Symphonie aus Licht und Klang am Dom: Keine Show mit Tiefgang

2 Jul
Barock Dom Passau

Vor 350 Jahren wurde der Grundstein für den barocken Passauer Stephans-Dom gelegt – ein Grund zu feiern! (Foto: Winderl)

Mag sein, dass die ich gestern bei der Premiere der „Symphonie aus Licht und Klang“ nicht den optimalsten (Steh)Platz hatte. Ich stand auf der rechten Seite des Domplatzes – vor dem Max-Denkmal.

Aber ich frage mich, ob man durch die Bäume von weiter hinten die „Leinwand“ aka Dom besser erkennen kann? Insbesondere die Bespielung des Hauptportals sehe ich daher kritisch. Jeder hat eben keinen Zugang zu den (kirchlichen) Räumlichkeiten am Domplatz, von denen aus einige Mitarbeiter die Vorführung genossen.

Zunächst einmal war ich beeindruckt, dass es zu doch relativ später Stunde am Sonntagabend so viele – auch junge – Menschen auf den Domplatz zur Premiere gezogen hat. Auch ich war schon seit Wochen gespannt, was uns da zum Domjubiläum präsentiert wird: Prägte doch der Projektor bereits markant das Bild des Domplatzes am Max-Denkmal.

Schwer verständlich für den Otto-Normal-Zuseher

Als Historikerin, die sich noch dazu gerade in der Ausbildung zur Stadtführerin in Passau befindet, weiß ich vielleicht etwas mehr über die Bistums- und Domgeschichte als der Otto-Normal-Zuseher. Ich konnte also durchaus das römische Grabmal zu Beginn einordnen und was die Fronleichnamsprozession auf der Leinwand zu suchen hatte… Denn der Dom wurde zwar beim Stadtbrand von 1662 schwer beschädigt, die Ruine brach jedoch erst am Fronleichnamstag ein – und soll sogar noch Teilnehmer der Prozession erschlagen haben.

Freilich muss man dieses tragische Kuriosum der Bistumsgeschichte nicht kennen, aber wenn es schon in die Symphonie eingebaut wird, dann hätte da vielleicht eine Erläuterung in Form von kurzen Schlagwörtern (ins Bild eingebaut) nicht geschadet. Oder man lässt Flyer/ Programme drucken oder konzipiert dazu eine App oder oder… Aber vielleicht kommt das noch und war zur Premiere nur noch nicht fertig?

In der kleinen Gruppe, in der wir die Premiere erlebten, fragten wir uns, ob wir auf dem Video der Diözese von der Probe nicht einen Ansager/ „Guide“ gehört hätten. Wahrscheinlich haben uns da unsere Ohren getäuscht. Oder hat das der spannende Promo-Film impliziert?

Übrigens: Gefeiert wird der 350. Geburtstag, also der (Wiederauf)bau des barocken Doms nach dem Stadtbrand ab 1668. Nur falls das während der Symphonie nicht so rübergekommen ist… Mehr Feierlichkeiten sind aber zum Beispiel seitens der Stadt Passau nicht geplant.

Handwerklich überzeugend

Symphonie aus Licht und Klang

Wahrscheinlich hatte ich nicht den optimalsten Platz, die Premiere zu verfolgen. Tencallas Hund (im mittigen Fenster) ist mir trotzdem gleich ins Auge gestochen. (Foto: Winderl)

Die Bilder an die weiße Domfassade projiziert, waren wunderschön: Ich war beeindruckt, dass der Dom dabei irgendwie gar nicht mehr plastisch, sondern wie eine Kulisse wirkte. (Das soll jetzt keinesfalls doppeldeutig klingen 😉 ) Jeder der die Gelegenheit hat, sollte sich das unbedingt ansehen – denn so hat er den Dom garantiert noch nie gesehen und die Musik ist optimal auf die imposanten Bilder abgestimmt: Er steht in Flammen und stürzt vor den Augen der Zuseher ein… Möge Gott und selbstverständlich die Diözesanpatrone verhüten, dass dies jemals wieder passieren sollte – außerhalb dieser Lichteffekte! Aber bitte bei der nächsten Vorführung das Licht zur Orgelempore ausmachen – es störte etwas die Gesamt-Harmonie.

Sitzplätze gibt es nicht bei diesem Freiluft-Spektakel und von den Bänken am Domplatz dürfte man keinen allzu optimalen Blick haben. Ich werde mir sicher noch mehrmals die Show ansehen (bis Oktober hat man dazu ja noch Gelegenheit) und während der 20-minütigen Show den optimalen Steh- oder Sitzplatz ermitteln.

Ältere oder in der Mobilität eingeschränkte Menschen, sollten vielleicht einen Klapphocker mitbringen. Ich weiß nicht, ob man auch daran als Veranstalter hätte denken sollen?

Nichts als Show?

Ich halte die Symphonie aus Licht und Klang insgesamt leider etwas für eine verpasste Chance: Denn wann wollen sich so viele Menschen freiwillig mit der Geschichte des Bistums beschäftigen, die auch ein Stück Glaubensgeschichte ist – sind aber nach der „Show“ genauso schlau wie zuvor?

