Zeitzeugengespräch mit Max Mannheimer bei der Hanns-Seidel-Stiftung

26 Mai

Als Dr. Gudrun Hackenberg-Treutlein in ihrer Begrüßung zumindest einen Teil der Auszeichnungen, die Max Mannheimer in seinem Leben erhalten hat, aufzählen will, unterbricht sie der KZ-Überlebende bestimmt: „Ich habe 30 Auszeichnungen, lassen Sie das.“ Im zweiten Anlauf – beim ersten Termin war Mannheimer erkrankt – fand am Mittwoch, den 23. Mai 2012, das sog. Zeitzeugengespräch, organisiert vom Club der Altstipendiaten (CdAS), im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) statt. Der 92-jährige sprach dabei mit klarer Stimme in österreichisch-böhmischem Akzent, ganz ohne Skript und Mikro.

Fast die gesamte Familie im Holocaust verloren

Er, dem Unfassbares in seinem Leben widerfahren ist – seine erste Frau Eva, seinen Vater, seine Schwester und Mutter sah er in der Nacht vom 1./ 2. Februar 1943 an der Todesrampe von Ausschwitz-Birkenau zum letzten Mal – spricht ohne Hass.

Einige Passagen liest Max Mannheimer aus seinem Buch „Spätes Tagebuch“ vor. Zuvor nimmt er einen Schluck Wasser und trinkt auf das Wohl der Zuhörer: „Mögen Sie solchen Sachen nur von Zeitzeugen hören, aber nie selbst erleben müssen!“ Obwohl dieses Buch nur wenige Seiten hat, hat es mich tief bewegt, weil es den Wahnsinn des Nazi-Regimes auf den Punkt bringt.

Verleihung des Europäischen Karlspreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Trotz seiner 92 Jahre noch zu Scherzen aufgelegt: Max Mannheimer und ich.

Nachdem 1938 das Sudetenland von Hitler besetzt wird, muss die jüdische Familie Mannheimer ihre Heimatstadt Neutitschein verlassen und nach Ungarisch-Brod übersiedeln. Am heutigen Samstag wurde Mannheimer eine weitere Auszeichnung verliehen: Er erhielt den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

„Spricht hier irgendjemand tschechisch?“, fragt Mannheimer seine Zuhörer im Konferenzzentrum. Später wird er die Frage auch noch für russisch, ungarisch und serbokratisch stellen. All diese Sprachen beherrscht er, nur mit dem Bayerischen habe er so seine Probleme, denn Dialekte seien am Schwierigsten zu erlernen.

So ernst das Thema, so unfassbar schrecklich das Erlebte – Max Mannheimer erzählt seine Geschichte mit viel Charme und will dabei seinen Zuhörern vor allem die Schuld nehmen. Oft schon hat er vor Schulklassen gesprochen, ihnen macht er klar: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber, dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Keine Auswanderung nach Israel, um bei der Familie zu bleiben

Wenige Wochen nachdem Familie Mannheimer das damalige deutsche Reichsgebiet verlassen hatte, marschieren auch in Ungarisch-Brod deutsche Truppen ein. Max lehnt das Angebot ab, mit seiner ersten großen Liebe Viola und deren Familie nach Israel auszuwandern. Als ältester Sohn will er die Familie nicht im Stich lassen. Doch außer ihm wird nur der jüngste Bruder Edgar überleben.

Max Mannheimer wollte sich in Ausschwitz selbst töten

Mit ihm an seiner Seite kommt Max Mannheimer nach Theresienstadt, Ausschwitz, Warschau, Dachau und weitere Außenlager. Angesichts dieser Überlebensgeschichte möchte man meinen, Max Mannheimer habe in den KZs und Arbeitslagern der Nazis einen außergewöhnlichen Überlebenswillen entwickelt. Doch er sagt, dass er sich bereits in Ausschwitz in einen elektrischen Zaun werfen wollte und ihn nur sein Bruder, der Optimist von beiden, davon abgehalten habe, indem er fragte: „Willst du mich allein lassen?“ Und das wollte er eben nicht.

„Spätes Tagebuch“ durch Zufall entstanden

Mein signiertes Exemplar von Max Mannheimers Buch „Spätes Tagebuch“.

„Heute spricht Max Mannheimer für alle Verstorbenen oder denjenigen, deren Stimme angesichts des Erlebten versagt“, so Dr. Gudrun Hackenberg-Treutlein vom CdAS. Dabei hat er nur durch einen Zufall sein Buch geschrieben, als er in den 1960er Jahren glaubte, er müsse sterben. Obwohl er sich nach der Befreiung durch die Amerikaner zunächst geschworen hatte, nie mehr deutschen Boden zu betreten, kehrte er kurz nach Kriegsende nach Deutschland zurück – der Liebe wegen.

Heute ist Max Mannheimer 92 Jahre und schön langsam finde er zu seinem Glauben zurück, den er während des Holocausts verloren habe, denn: „Der Herr hat mir eine Aufgabe gegeben und lässt mich diese nun schon so lange ausüben.“ Es bleibt zu wünschen, dass Max Mannheimer sich, u. a. als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, noch eine lange Zeit für Freiheit und Humanität einsetzen kann!

Max Mannheimers Buch „Spätes Tagebuch“ ist im Buchhandel erhältlich, es kann jedoch auch bei der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gegen eine Schutzgebühr von 2 Euro angefordert werden (jedoch nur in Bayern bestellbar).

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