CdAS-Spenden-Initiative für Hochwasseropfer aus Simbach

1 Aug

Wir können zwar nicht die Welt retten. Aber angesichts der unbegreiflichen Anschläge der vergangenen Tage können wir einfach bei uns anfangen, dass diese Welt wieder ein klein wenig menschlicher wird.

Mir ist bewusst, dass inzwischen andere Ereignisse die schrecklichen Bilder des Hochwassers in Niederbayern aus unserer medial gesteuerten Welt verdrängt haben. Doch die Menschen, die in Simbach und Umgebung ihr Hab und Gut – und noch schlimmer, zum Teil ihre Lieben verloren haben, für die ist das Leben nach dem Hochwasser noch immer grausame Realität: Die Wohnungen und Häuser noch immer unbewohnbar, unersetzbare Erinnerungen wie Fotos von Verstorbenen für immer verloren.

Vater von Kommilitonin im Hochwasser gestorben

Und weil wir eben nicht die Welt retten können, bitte ich meine Leser nur um einen kleinen Beitrag.
Es ist zwar nur EIN Schicksal, einer einzigen Familie, das mich in den vergangenen Wochen besonders bewegt hat – es handelt sich um die Familie einer ehem. Kommilitonin und Mit(alt)stipendiatin, über deren Schicksal ich bereits hier geschrieben habe. Aber in diesen Tagen wird mir bewusst, dass wir nicht darauf warten können, dass sich „die Gesellschaft“ ändert, sondern wir müssen bei uns selbst anfangen. In mein Poesiealbum hat meine Grundschullehrerin einen Spruch geschrieben, dessen Bedeutung mir in diesen Tagen immer öfter bewusst wird:
„Der Friede der Welt muss in unserem Herzen den Ursprung nehmen.“

Machen wir doch gemeinsam einen ersten Schritt, warten wir nicht darauf, dass „die Gesellschaft“ sich ändert, sondern beginnen wir in unserem Herzen und spenden für meine Bekannte, die ihren Vater im Hochwasser von Simbach verloren hat – bitte an folgendes Konto:

Kontoinhaber: CdAS Club der Altstipendiaten e.V.
Bank: HypoVereinsbank
Konto-Nr.: 0015 743 713, BLZ: 700 202 70
IBAN: DE60 7002 0270 0015 7437 13

Bitte als Betreff „Hochwasser Simbach“ nennen.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den CdAS (dem Club der Altstipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung), der meine Initiative unterstützt und das Konto eingerichtet hat. Die CdAS-Nothilfe wird zwar nicht die Welt retten können, aber dazu beitragen und uns zu erinnern, dass wir alle Menschen sind

Sodom und Gomorra in Niederbayern: Wo ich vor 10 Jahren Abi machte

4 Jul

Zwischen den Jahren trudelte in mein altes E-Mail-Postfach eine Einladung zum 10-jährigen Abitur-Treffen ein.

Meine erste Reaktion war PANIK. Denn nun komme ich offensichtlich in ein Alter, in dem man Jubiläen feiert. Jubiläen, das waren für mich bis dato die goldenen Zahlen auf Fresskörben, die meine Großeltern zu Geburtstag erhalten haben. Aber nun prangt über meinem Leben bald eine dicke, fette, goldene 10!

Meine zweite Reaktion war: Wie viele meiner ehemaligen Mitschüler werden sich noch „in Ausbildung“ befinden, wie ich? Wie viele sind schon verheiratet? Wie viele haben vielleicht gar schon Kinder?

Von einem Pärchen weiß ich, dass es sich in meinem Abiturjahrgang gefunden hat – die beiden haben vor ein paar Jahren auch geheiratet. Anders als die Pärchen, deren unsterbliche Liebe die Verleihung des Reifezeugnisses im Juni 2006 kaum oder knapp überlebt hat… Eine hat bei ihrem “Lover” sogar eine Abiturprüfung ablegen können, aber dazu später.

Der Ex-Schulleiter wurde degradiert

Erst möchte ich erzählen, dass ich auch heute, knapp 10 Jahre nach meiner Zeit als Schülerin eines bayerischen Gymnasiums, oft schweißgebadet aufwache, wenn ich von der Schule träume. Regelrechte Albträume habe ich noch heute. Einige sagen, die Schulzeit sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen – für mich war es die Studienzeit. Erst dann begann mein Leben richtig. Alles andere vorher war nur ertragen. Ich bin froh, dass ich die Schulzeit überlebt habe. Und als ich mir überlegte, wer denn aller zu unserem Abi-Jubiläum kommen könnte, da merkte ich, dass diese Albträume vielleicht auch andere hätten, wenn sie an dieser Schule gewesen wären…

Mittlerweile hat mein altes Gymnasium einen neuen Schulleiter. Ob wohl der ehemalige Schulleiter zu unserem Treffen kommen wird?

Ach nein, der wurde ja seines Dienstgrades degradiert, weil er eine Referendarin sexuell belästigt haben soll.

Religionslehrer besaß Kinderpornos

Und auch der einstige Religionslehrer wird wohl kaum einer Einladung zu unserem Treffen nachkommen können – bei ihm hat die Polizei, einige Jahre nach meiner Schulzeit, Kinder-Pornos gefunden. Ich persönlich habe diesen Lehrer in der Schule nie so recht leiden können, er hat sich uns Kindern gegenüber zu kumpelhaft verhalten. Heute ist mir auch klar, warum… Aber während meiner Studienzeit habe ich ihn noch einige Male getroffen, denn ich habe Theologie studiert in dem Gebäude neben diesem „ehrwürdigen“ Gymnasium. Eigentlich waren die Gebäude sogar miteinander verbunden oder war es sogar ein Gebäude? Dennoch habe ich in meinen Studienjahren nur äußerst selten den Weg „rüber“ in meine alte Schule gefunden. Aber eben ab und an einen ehemaligen Lehrer auf seinem Schulweg und meinem Weg zur Uni getroffen. Und so kam ich auch einige Male mit dem Reli-Lehrer, der eigentlich ein perverser Straftäter war, ins Gespräch; und ich dachte mir, warum habe ich den früher nicht gemocht? Eigentlich war er doch ganz nett. Eigentlich. Aber nachdem ich von dem Polizei-Einsatz bei ihm gelesen habe, hatte ich wieder fast ein schlechtes Gewissen: Warum habe ich einen Sex-Täter sympathisch gefunden?