Die Deckenfresken kann man auch bei einem normalen Besuch oder im Optimalfall während einer Führung im Dom betrachten, dann bekommt man sie auch noch inhaltlich erläutert. (Ich hatte das Glück, eine solche Domführung kürzlich beim Kulturreferenten des Bistums, Alois Brunner mitmachen zu können. Das Bistum ist also selbst „schuld“, wenn ich da jetzt einfach mehr sehe…) Vielleicht wären ja (gratis) Domführungen zum Domgeburtstag noch eine ideale Ergänzung zu dieser Show? Aber bitte nur von echten Domkennern wie Brunner, der das auch noch recht kurzweilig rüberbringt!

Ich persönlich fand es schön, dass beispielsweise Tencallas Darstellung von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel ausgewählt wurde, denn darauf befindet sich ein Hund, der im biblischen Kontext natürlich keine Erwähnung findet.

Auch so ein Kuriosum, das man freilich nicht kennen muss. Aber wenn man es schon zeigt, wäre doch das dargestellte Thema interessant zu erwähnen und sicher auch die Hundeliebe des Dommalers. Immerhin haben wir gleich nebenan jetzt auch ein Dackelmuseum in Passau 😉

Die Symphonie aus Licht und Klang ist ab 6. Juli jeden Freitag bis 5. Oktober 2018 um 22 Uhr zu sehen (und hören). Es müssen keine Karten erworben werden, die Show ist kostenlos!

 

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70 Jahre tot und noch immer nicht urheberrechtsfrei: Karl Valentin

9 Feb
Freude im Regen

Karl Valentin habe ich erst kürzlich für mich entdeckt. Viele seiner Sprüche finde ich passend für einige meiner Lebenssituationen. Zu diesem Foto fällt mir einer mit Regen und Freude ein. Nur im Original zitieren, das lasse ich auf dem Blog besser sein… (Foto: Andreas Labes)

Manche „Perlen“ entdeckt man erst spät. Karl Valentin ist so eine Perle, der heute exakt 70 Jahre tot ist – was aber reale Auswirkungen auf uns haben kann.

Mein Papa ist Karl-Valentin-Fan. Aber ich konnte diesem bayerischen Humoristen – heute würde man ihn wohl „Comedian nennen“ – nicht so viel abgewinnen. Lag es an den schwarz-weiß Aufnahmen, dass dieser für mich immer so unglaublich alt wirkte und daher auch seine Witze? Oder daran, dass man seinen oft hintergründigen Humor erst im Erwachsenenalter versteht und zu schätzen weiß.

Ein Beispiel (aus Vorsicht ohne Original-Zitat.* Na, erkennt ihr es?): Nicht gesund, also krank zu sein ist doch etwas Schlechtes! Warum soll es also gesund sein?* So etwas versteht doch kein Kind!

Ich jedenfalls habe neuerdings Karl Valentins Aphorismen für mich entdeckt. In vielen Lebenssituationen erscheinen sie mir passend. Beim Googeln „neuer“ alter oder besser: anderer Zitate stieß ich auf die Meldung, dass die Erben Karl Valentins, Betreiber von Webseiten abmahnen lassen, wenn sie darauf ihren berühmten Vorfahren bemühen. Das ist so, weil das Urheberrecht bekanntlich 70 Jahre beim Urheber bzw. dessen Erben liegt (geregelt in § 64 Urheberrechtsgesetz = UrhG).

Urheberrecht endet nicht direkt am Todestag

Im Jahr 2016 haben wir dies an einem besonders prominenten Beispiel erlebt: Die Rechte an Hitlers „Mein Kampf“ erloschen. Sie waren nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 zunächst an die Besatzungsmächte und dann an den Freistaat Bayern übergegangen. Doch warum begann die Diskussion um einen Neudruck des Buches nicht im April 2015, sondern erst im Januar 2016? Nach § 69 UrhG endet das Urheberrecht mit Ablauf des Kalenderjahres, in dem der Verfasser gestorben ist.

Das heißt, bei Karl Valentin ist noch immer Vorsicht geboten: Nicht an seinem 70. Todestag können seine Texte und Zitate ohne Einschränkung genutzt werden, sondern erst ab 1. Januar 2019. Sehe ich das als Nicht-Juristin richtig?

In diesem Artikel scheint § 64 auch ohne § 69 UrhG interpretiert zu werden. Deswegen habe ich das Zitat oben* nicht genannt (denn sogar Privatpersonen sollen von den Abmahn-Anwälten angeschrieben werden. Und über die Einordnung meines Blogs würde ich ungern wegen Schadensersatz diskutieren…).

Über die Beweggründe der inzwischen verstorbenen Valentin-Enkelin, Anneliese Kühn, lässt sich freilich streiten. Vielleicht wäre Karl Valentin auch ein knackiger Spruch dazu eingefallen… Aber das Beispiel lehrt uns: In diesem Internet gehen wir insgesamt viel zu lasch mit dem Urheberrecht um. Also beim nächsten Zitat auf dem Blog lieber nochmal nachschauen, ob der Autor wirklich schon mindestens 70 Jahre tot ist…. Valentins (Bühnen)Partnerin, Liesl Karlstadt, starb bspw. erst 1960. Die gemeinsamen Werke werden also erst zum 1. Januar 2031 gemeinfrei.

Irgendwie komisch finde ich auch Karl Valentins Ende, wenn denn ein Tod überhaupt komisch sein kann. Man hat ihn versehentlich über Nacht in einem Theater eingeschlossen, dort hat er sich verkühlt und starb an den Folgen einer Lungenentzündung am 9. Februar 1948 – übrigens einem Rosenmontag.

