eisner genannt werden oder hier eben gemeinsam abgebildet sind. Mühsam, Landauer und Toller waren nämlich Funktionäre der 1. Räterepublik Baiern – Kurt Eisner wurde mit ihnen oft in einen Topf geworfen, aber das ist falsch! Denn erst nach seinem gewaltsamen Tod (am 21. Februar 1919) eskalierte die Revolution zusehends. Der Rätegedanke wurde überstrapaziert bis die 2. Räterepublik schließlich blutig beendet wurde. (Übrigens während der Laufzeit dieser Blogparade und zwar am 2. Mai exakt vor 100 Jahren.)

Gut gefällt mir daher, dass das Gesicht Eisner auf dem Mural etwas von den anderen abgehoben ist: Es ist das einzige der fünf Köpfe, das rosa ist. So korrespondiert es mit den Friedenstauben und dem Peace-Zeichen, das Mühsam in Händen hält. Kurt Eisner kickt die Krone weg. Hinter ihm eine Friedenstaube mit Olivenzweig und Heiligenschein. Irgendwie eindeutig, wie der Graffiti-Künstler Eisner sieht.

(Mir nicht erklären kann ich jedoch, warum der Name Ernst Tollers eine andere Farbe hat als die anderen Beschriftungen. Wer eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, sie als Kommentar zu hinterlassen!)

Giesing als idealer Standort des Denkmal-Graffitis

Mural Giesing Eisner

Als am Graffiti noch gearbeitet wurde, waren auch die Fenster mit einbezogen. Die Malerkrepp-Schriftzüge sind mittlerweile entfernt, die Namen der Akteure sind unter den Figuren aufgesprüht. (Foto: Winderl)

Es würde zu weit führen, alle fünf Portraitierten näher vorzustellen. Einige Worte möchte ich dennoch verlieren und dann wird vielleicht auch klar, warum ich explizit auch den Standort des Graffiti-Denkmals so genial finde: Sarah Sonja Lerch geb. Rabinowitz erlebte die Revolution selbst gar nicht mehr. Zusammen mit Eisner hatte sie in der Münchner Rüstungsindustrie den sog Januar-Streik des Jahres 1918 organisiert und wurde deswegen eingesperrt. Eisner kam aufgrund dieser Aktion erst kurz vor den Wahlen wieder frei.

Sie war zunächst am Neudeck (Gefängnis am Mariahilfplatz) interniert, der nur wenige Meter Luftlinie vom Mural entfernt ist, später (wie auch Toller und Landauer) in Stadelheim, wo sie erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Landauer fand in Stadelheim einen gewaltsamen Tod. Auf dem Mural biegt sie die Gitterstäbe einfach auseinander.

Kurt Eisner Denkmal München

Ich stehe davor, aber über das Eisner’sche Bodendenkmal an der Kardinal-Faulhaber-Straße in München kann man einfach hinweggehen. Aber dieser Entwurf war Sieger bei einem Wettbewerb.

Auch der Ostfriedhof, an dem Eisner seine erste ewige Ruhe fand – im 3. Reich wurde seine Urne inkl. Gedenkstein für die Revolution entfernt – ist nur zwei Tram-Stationen weg.

Vielleicht wäre die Demokratie auch ohne Kurt Eisner nach Bayern gekommen. Vielleicht hätte sich dieser bescheidene Mann gar kein Denkmal für sich gewünscht.

Was meint ihr: Wie viel Erinnerung braucht Demokratie? Und wer darf über die Erinnerungskultur einer Gesellschaft bestimmen?

Wenn ihr jetzt bei der Blogparade des Deutschen Historischen Museums mitmachen wollt habt ihr noch bis 28. Mai Zeit. Alle Infos gibt’s hier.

Und wer sich generell für Graffitis in München interessiert, dem sei mein Blogpost über die Streetart-Safari, die ich mit Martin Arz besucht habe, ans Herz gelegt.

Weitere Blogposts zum Thema „Kurt Eisner“:

Wirtshaussterben in Bayern: Gasthaus Irlbacher in Penting sperrt zu

20 Dez

Das Wirtshaussterben ist ein anonymes Phänomen, das einen genauso wenig berührt wie beispielsweise Altersarmut, wenn man zum Glück nicht gerade selbst davon betroffen ist. Jetzt erlebe ich selbst, dass ein Wirtshaus, in dem wir mit der Familie Tod und Leben gefeiert haben, zum Jahresende schließt.