Aber der ewige Junggeselle war eben so herrlich kumpelhaft! Als junge Studentin fand ich das dann angemessen und eben nett. Peinlich, peinlich – der Straftäter hat für die Festschrift des 400-jährigen Bestehens der Schule einen Beitrag geliefert und sich u. a. so unsterblich in der Schulgeschichte verewigt.

Hier drückte schon ein Attentäter die Schulbank

Und nein, ich bin nicht in Sodom oder Gomorra ins Gymnasium gegangen. Aber „Täter“ haben schon früher diese Schule besucht. Ein Attentäter drückte einige Jahrzehnte vor mir dort die Schulbank: Anton Graf von Arco-Valley, er hat am 21. Februar 1919 den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner ermordet.

Die Ironie des Schicksals oder der Geschichte will es, dass mich mit ihm zwei Dinge bis heute verbinden:

Zum einen ist sein ehemaliger Hauslehrer der Vater meines ehemaligen Musiklehrers. Mit dem Neffen des Lehrers, den ich sehr gemocht habe, habe ich Abi gemacht. Man möchte meinen, die Verbindungen des (Groß)vaters zum bayerischen Adel würde heute keine so große Rolle mehr spielen. Weit gefehlt! Denn die zweite Verbindung zum Attentäter, der meine ehemalige Schule besuchte, ist meine Diss. Ich promoviere über die Rezeption des Mordes an Kurt Eisner. Und zu dieser Diskursanalyse gehört auch die enge Verbindung zum ehemaligen Hauslehrer…

Ja, immerhin für mein Diss-Thema könnte ich meinem Gymnasium dankbar sein. In meinem Sozialkunde-Geschichte-Leistungskurs – ja, das hieß bei mir noch so und ich erhielt auch erst nach 13 Schuljahren mein Abitur, so alt bin ich schon – fragte ich nach, wer denn dieser Graf Arco sei, der Eisner ermordet habe. Und wie es so ist, wenn der Lehrer nicht weiter weiß:

Ich durfte am nächsten Tag ein Referat über den Attentäter halten. (Man stelle sich mal vor, nicht mal das hat mein Geschichtslehrer gewusst, dass Arco in diesem Gebäude die Schulbank gedrückt hat…) Für das Referat bekam ich 15 Punkte und die Erkenntnis, dass über den Grafen, der ein Attentäter war, quasi nur ein Buch existierte. Darin erinnerte ich mich Jahre später uns schwups hatte ich ein Thema für meine Doktorarbeit. Auch in der Festschrift hat man diesen prominenten Schüler (bewusst?) unter den Tisch fallen lassen – ok, da sind nur die ab Abiturjahrgang 1961 aufgelistet…

Mit meinem Doktor der Geschichte wäre ich dann zumindest qualifiziert, dem Elternbeirat meines ehemaligen Gymnasiums anzugehören. Denn ohne zumindest einem Doktortitel war man in dieser Elite-Ausbildungsstätte nur ein Elternvertreter zweiter Klasse… Am besten war man schon in mindestens zweiter Generation Schüler dieser Anstalt – und dein Großvater hat adelige Attentäter unterrichtet.

„Legenden sterben jung“ – die Lieblingslehrer auch

Aber es war nicht alles schlecht, was ich mit meiner Schulzeit verbinde… Doch ganz nach dem Motto, „Legenden sterben jung“, muss ich feststellen, dass einige meiner Lieblingslehrer schon verstorben sind:

Da war zum Beispiel der Musiklehrer, der mich mit seinem Lockenkopf und seinem tiefen Bass trotz fehlender Körpergröße immer etwas an Johann Sebastian Bach erinnerte. Ist ja auch irgendwie passend für einen Musiker oder? Immer wenn ich das Weihnachtslied „The little drummer boy“ höre, sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge, wie er auf dem schwarzen, schon etwas abgenutzten Flügel im kleinen Musiksaal im Erdgeschoss des ehrwürdigen Altbaus dieses Weihnachtslied mit uns anstimmte. Seine Bassstimme hat uns Unterstufen-Schüler dabei gewaltig übertönt.

Das Schulgebäude war so alt, dass wir nicht einmal eine Sprechanlage für Durchsagen hatten. Ob wir hitzefrei hatten oder andere wichtige Informationen des Direktorats erreichten uns daher über Rundschreiben, die der Hausmeister in jedes Klassenzimmer brachte. Und das machte er so: Er klopfte kräftig gegen die alte Holztür; so stark und unverwechselbar, dass wir schon am Klopfen erkannten, dass er den Raum beteten wird und das immer mit einem ebenfalls unverwechselbaren, langgezogenen „Mooooooooorgen!“ Egal zu welcher Uhrzeit, auch wenn es schon 12 Uhr mittags war und bereits die sechste Schulstunde angebrochen war. Das gefiel uns Schülern natürlich so gut, dass wir ihm oft schon vor seinem Gruß, unmittelbar nach seinem Klopfen, „Mooooooorgen“ entgegenbrüllten.

Auch dieser äußerst kräftige Mann ist schon vor einigen Jahren gestorben – er war im Übrigen der Einzige, den ich während des Studiums nebenan besucht habe. Ich hab mir dann auch eine Würstel-Semmel bei seiner Ehefrau gekauft, die den Pause-Verkauf betrieb. Heute hat sie ein Restaurant, über das ich hier geschrieben habe.

Ein anderer Kult-Lehrer, auch nicht von allzu großer körperlicher Größe, aber groß im Geiste, war ein Mathe- und Physiklehrer, der immer mit einem Moped in die Schule fuhr. Und das bei jeder Witterung! Mich erinnerte er daher an Ottfried Fischer, der in “Irgendwie und sowieso” als „Sir Quickly“ auf einer Schwalbe fuhr..

Der „Sir“ schaffte es sogar, dass ich bei ihm eine Zwei in Physik hatte, weil er das mit dem Strom, den Leitern und dem Widerstand so gut erklärt hat. Wer weiß, vielleicht wäre ich gar nicht so unbegabt in Naturwissenschaften gewesen, wenn ich den „Sir“ öfter im Unterricht gehabt hätte. Aber schon damals lag mein Interesse eindeutig mehr in der geisteswissenschaftlicher Richtung.