Die Münchner wissen, dass der Karl-Valentin-Brunnen am Viktualienmarkt ein beliebter Treffpunkt für ein Bier oder auch zwei ist. Und das Valentin Karlstadt Musäum (mit ä!) am Isartor seinen Eintritt wert ist. Dort werden so seltene Exponate wie Beamtenschweiß ausgestellt. Die Besichtigung „auch bei Regenschein, Tag und Nacht, nur von außen“ ist jedoch kostenlos 😉

 

Wirtshaussterben in Bayern: Gasthaus Irlbacher in Penting sperrt zu

20 Dez

Das Wirtshaussterben ist ein anonymes Phänomen, das einen genauso wenig berührt wie beispielsweise Altersarmut, wenn man zum Glück nicht gerade selbst davon betroffen ist. Jetzt erlebe ich selbst, dass ein Wirtshaus, in dem wir mit der Familie Tod und Leben gefeiert haben, zum Jahresende schließt.

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Irlbacher setzt auf Regionalität – nicht aus Chichi, sondern Überzeugung. (Foto: Winderl)

Ich finde ja, man gehört erst richtig zu einem Dorf, wenn man ein Grab dort hat. Und so gehören wir auch nach all den Jahren nicht nach Passau-Heining, auch wenn meine Familie noch vor meiner Geburt hierher zog. Das liegt vielleicht auch daran, dass man zum Wirtshaus am Dorf keinen so rechten Bezug hat, weil man dort eben nicht nach einer Beerdigung mit der Trauergemeinde einkehrt.

Der eine Teil meiner Verwandtschaft liegt nämlich in der Oberpfalz begraben. Einem kleinen Dorf, Penting bei Neunburg vorm Wald, das im Prinzip nur aus der Kirche mit seinem angrenzenden Friedhof und dem gegenüberliegenden Wirtshaus besteht. Wie eben Dörfer in Bayern aussehen! Und genau dieses Wirtshaus wird nun zum Jahresende 2017 seine Pforten schließen – für immer.

Das macht mich traurig, denn auch wenn das Essen mal nicht so gut schmeckte, für mich war der „Irlbacher“ ein Stück Heimat. Dort hat meine Familie nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch gelacht und geweint. Meine Großeltern liegen gegenüber begraben – der Leichenschmaus fand also dort statt. Aber auch Erstkommunion, Hochzeiten und runde Geburtstage haben wir beim Irlbacher gefeiert.

Der Oberpfälzer-Wirt setzte auf Innovationen

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So kennt man Wolf Irlbacher: An der Theke muss er mit den Reservierungslisten jonglieren, damit er alle Gäste bewirten kann. (Foto: Winderl)

Der Wirt war über die Jahre immer derselbe. Ein kerniger Oberpfälzer der Wolf, der aber immer wieder innovative Ideen hatte, lange bevor diese en vogue waren: So wurde die Wurst in seiner Metzgerei schon viele Jahre ohne Glutamat zubereitet, bevor das große Konzerne für sich entdeckten. (Zum Glück soll die Metzgerei Irlbacher vorerst weiter bestehen.) Das Fleisch und die Wurst kommt von den Bauern aus der Nähe – namentlich aufgelistet auch auf der Speisekarte. Das ist Bio wie ich mir das vorstelle! Kein Chichi von Landgasthöfen, die ihre fehlende Historie wettmachen wollen durch besondere Regionalität. Schon Wolfs Vater war Wirt am Ort. Damals stand das Wirtshaus noch ein paar Meter weiter vorne im Dorf – aber auch in Sichtweite zur Kirche.

Heute kann man vor den Gasthaustüren sogar das E-Bike laden.

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Als Abschiedsessen gabs für mich ein Schnitzel mit Pommes – klassisch, weil ich das als Kind sooft dort gegessen habe. (Foto: Winderl)

Auch XXL-Portionen gab es dort, obwohl das der Gasthof nicht im Namen trug, wie das heute üblich ist. Ich erinnere mich an die Schnitzel meiner Kindheit, die so groß waren, dass sie nicht mal mehr aufs Teller passten. Hungrig musste niemand gehen!

Und für die Stammgäste gab es nach dem Essen eine Kostprobe des „Pentinger Obstgarten“. Ein Obstler, der so mild und bekömmlich ist, dass er seinesgleichen sucht. Den schüttet man nicht einfach hinunter, den muss man auf der Zunge zergehen lassen, dass er sein volles Aroma entfalten kann. (Zum Glück gibt es den auch weiterhin (sechs zum Preis von fünf) in der Metzgerei oder im Online-Shop zu kaufen. Ein Online-„Spezialitätenversand“ auch durchaus innovativ für einen Gastwirt aus der Oberpfalz!)

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Zum letzten Mal sind die Tische dekoriert: Nach dem Weihnachtsgeschäft 2017 ist Schluss mit dem Gasthaus Irlbacher. Die Metzgerei wird vorerst weiter betrieben. (Foto: Winderl)

Das kleine Heimatdorf Penting meines Vaters kennt niemand. Schon gar nicht wegen der gelb getünchten Pfarrkirche St. Nikolaus im Zentrum des Dorfes, die nicht besonders pittoresk erscheint. Aber den Irlbacher gegenüber, der ist weit über die Grenzen des Landkreises Schwandorf bekannt. Das habe ich schon oft erlebt, wenn ich Leuten beschreiben wollte, woher meine Papa stammt. Beim Irlbacher sind sie oft schon eingekehrt. Ohne Reservierung hat man daher kaum Chancen, einen Platz im Gasthaus zu ergattern. Auch jetzt nicht, wo er doch in ein paar Tagen schließt.