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Irlbacher setzt auf Regionalität – nicht aus Chichi, sondern Überzeugung. (Foto: Winderl)

Ich finde ja, man gehört erst richtig zu einem Dorf, wenn man ein Grab dort hat. Und so gehören wir auch nach all den Jahren nicht nach Passau-Heining, auch wenn meine Familie noch vor meiner Geburt hierher zog. Das liegt vielleicht auch daran, dass man zum Wirtshaus am Dorf keinen so rechten Bezug hat, weil man dort eben nicht nach einer Beerdigung mit der Trauergemeinde einkehrt.

Der eine Teil meiner Verwandtschaft liegt nämlich in der Oberpfalz begraben. Einem kleinen Dorf, Penting bei Neunburg vorm Wald, das im Prinzip nur aus der Kirche mit seinem angrenzenden Friedhof und dem gegenüberliegenden Wirtshaus besteht. Wie eben Dörfer in Bayern aussehen! Und genau dieses Wirtshaus wird nun zum Jahresende 2017 seine Pforten schließen – für immer.

Das macht mich traurig, denn auch wenn das Essen mal nicht so gut schmeckte, für mich war der „Irlbacher“ ein Stück Heimat. Dort hat meine Familie nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch gelacht und geweint. Meine Großeltern liegen gegenüber begraben – der Leichenschmaus fand also dort statt. Aber auch Erstkommunion, Hochzeiten und runde Geburtstage haben wir beim Irlbacher gefeiert.

Der Oberpfälzer-Wirt setzte auf Innovationen

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So kennt man Wolf Irlbacher: An der Theke muss er mit den Reservierungslisten jonglieren, damit er alle Gäste bewirten kann. (Foto: Winderl)

Der Wirt war über die Jahre immer derselbe. Ein kerniger Oberpfälzer der Wolf, der aber immer wieder innovative Ideen hatte, lange bevor diese en vogue waren: So wurde die Wurst in seiner Metzgerei schon viele Jahre ohne Glutamat zubereitet, bevor das große Konzerne für sich entdeckten. (Zum Glück soll die Metzgerei Irlbacher vorerst weiter bestehen.) Das Fleisch und die Wurst kommt von den Bauern aus der Nähe – namentlich aufgelistet auch auf der Speisekarte. Das ist Bio wie ich mir das vorstelle! Kein Chichi von Landgasthöfen, die ihre fehlende Historie wettmachen wollen durch besondere Regionalität. Schon Wolfs Vater war Wirt am Ort. Damals stand das Wirtshaus noch ein paar Meter weiter vorne im Dorf – aber auch in Sichtweite zur Kirche.

Heute kann man vor den Gasthaustüren sogar das E-Bike laden.

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Als Abschiedsessen gabs für mich ein Schnitzel mit Pommes – klassisch, weil ich das als Kind sooft dort gegessen habe. (Foto: Winderl)

Auch XXL-Portionen gab es dort, obwohl das der Gasthof nicht im Namen trug, wie das heute üblich ist. Ich erinnere mich an die Schnitzel meiner Kindheit, die so groß waren, dass sie nicht mal mehr aufs Teller passten. Hungrig musste niemand gehen!

Und für die Stammgäste gab es nach dem Essen eine Kostprobe des „Pentinger Obstgarten“. Ein Obstler, der so mild und bekömmlich ist, dass er seinesgleichen sucht. Den schüttet man nicht einfach hinunter, den muss man auf der Zunge zergehen lassen, dass er sein volles Aroma entfalten kann. (Zum Glück gibt es den auch weiterhin (sechs zum Preis von fünf) in der Metzgerei oder im Online-Shop zu kaufen. Ein Online-„Spezialitätenversand“ auch durchaus innovativ für einen Gastwirt aus der Oberpfalz!)

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Zum letzten Mal sind die Tische dekoriert: Nach dem Weihnachtsgeschäft 2017 ist Schluss mit dem Gasthaus Irlbacher. Die Metzgerei wird vorerst weiter betrieben. (Foto: Winderl)

Das kleine Heimatdorf Penting meines Vaters kennt niemand. Schon gar nicht wegen der gelb getünchten Pfarrkirche St. Nikolaus im Zentrum des Dorfes, die nicht besonders pittoresk erscheint. Aber den Irlbacher gegenüber, der ist weit über die Grenzen des Landkreises Schwandorf bekannt. Das habe ich schon oft erlebt, wenn ich Leuten beschreiben wollte, woher meine Papa stammt. Beim Irlbacher sind sie oft schon eingekehrt. Ohne Reservierung hat man daher kaum Chancen, einen Platz im Gasthaus zu ergattern. Auch jetzt nicht, wo er doch in ein paar Tagen schließt.