Abiprüfung beim Lover 

Ich wählte als zweites Leistungskursfach Deutsch und daher bekam ich die heiße Affäre zwischen dem Grundkurslehrer und seiner Schülerin nicht mit. Im Nachhinein wurde natürlich behauptet, dass sie erst nach dem Abi die Liebe füreinander entdeckt hätten – just an der Abifeier soll das gewesen sein. Was für ein Zufall!

Sie wohnten dann sogar eine Zeit lang zusammen. Und das Internet, das ja nichts vergisst, zeugt davon, dass sie sich auch einen Hund aus dem Tierheim nehmen wollten. Ich danke der Tierheimleitung, dass zumindest sie diese zweifelhafte Verbindung bestraft hat, indem sie ihnen den Hund nicht vermittelt hat! Außer einer sehr guten Note im Grundkurs-Abi hatte diese Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin keine Folgen… Und nein, ich bin nicht in Sodom und Gomorra auf’s Gymnasium gegangen, sondern in einem beschaulichen, bayerischen Städtchen!

Heute weiß ich auch, warum die Schülerin, die nicht gerade zu meinen Freundinnen gezählt hat, über meine Krankmeldungen so genau Bescheid wusste, über die wohl ausführlich im Lehrerzimmer diskutiert wurde.

Ich hatte nämlich das Glück, dass ich mit Pfeiffer’schem Drüsenfieber zu den Abiprüfungen antreten musste. Meine Oberstufenbetreuerin hat, statt mich zumindest mental zu unterstützen, gesagt, dass ich das Abi in meinem Zustand nicht schaffen könnte. Zum Glück habe ich nicht auf sie gehört und bin angetreten. Gott sei Dank, denn ich wüsste nicht, ob ich diesen Wahnsinn noch ein Jahr länger ausgehalten hätte!

Kaum zu glauben, dass meine Schulzeit mittlerweile schon 10 Jahre her ist. Ich erinnere mich noch heute, wie ich bei der Abiturfeier etwas beschwipst auf die Uhr schaute und um Mitternacht das Datum verwechselte. Es war irgendein Juliabend, aber für mich war es der 4. Juli – mein ganz persönlicher Independence Day!
Die Ironie der Geschichte will es, dass dieser Blogpost just an einem 4. Juli erscheint – damit habe ich mir meine Horror-Schulzeit hoffentlich von der Seele geschrieben!

 

Snapchat-Interview mit dem König von Deutschland: Kai Diekmann

21 Jun

Die BILD-Zeitung snapchatet vorbildlich. Das war Anlass für uns, Giulia und mich, den Herausgeber der BILD, Kai Diekmann, ein paar Fragen mit Hilfe dieser App zu stellen.

Wie sich herausstellte, ist Diekmann selbst kein begeisterter Snapchater – er wollte von uns wissen, ob wir nicht selbst etwas zu alt für diese App wären. Tja, der Mann kennt sich aus! Denn wir liegen beide über dem Durchschnittsalter des typischen Snapchat-Users. Das nötige „Feeling“ für die neuesten Entwicklungen der Medienbranche hat Diekmann im Silicon Valley entwickelt.

Wer Snapchat noch nicht kennt – dort kann man sich bspw. lustige Gesichtsfilter aufsetzen und einen sog. Snap absetzen, der nur für 24 Stunden auf der App zu sehen ist. (Hier habe ich darüber schon etwas ausführlicher gebloggt.)

Meine Kollegin Giulia liebt den Hundefilter, aber ob Kai Diekmann wirklich auf Doggy-Style abfährt? Ihr könnt es nachsehen, denn natürlich haben wir das Snapchat-Interview mit einem der führenden Herausgeber Deutschlands nicht einfach nach 24 Stunden in den unendlichen Weiten des World Wide Webs begraben, sondern für euch ein kleines Video angefertigt:

Gelegenheit für das kurze Interview hatten wir im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu Qualität in den Medien an der Universität der Bundeswehr München.

Qualität und BILD – wie das zusammen passe, wurde ich via Twitter gefragt. Diekmann stellt dazu in Neubiberg klar, dass die BILD keinen volkspädagogischen Auftrag haben. Den besitzen wir Blogger auch nicht und haben uns deswegen für dieses witzige Interview-Format entschieden und all unsere Fragen mit einem großen Augenzwinkern gestellt.  Wie man sich als König von Deutschland fühlt, wollte ich wissen. Schließlich schreibt die BILD was Deutschland denkt – oder umgekehrt. Der Herausgeber der BILD ist also irgendwie der König von Deutschland und bei uns mit dem passenden Filter zu sehen.

Und wie sich an diesem Vortragsabend herausstellte, war der Veranstaltungsort extrem passend gewählt: Schließlich brachte die Bundeswehr Kai Diekmann in die Medien.

Ein Medien-Mann, der polarisiert, aber durchwegs sympathisch mit uns Nachwuchsjournalistinnen umgegangen ist und das unter Zeitdruck; schließlich spielte an diesem Abend die deutsche Nationalelf.

Hochwasser-Katastrophe in Niederbayern: Bitte lasst die Hinterbliebenen in Ruhe

3 Jun
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Die Facebook-Funktion „an diesem Tag“ erinnert nicht nur an schöne Ereignisse. Zur Zeit zum Beispiel an meine Erinnerungen an das Hochwasser in Passau von 2013 (Fotoquelle: Screenshot).