Warum genau Wolfgang Irlbacher sein Traditions-Wirtshaus schließt, ist nicht ganz klar. Es werde eben auch immer schwieriger, gutes Personal zu finden.

Das Weihnachtsgeschäft will der Wolf noch mitnehmen. Danach ist Schluss. Nach 28 Jahren am neuen Standort.

Wo die Familie mehr zählt als der Einzelne

Nicht nur beim Abgang zu den Toiletten, sondern überall hängen alte Fotos an den Wänden, die an die Wirtsfamilie und Stammtische erinnern. Einige, die darauf abgebildet sind, liegen wohl schon drüben auf dem Friedhof – in einer Region, in dem die Familie mehr zählt als der Einzelne. Denn auf den Grabsteinen finden sich nur die Familien-, keine Vornamen oder gar individuelle Geburtstags- oder Sterbedaten. Und so werden auch die Irlbachers die Wirtsfamilie von Penting bleiben, auch wenn das große Gasthaus im Ortskern künftig leer stehen wird.

Sicher, wir werden ein anders Wirtshaus in der Nähe finden, in dem wir feiern können – aber es wird eben nicht der Irlbacher sein und für mich daher auch keine richtige Wirtshaus-Heimat in Papas Heimat mehr geben.

Das Gasthaus Irlbacher schließt am 26. Dezember 2017 (2. Weihnachtsfeiertag) für immer.

Die Metzgerei Irlbacher in Penting (Neunburg vorm Wald) bleibt weiterhin bestehen. Bestellungen einiger Schmankerl (wie etwa dem fruchtig-milden Pentinger Obstgarten) sind auch online im sog. Spezialitätenversand möglich!

Mehr über die oberpfälzische Heimat meines Vaters:

Streit um Stadtstrand in Passau: Mein Leserbrief (extended version)

8 Okt

Eine gekürzte Version des folgenden Beitrags habe ich als Leserbrief* an die Lokalredaktion Passau der PNP geschickt. Eigentlich ist das Thema Stadtstrand nicht mehr unbedingt ein Thema für Oktober. Doch die Debatte darum zieht sich im Passauer Stadtrat und wird wohl auch noch andauern. Weil ich gerne in Erinnerungen an den Summer in the City schwelge, lasse ich euch ausführlich daran Teilhaben. Und Bilder kann man als Leserbrief-Schreiber auch nicht für sich sprechen lassen. Ich hoffe, ich kann so deutlich machen, warum meiner Meinung nach die Dreifüssestadt einen Stadtstrand braucht:

Donaustrand Vilshofen

Auch wenn der weiße Sandstrand vielleicht nach Karibik aussieht. Das Foto wurde am Donaustrand in Vilshofen aufgenommen. Warum gibt es in Passau keinen Stadtstrand? (Foto: Winderl).

Nicht aus meiner für drei Flüsse bekannten Heimatstadt, sondern aus Berlin und München kenne ich das Modell Stadtstrand.

Seit ich vor einigen Jahren Praktikum im Bundestag gemacht habe, bin ich angefixt von der Idee Stadtstrand. Dort in Berlin musste man sogar Eintritt bezahlen. Doch mir gefiel dieser künstliche Strand, mitten in der Stadt gegenüber dem Bundespresseamt so gut, dass ich oft auch nur für ein Eis dort hinein bin.

Dementsprechend begeistert war ich, als ich nach München zog und erfuhr, dass es dort regelmäßig einen sog. Kulturstrand gibt. Dieses Jahr fand er sich zum Beispiel am Vater-Rhein-Brunnen in Blickweite zum Deutschen Museum, am Isarufer ein.

Wie freute ich mich, dass sich die CSU Passau-Stadt dieses Themas endlich annahm, obwohl ich es eigentlich eher von der SPD besetzt gesehen hätte.

Rund 20 Kilometer donauaufwärts hätten die ungläubigen Stadtväter heuer in Vilshofen am Donaustrand bewundern können, wie das Konzept auch in Niederbayern funktionieren kann. Aber dafür wurde das Thema wohl zu spät auf die Tagesordnung des Stadtrates gesetzt, denn das Vergnügen dort war nur von kurzer Dauer: Nach schon vier Wochen schloss der Vilshofener Strand seine Pforten bzw. klappte seine Liegestühle ein.

Kulturstrand München

Zum Vergleich: So funktioniert Stadtstrand in München. Der sog. Kulturstrand war heuer am Vater-Rhein-Brunnen angesiedelt – in Isar Nähe! (Foto: Winderl).

Mehr ist es auch kaum, denn für Strand-Feeling in unseren Breitengraden braucht es nicht viel: Etwas Sand, Palmen, Liegestühle (hat Stadtrat Steiner ja bereits öfter mit Linz-Branding im Einsatz). Das Ganze garniert mit (südlländischer) Musik (bestimmt kein „Bum-Bum“) und einem Verkaufsort für Getränke und Essen (denn „a fressads Gschäft geht allerweil“).