Warum genau Wolfgang Irlbacher sein Traditions-Wirtshaus schließt, ist nicht ganz klar. Es werde eben auch immer schwieriger, gutes Personal zu finden.

Das Weihnachtsgeschäft will der Wolf noch mitnehmen. Danach ist Schluss. Nach 28 Jahren am neuen Standort.

Wo die Familie mehr zählt als der Einzelne

Nicht nur beim Abgang zu den Toiletten, sondern überall hängen alte Fotos an den Wänden, die an die Wirtsfamilie und Stammtische erinnern. Einige, die darauf abgebildet sind, liegen wohl schon drüben auf dem Friedhof – in einer Region, in dem die Familie mehr zählt als der Einzelne. Denn auf den Grabsteinen finden sich nur die Familien-, keine Vornamen oder gar individuelle Geburtstags- oder Sterbedaten. Und so werden auch die Irlbachers die Wirtsfamilie von Penting bleiben, auch wenn das große Gasthaus im Ortskern künftig leer stehen wird.

Sicher, wir werden ein anders Wirtshaus in der Nähe finden, in dem wir feiern können – aber es wird eben nicht der Irlbacher sein und für mich daher auch keine richtige Wirtshaus-Heimat in Papas Heimat mehr geben.

Das Gasthaus Irlbacher schließt am 26. Dezember 2017 (2. Weihnachtsfeiertag) für immer.

Die Metzgerei Irlbacher in Penting (Neunburg vorm Wald) bleibt weiterhin bestehen. Bestellungen einiger Schmankerl (wie etwa dem fruchtig-milden Pentinger Obstgarten) sind auch online im sog. Spezialitätenversand möglich!

Mehr über die oberpfälzische Heimat meines Vaters:

CdAS-Spenden-Initiative für Hochwasseropfer aus Simbach

1 Aug

Wir können zwar nicht die Welt retten. Aber angesichts der unbegreiflichen Anschläge der vergangenen Tage können wir einfach bei uns anfangen, dass diese Welt wieder ein klein wenig menschlicher wird.

Mir ist bewusst, dass inzwischen andere Ereignisse die schrecklichen Bilder des Hochwassers in Niederbayern aus unserer medial gesteuerten Welt verdrängt haben. Doch die Menschen, die in Simbach und Umgebung ihr Hab und Gut – und noch schlimmer, zum Teil ihre Lieben verloren haben, für die ist das Leben nach dem Hochwasser noch immer grausame Realität: Die Wohnungen und Häuser noch immer unbewohnbar, unersetzbare Erinnerungen wie Fotos von Verstorbenen für immer verloren.

Vater von Kommilitonin im Hochwasser gestorben

Und weil wir eben nicht die Welt retten können, bitte ich meine Leser nur um einen kleinen Beitrag.
Es ist zwar nur EIN Schicksal, einer einzigen Familie, das mich in den vergangenen Wochen besonders bewegt hat – es handelt sich um die Familie einer ehem. Kommilitonin und Mit(alt)stipendiatin, über deren Schicksal ich bereits hier geschrieben habe. Aber in diesen Tagen wird mir bewusst, dass wir nicht darauf warten können, dass sich „die Gesellschaft“ ändert, sondern wir müssen bei uns selbst anfangen. In mein Poesiealbum hat meine Grundschullehrerin einen Spruch geschrieben, dessen Bedeutung mir in diesen Tagen immer öfter bewusst wird:
„Der Friede der Welt muss in unserem Herzen den Ursprung nehmen.“

Machen wir doch gemeinsam einen ersten Schritt, warten wir nicht darauf, dass „die Gesellschaft“ sich ändert, sondern beginnen wir in unserem Herzen und spenden für meine Bekannte, die ihren Vater im Hochwasser von Simbach verloren hat – bitte an folgendes Konto:

Kontoinhaber: CdAS Club der Altstipendiaten e.V.
Bank: HypoVereinsbank
Konto-Nr.: 0015 743 713, BLZ: 700 202 70
IBAN: DE60 7002 0270 0015 7437 13

Bitte als Betreff „Hochwasser Simbach“ nennen.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den CdAS (dem Club der Altstipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung), der meine Initiative unterstützt und das Konto eingerichtet hat. Die CdAS-Nothilfe wird zwar nicht die Welt retten können, aber dazu beitragen und uns zu erinnern, dass wir alle Menschen sind

Sodom und Gomorra in Niederbayern: Wo ich vor 10 Jahren Abi machte

4 Jul

Zwischen den Jahren trudelte in mein altes E-Mail-Postfach eine Einladung zum 10-jährigen Abitur-Treffen ein.

Meine erste Reaktion war PANIK. Denn nun komme ich offensichtlich in ein Alter, in dem man Jubiläen feiert. Jubiläen, das waren für mich bis dato die goldenen Zahlen auf Fresskö

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Das Portal zu meiner ehemaligen Schule in der Passauer Altstadt. (Foto: Winderl)

rben, die meine Großeltern zu Geburtstag erhalten haben. Aber nun prangt über meinem Leben bald eine dicke, fette, goldene 10!

Meine zweite Reaktion war: Wie viele meiner ehemaligen Mitschüler werden sich noch „in Ausbildung“ befinden, wie ich? Wie viele sind schon verheiratet? Wie viele haben vielleicht gar schon Kinder?

Von einem Pärchen weiß ich, dass es sich in meinem Abiturjahrgang gefunden hat – die beiden haben vor ein paar Jahren auch geheiratet. Anders als die Pärchen, deren unsterbliche Liebe die Verleihung des Reifezeugnisses im Juni 2006 kaum oder knapp überlebt hat… Eine hat bei ihrem “Lover” sogar eine Abiturprüfung ablegen können, aber dazu später.

Der Ex-Schulleiter wurde degradiert

Erst möchte ich erzählen, dass ich auch heute, knapp 10 Jahre nach meiner Zeit als Schülerin eines bayerischen Gymnasiums, oft schweißgebadet aufwache, wenn ich von der Schule träume. Regelrechte Albträume habe ich noch heute. Einige sagen, die Schulzeit sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen – für mich war es die Studienzeit. Erst dann begann mein Leben richtig. Alles andere vorher war nur ertragen. Ich bin froh, dass ich die Schulzeit überlebt habe. Und als ich mir überlegte, wer denn aller zu unserem Abi-Jubiläum kommen könnte, da merkte ich, dass diese Albträume vielleicht auch andere hätten, wenn sie an dieser Schule gewesen wären…

Mittlerweile hat mein altes Gymnasium einen neuen Schulleiter. Ob wohl der ehemalige Schulleiter zu unserem Treffen kommen wird?

Ach nein, der wurde ja seines Dienstgrades degradiert, weil er eine Referendarin sexuell belästigt haben soll.

Religionslehrer besaß Kinderpornos

Und auch der einstige Religionslehrer wird wohl kaum einer Einladung zu unserem Treffen nachkommen können – bei ihm hat die Polizei, einige Jahre nach meiner Schulzeit, Kinder-Pornos gefunden. Ich persönlich habe diesen Lehrer in der Schule nie so recht leiden können, er hat sich uns Kindern gegenüber zu kumpelhaft verhalten. Heute ist mir auch klar, warum… Aber während meiner Studienzeit habe ich ihn noch einige Male getroffen, denn ich habe Theologie studiert in dem Gebäude neben diesem „ehrwürdigen“ Gymnasium. Eigentlich waren die Gebäude sogar miteinander verbunden oder war es sogar ein Gebäude? Dennoch habe ich in meinen Studienjahren nur äußerst selten den Weg „rüber“ in meine alte Schule gefunden. Aber eben ab und an einen ehemaligen Lehrer auf seinem Schulweg und meinem Weg zur Uni getroffen. Und so kam ich auch einige Male mit dem Reli-Lehrer, der eigentlich ein perverser Straftäter war, ins Gespräch; und ich dachte mir, warum habe ich den früher nicht gemocht? Eigentlich war er doch ganz nett. Eigentlich. Aber nachdem ich von dem Polizei-Einsatz bei ihm gelesen habe, hatte ich wieder fast ein schlechtes Gewissen: Warum habe ich einen Sex-Täter sympathisch gefunden?