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist her, dass ich mich in diesem Blogpost über das Verhalten mancher Social-Media-Nutzer in der Hochwasser-Katastrophe (in Passau) aufgeregt habe. Horrormeldungen wurden verbreitet. Fluch und Segen der sozialen Netzwerke: Koordiniert wurde, hauptsächlich über Facebook, auch zum Beispiel das vorbildliche Hilfs-Projekt „Passau räumt auf“.
Exakt drei Jahre danach hat das Hochwasser meine Heimat Niederbayern wieder heimgesucht – nicht direkt meine Heimatstadt Passau, aber die benachbarten Landkreise Rottal-Inn und Passau sind dieses Mal betroffen. Facebook erinnert gerade viele Nutzer aus meiner Heimatregion daran: „Es ist schön, Erinnerungen wach zu halten. Wir könnten uns vorstellen, dass du gern an diesen Beitrag von vor 3 Jahren zurückdenkst.“

Vater via Facebook gesucht

Fluch und Segen: Ich erinnere mich, ich saß am Mittwoch in der Bibliothek in München als mich die Meldungen und vor allem Bilder der schlammigen Massen über soziale Medien erreichten, wie sie sich durch Simbach am Inn, Tann etc. wälzten.
„Lebt ihr noch?“, schrieb ich in die familieneigene whatsapp-Gruppe. Angesichts der Horrorszenarien, wie sie die Medien wieder propagierten, hatte ich Angst bekommen.
Vielleicht erging es meiner ehemaligen Studienkollegin ähnlich, nur hat sie das Pech, dass ihr Elternhaus direkt im Zentrum der Katastrophe, in Simbach am Inn steht. Wenig später erreichte mich in meiner Timeline der verzweifelte Aufruf, den ihr Bruder verfasst hat:

„Hochwasser Simbach am Inn.

Unser Vater Walter (…) wird vermisst. Zuletzt gesehen (…)Straße.

Informationen an: (Handynummern der Geschwister)

Bitte teilen!!!“

Natürlich habe ich sofort auf teilen geklickt. 8 400 Personen haben das ebenfalls getan. Und da ich auf Twitter bin, habe ich einen Screenshot auch dort verbreitet – über 200 Retweets waren es hier.
Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt tun sollte. Denn bekanntlich sind die sozialen Netzwerke „Fluch und Segen“… Man könnte sich nun ausrechnen, wie viele Menschen, darunter auch Medienvertreter, die Handynummern und die Adresse eines potentiellen Flutopfers hatten.

Screenshot des Suchaufrufs in der BILD

Gestern Abend hatten die Angehörigen dann traurige Gewissheit – nach Stunden des Hoffens und Bangens, unvorstellbar quälender Ungewissheit: Der Vater hat es nicht mehr raus aus dem Keller geschafft. Er ist das sechste Opfer der Hochwasser-Katastrophe von 2016. Zu diesem Zeitpunkt werden jedoch noch Personen vermisst.
Als wäre das alles für die Familie noch nicht genug! Den „verzweifelten“ Suchaufruf der Geschwister hat die BILD heute als Screenshot veröffentlicht – mit den Handynummern und der Adresse. Da wurde nichts geschwärzt. Auch die Kommentare der Facebook-Freunde des Sohnes sind zu lesen. Mit Namen versteht sich.
Gleich wäre man wieder da mit dem Urteil: BILD halt. Aber selbst in den Öffentlich-Rechtlichen ist man nicht pietätvoller. Dort verkündete eine Rettungskraft heute im Morgenmagazin vollmundig: „Den (Familiennamen) hat man da hinten rausgezogen.“ Sorry, liebes Moma-Magazin, aber muss man den O-Ton, in dem der Name eines Hochwasser-Opfers genannt wird, wirklich senden?
Handynummer kann man wechseln, aber die Erinnerungen bleiben. Auch Facebook wird sie zum Jahrestag der Familientragödie an diesen Beitrag erinnern. (Hier wird beschrieben, wie man die Funktion „An diesem Tag“ ausschalten kann.)

Der Familie habe ich bereits persönlich mein Beileid ausgesprochen. Sie brauchen jetzt Hilfe*. Auch wenn das im Moment vielleicht hinten ansteht, aber es geht dabei auch um finanzielle Unterstützung der Opfer und Hinterbliebenen. Hier sind die sozialen Netzwerke wieder Fluch und Segen: Wie nah sollen die Medien das Schicksal der Hochwasseropfer beleuchten (und über die sozialen Netzwerke verbreiten), damit der Spendenrubel rollt?

Wir entscheiden über die Art der Berichterstattung

Wir alle können mit unserem persönlichen Medienkonsum und insbesondere Klick-Verhalten über das WIE der Berichterstattung entscheiden. Ich persönlich würde mir mehr Fingerspitzengefühl wünschen. Oder nennen wir es ethisches, pietätvolles Verhalten. Die Berichterstattung auf Basis eines Screenshots des Hilfeaufrufs der Geschwister mit den persönlichen Daten halte ich für verwerflich – es ist für mich ein trauriges Beispiel wie Journalismus nicht funktionieren sollte!

Anmerkung: Aufgrund des Tenors meines Blogposts bitte ich um Verständnis, dass ich auf einen Screenshot des Hilfeaufrufs verzichtet habe. Ich habe schon daran zu knapperen, dass ich selbst die Daten verbreitet habe, in der Hoffnung, dass alles gut wird… Derweil lag der Vater vermutlich bereits tot im Keller.

* So können Sie helfen:
Spendenaktion der PNP für Hochwasser-Opfer
Spendenkonto des Landkreis Rottal-Inn –> Helfer können im Übrigen gratis mit der Südostbayernbahn anreisen

Aus dem Leben einer Doktorandin: Warum das mit der Doktorarbeit wirklich so „schwer“ ist – der Kampf mit den Großformaten

1 Jun

Ok, niemand hat gesagt, dass eine Promotion einfach werden würde – aber dass es gleich so schwer sein würde eine Doktorarbeit zu schreiben und zwar im Sinne körperlich schwerer Arbeit, das hätte ich nicht gedacht.
Ich meine: Ganz ehrlich – was hat man für Vorurteile gegenüber Doktoranden? Dass sie mit einer fetten Lesebrille auf der Nase lieber auf der heimischen Couch rumlümmeln als in Muckibuden zu gehen. Und genau so einer bin ich! (Nur dass ich (noch) nicht weit-, sondern kurzsichtig bin). Aber sobald ihr in einer Bibliothek ein Buch bestellt, das großformatig ist – wie das eben bei Zeitungsbänden der Fall ist, wird’s sportlich. Also etwas trainiert solltet ihr schon sein, sonst ergeht es euch wie mir heute:
In der Stabi in München findet ihr ein Großformat nämlich nicht mehr in der normalen Ablage für die Lesesaal-Bestellungen, sondern in der Abteilung für Sonderformat. Diese Info wird dir auf einem gelben Zettel mitgeteilt, der sich in der normalen Ablagesektion für deine Ausweisnummer findet. Hey, wir sind in Deutschland! Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Und wann immer ich mir denke, hm – habe ich nicht eigentlich mehr Bücher bestellt? Dann wühle ich in der kleinen Kiste im Ablagefach, das an eine Zigarrenkiste erinnert. Und dann hab ich große Freude – im wahrsten Sinne des Wortes…