Die Preise in Vilshofen waren gegenüber denen München mehr als fair: Am Kulturstrand kostet eine Kugel Eis 2,60 Euro. Natürlich ist die dort vom feinen Eiscremehändler, das in Vilshofen kam am Steckerl aus der Kühlbox daher. Doch wer sich einige Meter vom Strand entfernte, war ja direkt am Stadtplatz und konnte sich dort Eiscreme vom Eiscafé seines Vertrauens gönnen.

Donaustrand in Vilshofen könnte Vorbild sein

An dieser Stelle einfach mal ein besonderer Dank an den Alt-Bürgermeister Gschwendtner, der durch den Ausbau die Donau für Vilshofen überhaupt erst nutzbar gemacht hat. Er ist sozusagen der geistige Vater des Stadtstrands als Event – hat doch die Donau seit dem klugen Umbau schon ohne Palmen sehr viel Strandfeeling.

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Die Preise in Vilshofen am Donaustrand waren fair. Der Cocktail „Sex on the Donaustrand“ kostete zum Beispiel 5,80 Euro. (Foto: Winderl).

Die Cocktails – mit ohne Alkohol – waren am Donaustrand lecker. Sogar ein „Sex on the Donaustrand“ hat es auf die Getränkekarte geschafft – Liebe zum Detail nennt man das wohl.

Und es ging so herrlich deutsch zu am Donaustrand: Die Liegestühle wurden besetzt wie man das vom Urlaub in Italien her gewohnt ist. Das funktionierte, auch wenn nicht alle ein Handtuch dabei haben, denn es soll ja durchaus auch Menschen geben, die ans Meer fahren, gar nicht um darin zu baden. Sie sitzen also nur in ihren Liegestühlen (im Optimalfall) oder liegen auf ihren Badehandtüchern. Den Unterschied vom Stadtstrand zum normalen Strand merken sie kaum. Es fischelt am Fluss sogar genauso wie am Meer – mit einem feinen Unterschied: Der Sand klebt nicht am nassen Körper, denn wenn überhaupt, werden nur die Füße vom kühlen Nass benetzt.

Stadtstrand als Realität gewordene soziale Gerechtigkeit

Stadtstrand Vilshofen an der Donau

Kleine und große Kinder hatten am Donaustrand ihren Spaß. Die kleineren gingen planschen in der Donau, die älteren erfreuten sich am aufblasbaren Schwimmtier – standesgemäß ein Schwan und kein Einhorn! (Foto: Privat).

Anders sieht es da hingegen bei den Kindern aus. Denn ihnen ist es egal, ob sie prestigeträchtig an der Côte d‘ Azur urlauben oder am Stadtstrand planschen und Sandburgen bauen. Sie gehen baden im kleinsten Brunnen (wie am sog. Kulturstrand in München) oder in der Donau in Vilshofen und haben hier wie im Süden ihren Spaß.

Vielleicht könnte man sogar soweit gehen, dass der Stadtstrand der „Urlaub des kleinen Mannes“ ist. Und gerade für Kinder finde ich es eine wunderbare Idee, ihnen einen Urlaub am Strand von Stadtseite her zu gönnen. Denn Sonne, Strand und gute Urlaubslaune ist so nicht mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig! Will so eine Realität gewordene soziale Gerechtigkeit ausgerechnet ein Sozialdemokrat den Passauern verwehren?

 

* Erschienen im Lokalteil Passau der PNP am Freitag, 6. Oktober 2017. S. 22.

 

#btw17: Wie frei, geheim und gleich ist meine Stimme in Zeiten von Social Media noch?

21 Sep

 

Ich bin ein großer Freund der geheimen Wahl – schließlich machte die geheime Wahl die Wahl erst frei. In Zeiten von Social Media habe ich den Eindruck, dass dieses hohe Gut der geheimen Wahl nicht hoch genug zu bewerten ist.

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber meine Timeline ist seit Wochen voll von abfotografierten Wahlzetteln oder Selfies mit Wahlbriefen. Und bitte die appellativen Hashtags wie #gehtwählen dabei nicht vergessen!

Obwohl Ich glaube, jeder der nur eine Schulklasse in einem demokratischen Land verbracht hat, weiß um die Wichtigkeit, von seinem WahlRECHT auch Gebrauch zu machen. Für dieses haben unsere Vorväter gekämpft!

Sozialer Druck: Politische Überzeugung im Internet preiszugeben?

Auf Facebook kann man für die Bundestagswahl sein Profilbild für die Bundestagswahl mit einem „Rahmen“ verzieren. „Ich wähle“ ist dabei noch neutral, aber man kann so auch für oder gegen eine Partei Stellung beziehen. (Foto: Bildschirmfoto meiner Facebook-Seite)

Frei, geheim und gleich. Doch manche Stimmen scheinen mir heute wieder gleicher als andere zu sein: Ich persönlich finde es antidemokratisch, den Wahlschein mit dem Kuli des Direktkandidaten nebenan abzufotografieren oder den Wahlschein so abzudecken, dass man das Kreuzchen zwar nicht sieht, aber durch die Stelle der abgedeckten Position genau weiß, wo das Kreuzchen gemacht wurde.