Aber der ewige Junggeselle war eben so herrlich kumpelhaft! Als junge Studentin fand ich das dann angemessen und eben nett. Peinlich, peinlich – der Straftäter hat für die Festschrift des 400-jährigen Bestehens der Schule einen Beitrag geliefert und sich u. a. so unsterblich in der Schulgeschichte verewigt.

Hier drückte schon ein Attentäter die Schulbank

Und nein, ich bin nicht in Sodom oder Gomorra ins Gymnasium gegangen. Aber „Täter“ haben schon früher diese Schule besucht. Ein Attentäter drückte einige Jahrzehnte vor mir dort die Schulbank: Anton Graf von Arco-Valley, er hat am 21. Februar 1919 den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner ermordet.

Die Ironie des Schicksals oder der Geschichte will es, dass mich mit ihm zwei Dinge bis heute verbinden:

Zum einen ist sein ehemaliger Hauslehrer der Vater meines ehemaligen Musiklehrers. Mit dem Neffen des Lehrers, den ich sehr gemocht habe, habe ich Abi gemacht. Man möchte meinen, die Verbindungen des (Groß)vaters zum bayerischen Adel würde heute keine so große Rolle mehr spielen. Weit gefehlt! Denn die zweite Verbindung zum Attentäter, der meine ehemalige Schule besuchte, ist meine Diss. Ich promoviere über die Rezeption des Mordes an Kurt Eisner. Und zu dieser Diskursanalyse gehört auch die enge Verbindung zum ehemaligen Hauslehrer…

Ja, immerhin für mein Diss-Thema könnte ich meinem Gymnasium dankbar sein. In meinem Sozialkunde-Geschichte-Leistungskurs – ja, das hieß bei mir noch so und ich erhielt auch erst nach 13 Schuljahren mein Abitur, so alt bin ich schon – fragte ich nach, wer denn dieser Graf Arco sei, der Eisner ermordet habe. Und wie es so ist, wenn der Lehrer nicht weiter weiß:

Ich durfte am nächsten Tag ein Referat über den Attentäter halten. (Man stelle sich mal vor, nicht mal das hat mein Geschichtslehrer gewusst, dass Arco in diesem Gebäude die Schulbank gedrückt hat…) Für das Referat bekam ich 15 Punkte und die Erkenntnis, dass über den Grafen, der ein Attentäter war, quasi nur ein Buch existierte. Darin erinnerte ich mich Jahre später uns schwups hatte ich ein Thema für meine Doktorarbeit. Auch in der Festschrift hat man diesen prominenten Schüler (bewusst?) unter den Tisch fallen lassen – ok, da sind nur die ab Abiturjahrgang 1961 aufgelistet…

Mit meinem Doktor der Geschichte wäre ich dann zumindest qualifiziert, dem Elternbeirat meines ehemaligen Gymnasiums anzugehören. Denn ohne zumindest einem Doktortitel war man in dieser Elite-Ausbildungsstätte nur ein Elternvertreter zweiter Klasse… Am besten war man schon in mindestens zweiter Generation Schüler dieser Anstalt – und dein Großvater hat adelige Attentäter unterrichtet.

„Legenden sterben jung“ – die Lieblingslehrer auch

Aber es war nicht alles schlecht, was ich mit meiner Schulzeit verbinde… Doch ganz nach dem Motto, „Legenden sterben jung“, muss ich feststellen, dass einige meiner Lieblingslehrer schon verstorben sind:

Da war zum Beispiel der Musiklehrer, der mich mit seinem Lockenkopf und seinem tiefen Bass trotz fehlender Körpergröße immer etwas an Johann Sebastian Bach erinnerte. Ist ja auch irgendwie passend für einen Musiker oder? Immer wenn ich das Weihnachtslied „The little drummer boy“ höre, sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge, wie er auf dem schwarzen, schon etwas abgenutzten Flügel im kleinen Musiksaal im Erdgeschoss des ehrwürdigen Altbaus dieses Weihnachtslied mit uns anstimmte. Seine Bassstimme hat uns Unterstufen-Schüler dabei gewaltig übertönt.