Mittwoch, 1. Juni. Juni ist ja eigentlich ein Sommermonat, aber an diesem Tag hat sich der Himmel zugezogen und Petrus weiß nicht so recht, ob er es schwül oder kalt werden lassen soll. Also habe ich mich für einen dicken Strickmantel entschieden, den ich jedoch nicht im Schließfach gelassen, sondern in den Lesesaal mitgenommen habe. Noch habe ich ihn an. Noch. Denn jetzt bewege ich mich in Richtung der Großformate. Fach 62 – da liegt mein Packen an gebundenen Zeitungen. Natürlich habe ich nicht daran gedacht, die Sackkarre oder wie auch immer ich dieses Gefährt bezeichnen soll, mit nach hinten zu den Großformaten zu nehmen. Nochmal vorlaufen zum Schalter? Ne, das kostet nur wertvolle Arbeitszeit. Schließlich bin ich doch in die Bib gegangen, um konzentriert arbeiten zu können. Kein Facebook, keine Arbeit am Blog, keine Mails. Nur ich und die Wissenschaft – und eben mein Kampf mit den Großformaten!
Also fasse ich mir ein Herz und packe alle Zeitungsbände auf einmal – und oben drauf die gelben Zettel aus der Zigarrenkiste. Puuuh… eigentlich hab ich mich überschätzt, aber jetzt auf halbem Weg zum Schalter wieder zurück? Näää! Der erste gelbe Zettel flattert vom Stapel – keine Zeit und keine Kraft ihn aufzuheben. Das wäre mit der Beladung ja fast wie Kniebeugen. Bin ich Hochleistungssportlerin oder Doktorandin der Geschichte? Ich gehöre eindeutig lieber zu der Fraktion mit den Hornbrillen!

Endlich bin ich am Verbuchungsschalter angekommen. Ich muss noch ergänzen, dass ich meine zweifelhaft elegante Plastiktasche aus dem China-Shop auch noch am Arm trage. Durchsichtig versteht sich! Denn nur mit durchsichtigen Tüten oder Taschen kommt man in den Lesesaal der Stabi. Ein Glück, sonst müsste ich meinen Laptop, das Ladekabel, den Transponder für den Doktorandenbereich im ersten Stock, Bleistifte und was man halt sonst noch alles braucht für das Überleben in der Bib, auch noch lose auf den Großformaten balancieren.
Die Bücher bzw. Zeitungsbände sind verbucht. Ob ich mir keinen Wagen nehmen will, fragt der freundliche Bib-Mitarbeiter in schönem bayerisch. Wenigstens muss ich nicht noch mein gekünsteltes Hochdeutsch auspacken, denk ich mir, denn die Schweißperlen stehen ohnehin schon auf meiner Stirn. „Eigentlich müsste ich damit in den Doktorandenbereich“, erkläre ich ihm. Denn die Stabi ist wieder mal auf den letzten Platz besetzt. Hat das Semester nicht gerade erst wieder angefangen? Ist denn schon wieder Prüfungszeit? Ihr müsst entschuldigen, aber als Promotionsstudent ist irgendwie jeder Tag gleich. Vom normalen Semesterablauf bekomme ich nichts mit.
Jedenfalls sind alle Plätze im Lesesaal besetzt – sogar diejenigen, die extra für Leute freigehalten sind, die mit Magazinbeständen arbeiten wollen. Also Leute wie ich, die wirklich um Bücher zu lesen, in die Bib gehen und nicht ihren Schönfelder mit lustigen Einmerkerl versehen. Ok, diese Gesetze wiegen auch ganz schön viel. Aber Herrschaft, der Platz ist eigentlich als Arbeitsplatz für Leute wie mich gedacht und jetzt habe ich den Salat.
Erst einmal schleppe ich alle Zeitungsbände wieder zurück. Ich will am Regal entscheiden, welches Jahrganges ich mich heute annehmen will. Dazu setze ich mich auf den Boden und wähle aus. Ok, die sollen es werden und noch ein bisschen was aus der normalen Ablage. Es ist ja nicht so, dass die Ablage und der Doktorandenbereich gleich ums Eck wären. Neeeein! Und da nehme ich lieber gleich mehr mit, dass mir auch ja der Lesestoff nicht ausgeht. Wie schon gesagt, wir sind ja in Deutschland.
Also belade ich mich mit meiner persönlichen Auswahl. Der gelbe Zettel, der noch übrig war, liegt wieder oben auf. Kaum gesagt und schon flattert er auch schon runter. Es hilft nichts. Es steht ja mein Name drauf. Wer weiß, vielleicht bekomme ich Hausverbot, wenn ich Zettel hier rumliegen lasse? Einer wär vielleicht noch gegangen, aber zwei?
Also runter in die Knie, schön weit runter und elegant mit einer Hand den Zettel vom grauen Teppichboden fischen. Puuh und weil das so gut geklappt hat, gleich noch den zweiten aufheben. Wieder zur „normalen“ Ablage. Auswahl getroffen und weiter geht’s mit noch mehr Büchern auf den Armen.
Ok, es hilft nichts, ich muss mir so einen braunen Transportwagen nehmen. Einer steht gerade da, der wartet also auf mich. Gekonnt platziere ich meine Auswahl auf der obersten Transportebene. Zwei weitere Ablageebenen hätte ich noch frei. Ob ich noch zurück soll und doch die anderen Jahrgänge drauflade? Nein, das wäre ja wieder vertane Arbeitszeit!