Bitte nicht falsch verstehen: Aus seiner Wahlentscheidung muss man kein Geheimnis machen. Aber könnten sich dadurch nicht junge Wahlkämpfer (die, die gerade die Ochsentour durchmachen) genötigt fühlen, ein solches Bild posten zu müssen? Wäre dann unsere Wahl wirklich noch so geheim bzw. frei? Das ganze steigert sich: Jetzt gibt es schon das passende Parteien-Design für das Profilbild. Ist das nur die Fortsetzung des Wahlkampfes im www?

Wann kommt das erste Selfie aus der Wahlkabine?

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Die Autorin soll wirklich Anne Frank heißen? Irgendwie machte mich die Kombi aus Namen und Inhalt stutzig… (Foto: SC)

Wer sich jedoch nicht gleich einer Partei zuordnen will, der kann sich auch für das Design “AfD – dich wähl ich nicht“ entscheiden. Wir haben schließlich von “ganz oben”, nämlich niemand geringerem als Kanzleramtschef Altmaier gehört, dass es besser sei gar nicht zu wählen als AfD – was irgendwie im krassen Gegensatz zu den ganzen Briefwahl-Selfies steht. Was bitte läuft da derzeit eigentlich falsch mit der freien, gleichen und geheimen Wahl!? Bin ich jetzt schon ein potentieller “Nazi”, wenn ich keine Anti-AfD-Postings teile?

Muss ich es gut finden, wenn Fake-News heute ganz normal auf der Online-Ausgabe einer „normalen“ Zeitung (dem Kölner Abendblatt) veröffentlicht wird? Und erst im letzten Abschnitt des Artikels dieser als „Fake-News“ gekennzeichnet wird. Und nein, es ist eben

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Aber erst am unteren Teil des Artikels wird darauf hingewiesen, dass es sich hier um „Fake-News“ und gleichzeitig Wahlwerbung für „Die Partei“ handelt. (Foto: SC).

nicht die Rede vom Postillon! Aber das wäre einen gesonderten Post wert…

 

 

Ich persönlich warte ja auf ein Selfie aus der Wahlkabine. Hoffentlich würde das wenigstens geahndet! Nicht umsonst wählt man in demokratischen Ländern in einer Kabine und wirft den Wahlzettel in eine undurchsichtige Urne. Transparenz ist für eine Demokratie essentiell, aber beim Wahlakt selbst absolut fehl am Platz – aus gutem Grund. Auch für die Briefwahl sollte man sich das bewusst machen. Der Briefwahlumschlag ist kein Lifestyle-Gadget für Instagram mit hippen Hashtags!

Politik-Seiten auf Facebook abonnieren statt liken

Das Wahlgeheimnis hochhalten kann man auch durch die bewusste Unterscheidung zwischen “Like” und “Abo” einer Facebook-Seite. Aus Interesse habe ich zahlreiche Politiker und Parteien geliket – von Sahra Wagenknecht, Andreas Scheuer bis zur AfD, also wirklich quer durch den Gemüsegarten. Da logischerweise nicht alle Likes meiner politischen Überzeugung entsprechen (können) und diese letzten Endes auch niemanden – und schon gar nicht Facebook etwas angeht, entlike und abonniere ich stattdessen im Moment systematisch Parteien- und Politiker-Seiten. So bekomme ich (so der FB-Algorithmus es zulässt) alle Infos, die ich will, aber ich halte das Wahlgeheimnis hoch. Auch das ist Medienkompetenz.

Das #TwInterview mit zwei Spitzenpolitikern der Union: Vor- und Nachteile einer neuen journalistischen Darstellungsform

15 Sep

Der CDU-Generalsekretär bestimmte in diesem Jahr mit diesem Tweet tagelang die Schlagzeilen – on- wie offline.

Auch Doro Bär verteilt nicht nur #hachs und Herzen auf dem sozialen Netzwerk Twitter. Beide Unions-Politiker sind Altstipendiaten der CSU nahen Hanns-Seidel-Stiftung (HSS). Zum 25-jährigen Jubiläum des Clubs der Altstipendiaten (CdAS) sollten die beiden Bundestagsabgeordneten interviewt werden.

Gedruckte Tweets? Das #TwInterview in der Banziana kommt „klassisch“ mit #hach und Einhorn daher. (Foto: Ausschnitt Banziana).

Eben weil Bär und Tauber so sehr in Social Media unterwegs sind, wollte ich sie adäquat interviewen. Ein #TwInterview sollte es werden – ein Kofferwort für eine journalistische Darstellungsform, die es in dieser Form eigentlich noch gar nicht gibt.

Welche Vor- und Nachteile entstanden beim Interview via Twitter? Als Kommunikationswissenschaftlerin wollte ich diese experimentelle Darstellungsform Revue passieren lassen. Wer lieber direkt zum #TwInterview für die Banziana möchte, klickt bitte hier.

Vor- und Nachteile eines Interview via Twitter

Ich bin ehrlich: Anders als Giulia, mit der ich das #TwInterview führte, bin ich KEIN großer Fan von Interviews. Lieber schreibe ich im Anschluss an ein Gespräch ein Portrait über die Person. Zweifelsohne hat aber auch das Interview seinen Reiz. Dazu zählt für mich jedoch nicht das Abtippen der Tonaufnahme… Und das führt uns zum ersten Vorteil des neuen Formats:

  • Abtippen der Antworten entfällt

    Das Abtippen der Interviewfragen und -antworten entfällt natürlich bei einem Interview via Twitter. Die Tweets enthalten ja Fragen und Antworten. Wie der Interviewpartner jedoch auf eine Frage reagiert – dreht er nervös an seinem Ehering, lacht er spontan… Das fällt via Twitter natürlich flach – aber in begrenztem Maß auch bei einem Telefon-Interview (also oldschool, nicht via Skype ;)).