Das Schulgebäude war so alt, dass wir nicht einmal eine Sprechanlage für Durchsagen hatten. Ob wir hitzefrei hatten oder andere wichtige Informationen des Direktorats erreichten uns daher über Rundschreiben, die der Hausmeister in jedes Klassenzimmer brachte. Und das machte er so: Er klopfte kräftig gegen die alte Holztür; so stark und unverwechselbar, dass wir schon am Klopfen erkannten, dass er den Raum beteten wird und das immer mit einem ebenfalls unverwechselbaren, langgezogenen „Mooooooooorgen!“ Egal zu welcher Uhrzeit, auch wenn es schon 12 Uhr mittags war und bereits die sechste Schulstunde angebrochen war. Das gefiel uns Schülern natürlich so gut, dass wir ihm oft schon vor seinem Gruß, unmittelbar nach seinem Klopfen, „Mooooooorgen“ entgegenbrüllten.

Auch dieser äußerst kräftige Mann ist schon vor einigen Jahren gestorben – er war im Übrigen der Einzige, den ich während des Studiums nebenan besucht habe. Ich hab mir dann auch eine Würstel-Semmel bei seiner Ehefrau gekauft, die den Pause-Verkauf betrieb. Heute hat sie ein Restaurant, über das ich hier geschrieben habe.

Ein anderer Kult-Lehrer, auch nicht von allzu großer körperlicher Größe, aber groß im Geiste, war ein Mathe- und Physiklehrer, der immer mit einem Moped in die Schule fuhr. Und das bei jeder Witterung! Mich erinnerte er daher an Ottfried Fischer, der in “Irgendwie und sowieso” als „Sir Quickly“ auf einer Schwalbe fuhr..

Der „Sir“ schaffte es sogar, dass ich bei ihm eine Zwei in Physik hatte, weil er das mit dem Strom, den Leitern und dem Widerstand so gut erklärt hat. Wer weiß, vielleicht wäre ich gar nicht so unbegabt in Naturwissenschaften gewesen, wenn ich den „Sir“ öfter im Unterricht gehabt hätte. Aber schon damals lag mein Interesse eindeutig mehr in der geisteswissenschaftlicher Richtung.

Abiprüfung beim Lover 

Ich wählte als zweites Leistungskursfach Deutsch und daher bekam ich die heiße Affäre zwischen dem Grundkurslehrer und seiner Schülerin nicht mit. Im Nachhinein wurde natürlich behauptet, dass sie erst nach dem Abi die Liebe füreinander entdeckt hätten – just an der Abifeier soll das gewesen sein. Was für ein Zufall!

Sie wohnten dann sogar eine Zeit lang zusammen. Und das Internet, das ja nichts vergisst, zeugt davon, dass sie sich auch einen Hund aus dem Tierheim nehmen wollten. Ich danke der Tierheimleitung, dass zumindest sie diese zweifelhafte Verbindung bestraft hat, indem sie ihnen den Hund nicht vermittelt hat! Außer einer sehr guten Note im Grundkurs-Abi hatte diese Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin keine Folgen… Und nein, ich bin nicht in Sodom und Gomorra auf’s Gymnasium gegangen, sondern in einem beschaulichen, bayerischen Städtchen!

Heute weiß ich auch, warum die Schülerin, die nicht gerade zu meinen Freundinnen gezählt hat, über meine Krankmeldungen so genau Bescheid wusste, über die wohl ausführlich im Lehrerzimmer diskutiert wurde.

Ich hatte nämlich das Glück, dass ich mit Pfeiffer’schem Drüsenfieber zu den Abiprüfungen antreten musste. Meine Oberstufenbetreuerin hat, statt mich zumindest mental zu unterstützen, gesagt, dass ich das Abi in meinem Zustand nicht schaffen könnte. Zum Glück habe ich nicht auf sie gehört und bin angetreten. Gott sei Dank, denn ich wüsste nicht, ob ich diesen Wahnsinn noch ein Jahr länger ausgehalten hätte!

Kaum zu glauben, dass meine Schulzeit mittlerweile schon 10 Jahre her ist. Ich erinnere mich noch heute, wie ich bei der Abiturfeier etwas beschwipst auf die Uhr schaute und um Mitternacht das Datum verwechselte. Es war irgendein Juliabend, aber für mich war es der 4. Juli – mein ganz persönlicher Independence Day!
Die Ironie der Geschichte will es, dass dieser Blogpost just an einem 4. Juli erscheint – damit habe ich mir meine Horror-Schulzeit hoffentlich von der Seele geschrieben!