Jetzt muss ich nur noch rausfinden wo der Lift ist. Ich fange an, das Wägelchen zu bewegen. Es quietscht. Hm, eigentlich soll es ja in einer Bibliothek leise zugehen. Aber ich kann ja nichts dafür!
Vielleicht hat der Bibliotheksgott doch Erbarmen mit mir, wenn es schon im Moment Petrus nicht mit München hat und es ist irgendwo im unteren Lesesaal ein Platz frei? In diesem Moment merke ich, dass meine Strickjacke mit dem auffälligen schwarz-weiß Muster viel zu warm ist. Oder ist mir nur vom Schleppen so heiß geworden? Ich ziehe die Jacke jedenfalls aus. Leider ist weder in meiner Plastik-Handtasche Platz und auf den Wagen stopfen will ich sie auch nicht. Also, hänge ich sie lässig über meine stylische Bib-Handtasche und quietsche damit Richtung Lift. Natürlich ist der Weg dahin recht eng, mit dem Wendekreis des Transportwagens eines LKWs, das das Wägelchen aufweist, eigentlich kaum zu bewältigen. Aber hey, irgendwas muss so ein Geisteswissenschaftler ja auch können!
Knöpfchen gedrückt und schon ist er da, der Aufzug. Sesam öffne dich! Naja, ich wusste gar nicht, wie frequentiert das Teil ist, denn ich habe bisher meinen Astralkörper immer selbstständig die verschiedenen Ebenen des Lesesaales rauf und runter bewegt.
Aber da steht tatsächlich noch ein zweites Transportwägelchen drin. Mit seiner Lenkerin. „Geht das noch?“, frage ich und parke gekonnt das sperrige Holzteil ein. Ich will endlich was arbeiten! Mein Blick fällt auf die verschiedenen Knöpfe im Aufzug. Offensichtlich ist meine Mitfahrerin keine Leidensgenossin, sondern arbeitet hier. Denn die Knöpfe führen auch in Ebenen des Magazins. Eine Reihe Druckknöpfe sind offensichtlich nur für Mitarbeiter reserviert. Wo genau ich hin muss, weiß ich jedoch nicht.
„Wo muss ich denn drücken, wenn ich den Doktorandenlesesaal möchte“, frage ich sie beim Aussteigen. Mit dem Aufzug bin ich jetzt im Keller gelandet. Das wisse sie nicht, aber da sei ja eine Infotafel im Aufzug.
Alles klar, die hab ich natürlich noch gar nicht gesehen… (Ironie) So total übersichtlich mit den verschiedenen Ebenen. Ich drück einfach mal auf Verdacht Lesesaalebene 1. Doch der Aufzug hält und mich blökt ein grauhaariger Mann an, ich soll ihn reinlassen. Genug Platz ist ja im Aufzug, schließlich waren vorher ja zwei Wägelchen hier drin. Aber wer hat eigentlich gesagt, dass hier genügend Platz gewesen sein soll?
Der Mann steigt ein und steigt wieder aus. Mein Haltewunsch wurde offensichtlich ignoriert. Ich drück nochmals und nochmals hält der Lift – aber nicht an meiner gewünschten Ebene, sondern am Ausgangspunkt meiner lustigen Liftfahrt. Ich fange an zu schimpfen, draußen steht wieder ein älterer Mann, aber freundlicher als der erste und er sagt, ich solle erst meine Fahrt beenden. Erst dann würde er wieder drücken.

Und siehe da – Sesam öffne dich! Ich bin auf Ebene 1 des Lesesaals angelangt. Jetzt muss ich nur noch mit dem quietschenden Wägelchen von ganz vorne nach ganz hinten. Gott, ist mir das peinlich! Wie mich dich Leute anschauen, die hier brav studieren wollen. Und ich bin verschwitzt – einfach „fick und fertig“. Ich will nicht angegafft werden. Und das ist noch die laptopfreie Zone, also hier soll man besonders konzentriert arbeiten wollen.
Aber das ist ja nicht mein Problem! Blöde Stabi, denke ich mir! Die hätten mir ja auch einfach jemand mitschicken können, der die Bücher trägt. Oder den Wagen ölen. Oder sich etwas Innovativeres als diesen Wagen anschaffen… Oder… Wie ich so gedanklich wie ein Rohrspatz vor mich hinschimpfe, stehe ich auch schon vor dem Doktorandenbereich. Er ist mit Glasscheiben, mitten im normalen Lesesaal eingezäunt. Um reinzukommen brauche ich meinen Transponder. Und als ich in meiner Plastik-Tasche krame und da nochmal in der kleineren Tasche, die meine Wertsachen enthalten, quatscht mich eine Frau an. „Kann ich da rein“, fragt sie mich mit einem Buch in der Hand.
Sie muss mich offensichtlich für eine Mitarbeiterin halten. Wer fährt sonst auch mit einem Wagen Bücher durch eine Bibliothek? Die Dame ist schon etwas älter und ich erkläre ihr, dass sie hier nur mit einem Transponder reinkommt, sie brauche eine Berechtigung für diesen Bereich. Typisch deutsch eben.
Genervt erklärt sie mir: „Dann setze ich mich einfach auf den Boden und lese da!“ Wenn das mal erlaubt ist, denke ich mir und klicke mich endlich frei, um das Doktorandengehege betreten zu können.

Endlich produktiv an der Diss arbeiten denke ich mir und fange an, meinen Laptop, mein Ladekabel, meine Wasserflasche aus der Plastiktasche zu holen. Plötzlich fällt mir ein: Wo ist eigentlich meine Strickjacke? Die wird doch nicht im Aufzug…
Und ich packe alles wieder in meine Tasche zurück. Das Wägelchen lasse ich derweil eingeparkt im Doktorandenbereich. Der Schweiß läuft mir mittlerweile schon in die Augen. Aber es hat ja keiner gesagt, dass das mit der Doktorarbeit leicht werden würde. Nur warum bitte gleich so schwer?

Aus dem Archiv: Reisebericht über meine Lieblingsstadt WIEN

19 Mai

Heute habe ich für meine Leser in meinem persönlichen Archiv gekramt. Gefunden habe ich einen Reisebericht über meine Lieblingsstadt Wien. Erschienen ist der Artikel mit schönen Reisebildern in einem Studentenmagazin der Uni Passau. Wer den Text lieber bebildert im retro-Layout liest, scrollt einfach an das Ende des Posts.
Und wer nach der Lektüre noch nicht genug hat, der kann auf ISARSPARER weiterlesen – dort habe ich geschrieben, wie man Wien günstig erkunden kann.