  • Klassische Interview-Anfrage bleibt

    Wer denkt, dass man mit einem #TwInterview generell weniger Arbeit hätte, der irrt: Zum Beispiel muss auch hier eine Anfrage gestellt werden – erstaunlicherweise lief diese bei den beiden Online-Politikern auch über ihre Büros und nicht via Twitter.

  • Zeichenbegrenzung kann zur Herausforderung werden

    Eine Herausforderung – vor allem für den Interviewpartner – ist die Begrenzung von Tweets auf 140 Zeichen. Kommt noch ein etwaiger Hashtag hinzu, verknappen sich die Zeichen nochmals.
    Man muss sich entscheiden: Liegt in der Kürze die Würze? Oder antwortet man in mehreren Tweets. (Als Alternative hatten wir angeboten, dass längere Antworten auch via Direkt-Nachricht geschickt werden konnten.)
    Oder verwendet man so viele (interne) Abkürzungen, dass es für außenstehende Mitleser schwer wird,  das Interview nachzuvollziehen.
    Beim #TwInterview mit Doro Bär hat das eine Dame direkt eingewendet… Schön, so hatten wir auch gleich ein Feedback und die Erkenntnis, dass wir gelesen werden 😉

  • Keine Freigabe nötig… und möglich!

    Was einmal getwittert wurde, das kann schlecht zurückgenommen werden. Ein #TwInterview ist von Anfang an öffentlich einsehbar – außer man arbeitet mit auf privat geschalteten Accounts. Aber diese Variante ist wohl eher nur in der Theorie möglich, da es sich in der Regel um prominente Personen handelt, die interviewt werden.
    Eine nachträgliche Bereinigung der Aussagen kann man zwar für eine etwaige gedruckte Publikation vornehmen, um zum Beispiel Tippfehler zu korrigieren. Mehr sollte meines Erachtens jedoch nachträglich nicht redigiert werden. Das heißt wiederum, auch wenn das #TwInterview „nebenbei“ geschehen kann (siehe mein Fazit), ist hohe Konzentration gefragt. Denn gerade bei Politikern wird jede Äußerung auf die Waagschale gelegt (siehe zum Beispiel den eingangs zitierten Tweet von CDU-General Dr. Peter Tauber.)

  • Adäquate Präsentation

    Um das #TwInterview adäquat präsentieren zu können, müssen die Tweets „gesammelt“ werden. Zunächst habe ich alle Antworten in Twitter favorisiert und sie hinterher in eine Story bei storify eingepflegt.
    Leider gibt es kein gratis Plugin, um die Storify-Story in meinen WordPress-Blog einzubinden. Das ist insofern nicht so schlimm, da von Anfang an Ziel des #TwInterviews die Publikation in der Jubiläums-Banziana war. Dieser Blogpost ist quasi nur ein zusätzliches „Schmankerl“. Aber sollte das #TwInterview nur online gelesen werden, müssen solche technischen Details auch bedacht werden.

Mein persönliches Fazit: Wahrscheinlich war es nicht mein letztes #TwInterview. Besonders angenehm fand ich, dass es nebenbei stattfinden kann. Beim zweiten Teil war ich in der Bibliothek, in der Stadt und in der U-Bahn unterwegs. Und auch der Interviewpartner muss sich eigentlich nicht extra Zeit reservieren. Gerade auch bei bei einer räumlichen Distanz, wie bei den beiden Politikern, ist das #TwInterview eine Alternative zu Interviews via zum Beispiel Skype.

–> Sobald der CdAS die Banziana mit dem #TwInterview online stellt, verlinke ich sie euch – dann könnt ihr selbst beurteilen, wie gut euch gedruckte Tweets gefallen 😉

Warum eigentlich ich „Kohls Mädchen“ bin

29 Jun
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Einblick in das Fotoalbum: Denn der Auftritt Helmut Kohls am 7. November 1982 in der Passauer Nibelungenhalle hat eine besondere Bedeutung für unsere Familie. Das Foto hat mein Papa gemacht. Wer den Herren links neben dem Bundeskanzler erkennt, darf gerne sein Wissen als Kommentar mit uns teilen!

Die Position von „Kohls Mädchen“ ist wohl in den letzten Lebensjahren von Angela Merkel auf seine Ehefrau Maike übergegangen. Doch warum eigentlich ich „Kohls Mädchen“ bin, das will ich euch heute, anlässlich seines Todes, berichten:

Bayern ist bekanntlich schwarz. Tiefschwarz. Doch dass Unions-Regenten direkt für Ehen und Kinder verantwortlich sind, das ist wohl auch in Bayern eher selten. Meine Eltern lernten sich jedoch bei einer Veranstaltung von Helmut Kohl in der Nibelungenhalle in Passau kennen. Dienstlich waren sie dort, beide waren sie bei der bayerischen Polizei. Mein Papa tat jedoch 1982 in Franken Dienst, sozusagen am anderen Ende des Freistaats und hätte wohl ohne den Auftritt des späteren Kanzlers der Einheit, meine Mutter im schönen Niederbayern nicht so schnell oder eher gar nicht kennengelernt. (Auch die Passauer Neue Presse erinnert hier an diesen historischen Auftritt – denn in Passau hielt Kohl eine seiner ersten Reden als Kanzler! Erst am 1. Oktober war er durch das konstruktive Misstrauensvotum an die Macht gekommen.)

Vielleicht war es für mich daher so undenkbar, dass Deutschland einen Kanzler haben könnte, der NICHT Helmut Kohl heißt. Am verlorenen Wahlabend des Jahres 1998 war ich entsprechend niedergeschlagen. Ja, ich interessierte mich schon sehr früh für Politik! Er reihte sich ein in die Liste „der ewigen Regenten“ meiner Jugend – Papst Johannes Paul II., Ministerpräsident Stoiber – von denen heute nur noch Königin Elizabeth übrig ist. An dieser Stelle: Long live our nobel Queen!

Kohl hätte meine Pate werden sollen

Leider hat Helmut Kohl nie davon erfahren, dass er so unmittelbar mit meiner Geburt zu tun hatte. Meine Mama hat sich zwar überlegt, an sein Büro zu schreiben und ihn um eine (Ehren)Patenschaft für mich zu bitten. Gemacht hat sie es jedoch leider nicht.

Die Familie Kohl habe ich aber auch nach der Kanzlerschaft, aus diesem persönlichen Interesse heraus, nie aus den Augen verloren. In studiVZ trat ich in die Gruppe ein: „Ehrenvorsitz für Dr. Helmut Kohl“ – die Gruppen dort beschrieben einen ja besser als das eigentliche Profil, auf dem ich als Heimatland „Europa“ angab. Ganz Kohlianer irgendwie.

Für diesen Blogpost habe ich mich extra in studiVZ eingeloggt und musste feststellen, dass die Helmut-Kohl-Gruppe inzwischen gelöscht ist. Ob ich schon vor der Löschung aus ihr austrat, weiß ich nicht.

Es dürfte wohl ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich endgültig von studiVZ zu Facebook wechselte, dass ich Walter Kohls Buch „Leben oder gelebt werden“* nicht las, sondern vom Sohn selbst vorgelesen, als Hörbuch* hörte. Und irgendwie verabschiedet sich damit von mir ein Stück Erinnerung an eine heile Kindheit:

So gern hatte ich das Ehepaar Kohl am Wolfgangsee zusammen urlauben sehen. War das alles nur eine Inszenierung, wenn er entspannt (mit Strickjacke natürlich) seine Hannelore über den See ruderte und beide dabei in die Kameras lachten? Und jetzt soll er nicht einmal im Familiengrab beigesetzt werden? Das bleibt also am Ende von der Ehe eines so großen Christdemokraten!

Als Historikerin werde ich mit Argusaugen beobachten, was mit den Akten geschieht, die Kohl der Adenauer-Stiftung zunächst schon übereignet, dann jedoch wieder zurückgefordert hat. Sofern er dazu selbst überhaupt noch in der Lage war.

Wenn ich Fotos der neuen Frau Kohl mit dem Kanzler sehe, meine ich, dort Liebe zu erkennen. Aber wen geht das schon etwas an! Für mich jedoch wird Hannelore auf ewig „Frau Kohl“ bleiben. Ich weiß nicht, ob Dr. Maike Kohl-Richter ärgert, dass sie in die Geschichte wohl eben nicht als Frau vom Kohl eingehen wird und deshalb die alleinige Deutungshoheit über Kohls Lebenswerk für sich beansprucht?

Plant Diekmann ein Buch mit Kohl-Witwe?

Ich jedenfalls warte schon gespannt auf das Buch, das sie vielleicht mit Kai Diekmann schreiben wird. Das ist zu diesem Zeitpunkt nur eine Vermutung von mir. Wie es der Zufall will, habe ich Diekmann, just fast genau ein Jahr vor dem Tod des Altkanzlers, interviewt. Damals war er noch Bild-Chefredakteur und stritt mir ab, dass Kohl in Oggersheim lebt (hier nachzulesen und -sehen).

Natürlich lebte er in diesem Stadtteil Ludwigshafens, natürlich war mir klar, dass Kohl für seine provinziale Herkunft immer belächelt wurde. Kai Diekmann konnte natürlich auch nicht wissen, dass er mit „Kohls echtem Mädchen“ sprach 😉

Ich gebe zu, ich hätte Helmut Kohl gerne einmal „live“ gesehen. Als ich mit dem Zug durch Ludwigshafen fuhr, reckte ich meinen Kopf zu beiden Seiten des Waggons hinaus. Wahrscheinlich saß er zu diesem Zeitpunkt jedoch im Garten seines Bungalows – mit Strickjacke. Ich selbst liebe auch Strickjacken, einen Pfälzer Saumagen habe ich jedoch noch nicht gegessen. Macht nichts, denn jetzt wurde im Zuge der Berichterstattung über seinen Tod enthüllt, dass es gar nicht Kohls Lieblingsgericht gewesen sein soll.

Vielleicht ist es besser so, dass ich nie Kohls Patenkind geworden bin. Wer weiß, vielleicht forsche ich eines Tags über ihn. Möge er jetzt erstmal in Frieden seine ewige Ruhe finden dürfen! Ich danke Helmut Kohl für eine ganz besondere Einheit: Die Ehe meiner Eltern, die mich für immer zu „Kohls Mädchen“ gemacht hat!