Einfach „leiwand“:

Ein Wochenende in Wien

Nach nur drei Stunden im ICE kündigt der Schaffner in schönstem Wienerisch an: „In Kürze erreichen wir Wien Westbahnhof“. Er versucht zumindest hochdeutsch zu sprechen, seine Stimme klingt dabei nicht besonders freundlich, aber auch nicht besonders unfreundlich – wienerisch eben.

Entweder du wirst Wien und die Wiener von der ersten Sekunde an lieben. Oder nicht. Diese Stadt braucht keinen zweiten „ersten Eindruck“. In Wien ist die Vergangenheit so lebendig wie in keiner anderen Metropole. Doch drei Tage reichen aus, um eine womöglich lebenslange Sym- oder eben Antipathie zu entwickeln.

Viele sehnen sich hier nach ihrem Kaiser und nach der Zeit, in der Wien die k.u.k Hauptstadt eines Vielvölkerstaates war. Auch wenn das Verhältnis der Wiener zu anderen Nationalitäten damals wie heute durchaus durchwachsen ist.

Wien, das ist eben auch eine Stadt der Gegensätze.

Freitag:
Steffl und „einmal um die Ringstraße“ für die Psyche

Es ist Freitagabend und wie könntest du deinen Wienaufenthalt besser beginnen, als „das“ Wahrzeichen der Stadt zu besichtigen: Den Stephansdom. Dafür musst du vom Westbahnhof nur einige Stationen mit der U3 (Richtung Simmering) zum Stephansplatz fahren. Und schon stehst du vor ihm – dem „Steffl“.

Du fragst dich, ob es Zufall ist, dass der heilige Stephan auch der Patron der Passauer Domkirche ist? Sicher nicht! Denn in seiner Frühzeit reichte das „Donaubistum“ Passau über Wien bis Ungarn.

Aber nun wirf doch gleich einen Blick in den Innenraum, den Adolf Loos 1906 als den „schönsten und weihevollsten Kirchenraum der Welt“ bezeichnete. Die bunten Glasfenster wurden größtenteils im Zweiten Weltkrieg zerstört und ausgetauscht. So wirkt das Innere heute wohl etwas düsterer als zu Loos’ Zeiten. Licht fällt nur durch die Glasfenster des Seitenschiffs in den Kirchenraum. Beeindruckt von der gotischen Pracht wirst du den Dom wieder verlassen und hinaustreten in den Graben.

Vielleicht ist dir auch vorher schon der Geruch von Pferden in die Nase gestiegen. Um den Dom herum stehen nämlich Fiaker, die auf zahlungswillige Touristen warten, die Wien von der Pferdekutsche aus erkunden wollen. Aber du möchtest nicht ein verkitschtes, sondern das „echte“ Wien kennen lernen.

So geh doch jetzt
durch die Kärntner Straße Richtung Oper hinauf.
Über sie schrieb
 Jörg Mauthe in den 1950er Jahren, sie sei die „eleganteste und teure Geschäftsstraße schlechthin.“ Die Geschäfte werden schon geschlossen haben, aber das macht nichts. Denn wer die Kaufingerstraße in München oder den Ku’damm in Berlin kennt, der kennt auch die Kärntner Straße. Auch sie ist heute so eine zwar noch immer elegante, aber eben x-beliebige „H&M-Zara-Mango-Straße“.

An der Oper angelangt, wärst du noch vor ein paar Monaten am Besten in die „Anser“ oder „Zwarer“ (Straßenbahn Ring-Rundlinie 1 oder 2) gestiegen. Sie hätte dich einmal um den „Ring“ gefahren. Denn laufen wirst du in den nächsten Tagen noch genug.

„Einmal um die Ringstraße“, dieses Therapieprogramm soll schon Siegmund Freud seinen Patienten empfohlen haben. Doch heute musst du für die „urgeniale“ Ringtour extra zahlen: Seit Kurzem informiert eine „Touristen-Bim“ die Wien-Gäste über die Sehenswürdigkeiten entlang des Rings.

Denn bequem von der Straßenbahn aus siehst du auf das Strauß-Denkmal im Stadtpark, die Börse und das Rathaus. Dem gegenüber steht das berühmte Burgtheater, das mit einer „Burg“ im herkömmlichen Sinne herzlich wenig zu tun hat. Noch ein Stückchen weiter und du fährst am Parlament vorbei.

Schon das Quietschen der alten Straßenbahnen magst du als Musik empfinden. Doch an der Staatsoper darfst du dir musikalische Höhepunkte erwarten. Wien, das ist auch die Stadt der Musik – schau doch einfach mal, was am Spielplan steht! Deine Reisekasse wird das nicht schwer beuteln, denn Stehplätze gibt es schon ab zwei Euro. Eben dort gibt sich auch alljährlich die Haute-Volée ein Stelldichein beim berühmten Opernball. Fehlen darf dabei der Donauwalzer von Johann Strauß auf keinen Fall. Zur zweiten österreichischen Nationalhymne möchte der berühmte Musikkritiker Eduard Hanslick „an der schönen blauen Donau“ küren.

Vielleicht willst du aber deinen Abend auch weniger „klassisch“ gestalten. Dann auf zum Prater! Dort ist das ganze Jahr Wiesn. Das Riesenrad ist neben dem Steffl schließlich zweites Wahrzeichen der Stadt.

Samstag:
Wiener Schmankerl, bitte mit Bankomat!

Ausgiebig flaniert wird dann am nächsten Tag auf der Mariahilfer Straße. Mit der U3 fährst du am Besten bis zur Neubaugasse. Wenn dein Bargeld für die neusten modischen Errungenschaften nicht ausreichen sollte, kannst du natürlich auch bequem elektronisch zahlen. Nur sagen, dass du mit „Karte“ bezahlen möchtest, das kannst du nicht! Man wird dich nicht verstehen (wollen). Denn hier heißt es: „Bitte mit Bankomat“.

Wer einen etwas exklusiveren Geschmack hat, der wird am Kohlmarkt im 1. Bezirk und den dort ansässigen Designern fündig werden. Vom Graben hinauf zur ehemaligen Kaiserresidenz reihen sich Burberry, Louis Vuitton, Tiffany und Co aneinander. Ein weiteres Wahrzeichen Wiens lernst du so kennen: Die Hofburg, wo einst Sissi und Franz residierten.

Mit dem Platz davor, dem Heldenplatz, verbinden die Wiener jedoch we-niger schöne nostalgische Momente. Dort feierten sie 1938 Hitler und den Anschluss Österreichs emphatisch. Thomas Bernhard verarbeitet dieses traurige Kapitel österreichischer Geschichte in seinem gleichnamigen Drama.

Diese schwere Kost
 musst du jetzt erst mal
 verdauen. Wie wär’s mit
 einem „G’spritzten“?
 Den trinkst du aber am
 Besten nicht dort, wo
 die Touristenbusse parken, sondern dort wo
der „G’spritzte“ etwas
über einen Euro kostet.
 Das ist in den „hochzahligeren“ Bezirken,
 wie zum Beispiel in den
 Weinbergen von Grinzing 
der Fall.„Beisl“ heißen 
diese österreichischen
 Wirtshäuser. Und was
 solltest du dort unbedingt gegessen haben? 
Richtig, ein echtes Wiener Schnitzel!

Es heißt:
„Ein Wiener Schnitzel soll
 von jenem tiefen Goldgelb sein, das man vom Holz der Stradivari-Geige kennt.“ Selbstverständlich kommt es immer vom Kalb und niemals vom Schwein. So ein Schnitzel gibt es zum Beispiel beim Figlmüller, einen guten Tafelspitz bei Plachutta.

Sonntag:
Wien und den Wienern „Baba“ sagen

Gestärkt mit Wiener Schmankerl könntest du am nächsten Morgen zumindest eines der unzähligen Museen Wiens besuchen. Da wäre zum Beispiel das Museumsquartier in der Nähe der Mariahilfer Straße, das Kunst- oder Naturhistorische Museum oder du schaust in die Kaisergruft? Ja, richtig gelesen. Eine Gruft.

„Der Tod, das muss ein Wiener sein, genau wie die Lieb’ a Französin“, heißt es in einem Lied von Georg Kreisler. Die Stadt könnte man durchaus als etwas morbide bezeichnen. Oder kennst du beispielsweise irgendwo anders einen Club, der in einer alten Sargfabrik ist? Auch das gehört eben zum berühmten „Wiener Schmäh“. In jedem Fall wäre auch ein Besuch auf dem Zentralfriedhof lohnenswert. Besser als in Museen lernst du dort, im „Meer der Toten“, nämlich die Wiener Seele kennen.

Aber auf keinen Fall darfst du die Donaumetropole wieder verlassen, ehe du nicht zumindest einem der berühmten Kaffeehäuser einen Besuch abgestattet hast. Ob Sacher mit seiner berühmten Torte, Landtmann oder Hawelka – ein jedes hat seinen eigenen Reiz und ein jeder Wiener sein Stammkaffeehaus. Du kannst den ganzen Vor- oder Nachmittag bei einem „Kleinen Braunen“ oder auch nur mehreren Gläsern Wassern im Kaffeehaus bleiben und dir nicht fehl am Platz vorkommen. Denn ein echter Ober wird nicht fragen: „Haben der Herr noch einen Wunsch?“ Vielmehr ignoriert er den zahlungswilligen Gast sogar. So wird Zahlen zum Ritual.

Den Wiener mit seiner eigensinnigen Art, seinem „Raunzen“ und „Grant“ wirst du in drei Tagen lieben oder hassen gelernt haben. Über ihn schreibt Hermann Bahr treffend: „Der Wiener ist ein mit sich sehr unglücklicher Mensch, der den Wiener hasst, aber ohne den Wiener nicht leben kann.“

Doch in einem sind sich alle Wiener einig: Den „Piefke“, also den Deutschen, mögen sie nicht. Vermeide es also dich mit„Tschüss“ zu verabschieden, denn das entlarvt dich sofort. Das wienerische „Baba“ wird dir jedoch erst nach einigen Aufenthalten in der Kaiserstadt über die Lippen kommen. Aber wer weiß, vielleicht magst du ja auch schon nächstes Wochenende wiederkommen – weil du Wien einfach „leiwand“ findest.

Dieser Reisebericht erschien 2009 im Up-Campusmagazin. Die gelayoutete Seite gibt’s hier zum herunterladen.

 

 

Best of Teresa ohne h

2 Mai

snapseed-6Ein Kumpel hat mich gebeten, ich soll ihm ein „Best of“ meiner Blogposts zusammenstellen. Da ich ein Freund von Synergie-Effekten bin, dachte ich mir, diese Liste könnte ich doch gleich auf meinem Blog veröffentlichen.

In letzter Zeit wurden zwei Artikel über mich als Bloggerin veröffentlicht. Im August 2015 in der Welt am Sonntag (Print und Online) und in der Passauer Neuen Presse im Februrar 2016. In der Vorbereitung auf diese Interviews habe ich auf meinem Blog zurückgeblättert bzw. zurückgescrollt. Ich möchte euch an meinen persönlichen Highlight-Posts teilhaben lassen:

Persönliche Top 10 von und auf Teresa ohne h

  1. Als Passauerin war mir mein Beitrag zur Heimatliebe-Blogparade sehr wichtig.
  2. Auf diese Wahlanalyse wurde ich oft angesprochen. Einige Lokaljournalisten haben sich davon auch inspieren lassen😉
  3. Sterben 2.0 – ein Thema, das mich als Medientante mit theologischem Hintergrund sehr fasziniert. Auch hier gilt es unbedingt Medienkompetenz zu erlernen – sofern nicht von Natur aus vorhanden!
  4. Passau und das Hochwasser – ein Thema, das wie Weihnachten leider alle Jahre wieder kommt
  5. Warum ich andere Bücher höre als lese
  6. Habemus Brüderlichkeit – ich glaube, meine Einschätzung nach der Wahl Papst Franziskus‘ haben sich bisher bewahrheitet
  7. Stolz auf meine Verwandschaft bin ich auch: Darum fühl ich mich als Europäerin
  8. Teresa ohne h und die Sparkasse Passau😉 Eine neverending story möchte man sagen. Auf der #rp15 wurde ich auf dich Geschichte angesprochen. Noch heute zeigt sie eindrucksvoll WIE mächtig Social Media heute wirklich sein kann
  9. Kreativ bin ich auch schon immer gerne… hier am Ei.
  10. Heraldik? Onomastik? Mein Geschichtsstudium hat mir wirklich Spaß gemacht

 

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